Vermögen

81.000 neue Millionäre in Deutschland – binnen eines Jahres

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Michael Braun
Die Schere zwischen den Reichen und dem gehobenen Mittelstand klafft nicht mehr so weit auseinander.

Die Schere zwischen den Reichen und dem gehobenen Mittelstand klafft nicht mehr so weit auseinander.

Foto: Jens Wolf / dpa

Zwei Studien haben das Vermögen der Weltbevölkerung untersucht. Die Bundesbürger landen im internationalen Vergleich auf Platz 18.

Frankfurt/Main.  Die Zahl der deutschen Millionäre wächst, und die in der Welt auch. Hierzulande leben 1.280.300 Millionäre. Das waren gut 81.000 mehr als im Jahr zuvor, als das Beratungsunternehmen Capgemini knapp 1,2 Millionen Vermögensmillionäre gezählt hatte. Der Zuwachs von knapp sieben Prozent entspricht knapp dem globalen Durchschnitt.

Die Zahl der Reichen ist massiv gestiegen

Weltweit hat die Zahl der Reichen um 7,5 Prozent zugelegt. Das lag unter anderem an Ländern wie Russland oder Brasilien. Dort nahm trotz Sanktionen oder sinkender Wirtschaftsleistung die Zahl vermögender Menschen zweistellig zu – in Russland etwa um 20 Prozent. Auch das Vermögen der Reichen nahm im gleichen Umfang zu.

Die Leute von Capgemini kümmern sich schon seit Jahren um die HNWIs und ihr Vermögen. HNWI steht für „High Net Worth Individuals“, Menschen also mit hohem Nettovermögen. Zum „Club“ gehören Personen, die über ein anlagefähiges Vermögen von mehr als einer Million Dollar verfügen, „ausgenommen Sammlerstücke, Verbrauchsmaterialien und Gebrauchsgüter“, wie es penibel definiert ist. Die Villa im Tessin gehört also nicht dazu, der Picasso an der Wand auch nicht, es muss schon frei verfügbares Vermögen sein.

Die Nicht-Reichen haben aufgeholt

Die knapp 1,3 Millionen Millionäre machen in Deutschland etwa 1,6 Prozent der Bevölkerung aus. Ihr Vermögen dürfte einen größeren Anteil ausmachen. Zumindest weltweit ist es so, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 44 Prozent des Geldvermögens besitzt. 2000 waren es noch 47 Prozent. Die nach der Capgemini-Definition Nicht-Reichen haben also aufgeholt, vor allem der gehobene Mittelstand. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verfügten zu Beginn des Jahrtausends noch über 91 Prozent des Geldvermögens. Aktuell sind es noch 79 Prozent.

Die Daten stammen aus dem „Global Wealth Report“, den die Allianz vorgelegt hat. Doch wer hofft, es wachse weltweit ein „Mittelstandsbauch“, muss enttäuscht werden. Denn die ungleiche Vermögensverteilung wurde in Wahrheit nicht weltweit gedämpft. „Es hängt alles an China“, sagt Arne Holzhausen, der für die Allianz die Vermögensverteilung in der Welt untersucht hat. „Wir sehen vor allem, dass es der chinesische Ansturm in die globale Mittelklasse ist, der die Entwicklung forciert hat.“ Auch seien einige Superreiche für ihre Verhältnisse „verarmt“ und in den Mittelstand abgestiegen.

In Afrika tut sich nichts, in Lateinamerika sind 86 Prozent arm

Aber in Afrika habe sich überhaupt nichts in Sachen Vermögensaufbau bewegt, sagt Holzhausen. Der Kontinent bleibe für die Vermögensmesser eine „terra incognita“. In Lateinamerika lässt sich immerhin etwas messen. Heraus kommt, dass gut 86 Prozent der Bevölkerung zur unteren Vermögensschicht gehören.

Auch in Deutschland ist Ungleichheit messbar. Das durchschnittliche Netto-Geldvermögen, also ohne Immobilien und ohne Schulden, liegt hier pro Kopf bei 49.760 Euro. Das ist weltweit Rang 18. Aber die Hälfte der Bevölkerung hat deutlich weniger als 20.000 Euro – „ein Indiz für eine relativ ungleiche Vermögensverteilung“, heißt es in der Analyse.

Die Deutschen gelten als risikoscheu

Sehr viel ungleicher sind die Vermögen in den Vereinigten Staaten verteilt. Im Durchschnitt kommt ein US-Amerikaner auf gut 177.000 Euro Netto-Geldvermögen, aber die Hälfte aller Amerikaner besitzt nur rund 30.000 Euro. Die Reichen blasen den Durchschnitt also auf. Auch in der Schweiz: Dort beträgt das durchschnittliche Netto-Geldvermögen im Schnitt pro Kopf 175.720 Euro. Die Hälfte der Bevölkerung kommt aber auf „nur“ rund 92.000 Euro.

Dass sich die Ungleichverteilung in Deutschland schnell ändert, ist unwahrscheinlich. Dafür gehen die Deutschen auch zu risikoscheu mit ihrem Geld um. Ihr Geldvermögen wächst zwar, in den vergangenen Jahren im Schnitt um vier Prozent jährlich. Aber Kursgewinne aus Wertpapieranlagen tragen dazu nur ein Viertel bei. Im übrigen Euro-Raum sind es zwei Drittel, in Nordamerika drei Viertel.

Unterschiede auch wegen Deutschlands Rentensystem

In Deutschland wachse das Geldvermögen, weil die Menschen Konsumverzicht leisteten, also sparten, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. „Das zeigt noch einmal sehr stark, dass in anderen Ländern die Leute das Geld für sich arbeiten lassen und wir in Deutschland für das Geld arbeiten.“

Der hohe Wertpapierbesitz anderswo hängt auch mit einer kapitalgedeckten Altersvorsorge zusammen, während die hiesigen Rentenansprüche nicht zum Geldvermögen zählen. Der durchschnittliche Barwert der staatlichen Rentenzahlungen, der Betrag also, der im Schnitt zurückgelegt werden müsste, sollte die Rente des Durchschnittsbürgers daraus bezahlt werden, liegt bei 188.000 Euro. Doch könne das staatliche Rentensystem die niedrigen Geldvermögenswerte in Deutschland nicht allein erklären, erst recht nach den letzten Rentenreformen nicht, sagte Holzhausen. Da spricht wohl auch der Allianz-Manager, der private Altersvorsorge verkaufen will.

Die Millionäre investieren in Aktien und Immobilien

Die Reichen dieser Welt haben ihr Vermögen nach Angaben von Capgemini zu 31,1 Prozent in Aktien gesteckt. Die deutschen Millionäre und Milliardäre kamen auf einen Aktienanteil von 29,5 Prozent. Dafür investierten sie mehr in Immobilien. Ganz lässt sich die Vorsicht vor der Aktie als nationale Anleger-DNA nicht verbergen.

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