Ölindustrie

Ein lupenreiner Aufsichtsrat – Schröder bei Rosneft

Rosneft-Chef Igor Setschin (l.) und Altkanzler Gerhard Schröderam Freitag in St. Petersburg.

Rosneft-Chef Igor Setschin (l.) und Altkanzler Gerhard Schröderam Freitag in St. Petersburg.

Foto: Peter Kovalev / imago/ITAR-TASS

Der russische Staatskonzern Rosneft hat einen neuen Chefkontrolleur: Altkanzler Gerhard Schröder. Seine Aufgabe ist mindestens heikel.

St. Petersburg.  Zu kaum einem anderen Regierungschef hat Gerhard Schröder (SPD) als Bundeskanzler ein so enges Verhältnis aufgebaut wie zum russischen Präsidenten Wladimir Putin. Am Ende seiner Amtszeit, nach sieben Jahren im Kanzleramt, nahm Schröder einen Posten beim Pipeline-Betreiber North Stream an – einem Tochterunternehmen des staatlichen russischen Gaskonzerns Gazprom.

Nun hat Putin seinen Freund offenbar in die Führung eines weiteren russischen Energieriesen bugsiert, dessen Image deutlich schlechter ist als das von Gazprom: Schröder ist in den Aufsichtsrat des größten russischen Ölkonzerns Rosneft gewählt worden, leitet das Gremium sogar künftig. Er trete die Aufgabe gerne an und werde sich für das Wohl der Firma einsetzen, sagte der 73-Jährige am Freitag in St. Petersburg. Die Regierung in Moskau nannte den Einstieg Schröders bei dem Ölkonzern ein „bedeutsames Ereignis“.

Heftige Kritik an Schröder

Der Öl-Konzern Rosneft steht zwar auf der EU-Sanktionsliste wegen Russlands Übergriffen auf die Ukraine, doch Schröders langjährige Männerfreundschaft zum Kremlchef beeinträchtigt das nicht. Zu eng sind die Bande seit Jahren: Putin lud die Schröders zur weihnachtlichen Schlittenfahrt nach Moskau ein, Schröder feierte mit Putin Geburtstag in Hannover. Die guten Kontakte führten auch dazu, dass Schröder und seine damalige Frau Doris Schröder-Köpf zwei russische Kinder adoptierten.

Die Freundschaft Schröders zu Putin hat ihm auch viel Kritik eingebracht. Unvergessen seine Einstufung Putins als „lupenreiner Demokrat“, da war er noch Kanzler. Zuletzt kritisierte er die Stationierung von Bundeswehrsoldaten in Litauen nicht weit von der russischen Grenze entfernt – und stimmte in die Moskauer Nato-Schelte ein. Schröders Wahl zum Rosneft-Aufsichtsratschef geht selbst vielen Sozialdemokraten zu weit. Schröder sagte, sein Rosneft-Engagement diene besseren Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland.

Rosneft und die größten Ölreserven der Welt

Was der Kreml von dem gut vernetzten Schröder will, ist klar: Schon bei Nord Stream 1, der ersten Ostseepipeline von Gazprom, hat er erfolgreich als Türöffner in Europa gewirkt. Nun soll er das auch für Rosneft tun. Der russische Ölkonzern hält bereits Anteile an drei deutschen Raffinerien und ist ein wichtiger Investor.

Rosneft ist der größte russische Ölproduzent und förderte 2016 rund 210 Millionen Tonnen Öl- und Gaskondensat. Er kontrolliert auch die größten Ölreserven der Welt, etwa 37,7 Milliarden Fass (je 159 Liter) – genug, um Deutschland 43 Jahre lang mit Energie zu versorgen. Geführt wird der Konzern von Igor Setschin. Schröder soll Setschin beaufsichtigen, was schwierig werden dürfte. Denn Setschin gilt als zweitmächtigster Mann des Landes – und Putin-Vertrauter.

Kontrolle über Darth Vader der russischen Wirtschaft

Und als Manager mit eigenwilligem Geschäftsgebaren: Im Auftrag des Geheimdienstes FSB lockte er vor knapp einem Jahr den Wirtschaftsminister Sergei Uljukajew in sein Büro, trank mit ihm Tee und drückte ihm dann einen Wurstkorb sowie einen Aktenkoffer mit zwei Millionen Dollar in die Hand. Als der Minister in seinen Wagen stieg, wurde er festgenommen. Zuvor soll er den Kauf einer Ölfirma durch Rosneft behindert haben.

Kritiker bescheinigen dem Rosneft-Chef „sowjetmafiöse Managermentalitäten“. Sie werfen Setschin Misswirtschaft und Korruption vor. Schröder soll künftig über den Mann, der auch „Darth Vader der russischen Wirtschaft“ genannt wird, die Aufsicht führen. Man darf gespannt sein, ob sich dieser Mann vom deutschen Altkanzler kontrollieren lässt.

„Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins“

Setschin stammt wie Putin aus Leningrad, heute St. Petersburg, machte wie Putin Karriere beim russischen Geheimdienst KGB. Im städtischen Amt für Außenkontakte arbeitete er unter Putin. 1996 wechselte Putin in die Präsidialverwaltung nach Moskau, Setschin folgte. Putin wurde Präsident, Setschin stellvertretender Leiter der Kremlverwaltung. „Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins“, sagte ein Minister. Mit der Freundschaft Putin-Setschin im Kreml begann der Aufstieg des Rosneft-Konzerns.

Rosneft hat seinen Sitz in Moskau und ist an den Börsen in Moskau und London notiert. Der britische Konzern BP hält 19,75 Prozent. Der russische Staat verkaufte Ende 2016 rund 20 Prozent seiner Anteile an den Schweizer Rohstoffhändler Glencore und an das Emirat Katar – für Russland das bislang größte Privatisierungsgeschäft. Der Staat hält aber weiter die Mehrheit. Rosneft erhielt 2004 auch Teile von Yukos, dem aufgelösten Ölkonzerns des Oligarchen Michail Chodorkowski.

Einfach stillsitzen

Schröders neuer Arbeitgeber gilt als riesiger Sumpf, in dem immer neue Dollarmilliarden verschwinden. Rosneft braucht dringend einen Aufsichtsrat, der ausmistet. „Aber Schröder ist nicht so naiv, dass er irgendetwas unternimmt, was Putin nicht gefällt“, sagt der Petersburger Wirtschaftswissenschaftler Dmitri Trawin. Wahrscheinlich wird der Altkanzler etwas tun, wofür ihm die Russen rund 600.000 Dollar im Jahr bezahlen werden: Einfach stillsitzen. Als lupenreiner Aufsichtsrat.