Karrieren

Thomas Middelhoff – Der tiefe Sturz eines Star-Managers

Foto: dpa Picture-Alliance / Marcel Kusch / picture alliance / Marcel Kusch/

Details zum Fall des Ex-Arcandor-Chefs enthüllt ein neues Buch. Es widerspricht der Darstellung Thomas Middelhoffs, er sei ein Opfer.

Essen.  Es ist wie ein Duell im Bücherregal. In seiner Autobiografie mit dem Titel „A 115“ rechnet der ehemalige Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, der derzeit im offenen Vollzug seine dreijährige Haftstrafe absitzt, mit Banken, Justiz und Kollegen ab. Auch Journalisten bekommen ihr Fett weg.

Einer von ihnen, der „Handelsblatt“-Redakteur Massimo Bognanni, bringt heute eine Art Erwiderung auf den Markt. In „Middelhoff – Abstieg eines Star-Managers“ beschreibt der Journalist den rasanten Aufstieg und den tiefen Fall des Managers und stellt die Opferrolle infrage, die Middelhoff in seiner Autobiografie spielt. „Wenn überhaupt ist Thomas Middelhoff das Opfer seines eigenen Geltungsdrangs“, schreibt Bognanni.

Die Rechercheergebnisse lassen Middelhoffs Opfer-These wanken

Zuvor hatte der Journalist das Angebot eines Middelhoff-Anwalts ausgeschlagen, an „A 115“ – benannt nach der Essener Gefängniszelle, in der Middelhoff saß – mitzuarbeiten. Stattdessen habe er Tausende Seiten von Dokumenten gesichtet, Hintergrundgespräche mit Weggefährten Middelhoffs geführt und in Archiven recherchiert, erzählt der Redakteur.

In diesen Puzzlesteinen stieß Bo­gnanni nach eigenen Angaben auch auf neue Fakten, die er nun erstmals in seinem Buch veröffentlicht. Erkenntnisse, die Middelhoffs Darstellung widerlegen sollen, wonach er ein Opfer der Justiz geworden sei.

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Justizquellen legen nahe: Es gab keinen Grund, von „Folter“ zu sprechen

„Ein Bericht des NRW-Justizministeriums und andere Justizquellen belegen, dass sich Herr Middelhoff sehr wohl den nächtlichen Suizidkontrollen hätte entziehen können, die er später als Folter bezeichnete“, sagte Bognanni dieser Zeitung. „Man hatte ihm mehrfach angeboten, in eine Zwei-Mann-Zelle zu wechseln. Das hat er abgelehnt. Herr Middelhoff war also nicht so machtlos, wie er es selbst beschreibt.“

Ein neues Licht wirft der Autor auch auf das Verhältnis zu Mark Wössner, der den Weg Middelhoffs an die Spitze von Bertelsmann geebnet hatte. Zu Wössners 70. Geburtstag hatte Middelhoff eine Festschrift herausgebracht. Die Kosten dafür in Höhe von 180.000 Euro zahlte am Ende der Arcandor-Konzern. Das sah das Landgericht Essen als erwiesen an, es war ein maßgeblicher Grund für die Haftstrafe.

Ziehvater Mark Wössner brach mit Middelhoff

„Neu ist die Erkenntnis, dass der Ziehvater Wössner mit seinem Zögling Middelhoff gebrochen hat“, berichtet Bognanni. „Er ist auf Hinweise gestoßen, dass Middelhoff dahintersteckte, dass Wössner als Aufsichtsratsvorsitzender bei Bertelsmann abtreten musste.“ Auch in diesem Detail sieht der Autor einen Beleg für die zahlreichen Widersprüche, die das Leben des Thomas Middelhoff kennzeichneten.

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Nach langer Beobachtung und vielen Gesprächen hat sich für Bognanni ein zwiespältiges Bild von Middelhoff verfestigt. „Er war ein charismatischer Mensch, der nicht übel mit seinen Mitarbeitern umgegangen ist. Allerdings verbunden mit einer eiskalten Professionalität, wenn es darum ging, wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Seine Glaubwürdigkeit wurde durch viele Brüche erschüttert“, sagt der Buchautor. „Weggefährten wandten sich von ihm ab, weil er abgehoben war und in seiner eigenen Wahrheit lebte.“

Es fehlt nicht an Mitleid für den gestürzten Manager

Und dennoch registrierte der Autor im Umfeld des Ex-Managers auch Mitleid. Ein Gefühl, von dem sich auch Bognanni selbst nicht ganz freimachen kann. Er bekennt: „Ich habe vollste Empathie für seine Erlebnisse im Gefängnis und dass seine Krankheit nicht frühzeitig erkannt wurde. Das tut mir leid.“

Das neue Buch über Middelhoff liest sich vordergründig wie ein Roman. Bognanni beschreibt den Aufstieg eines fleißigen jungen Mannes, der es vom Leiter einer Druckerei bei Bertelsmann zu einem der Top-Manager in Deutschland brachte. Der Autor beleuchtet aber auch die Schattenseiten dieses Thomas Middelhoff, eines Mannes, der nichts mehr gehasst habe als Staus und deshalb gern mit dem Hubschrauber zur Arbeit geflogen sei.

Arcandor blieb am Ende nur der Gang zum Insolvenzrichter

Die Eskapaden eines Mannes, der den Luxus in seinem Bielefelder Anwesen und in seiner Villa bei St. Tropez, die Intrigen, das Rampenlicht der Öffentlichkeit und die Selbstinszenierung geliebt habe. Der in den Konzernen, für die er arbeitete, aber bei Weitem nicht nur Erfolge zu verantworten hatte. Dem Karstadt-Mutterkonzern Arcandor blieb am Ende nur der Gang zum Insolvenzrichter.

Am 14. November 2014 fiel das Urteil. Die Essener Richter sahen es als erwiesen an, dass Middelhoff den ­Arcandor-Konzern mit privaten Ausgaben rechtswidrig belastet habe. Die Schadenhöhe bezifferten die Richter auf 485.000 Euro und verurteilten ­Middelhoff zu drei Jahren Haft. Zum Bild von Middelhoff gehöre auch, „dass er keine Reue, keine Demut und kein Verständnis für das rechtskräftige Urteil zeigt“, sagt Buchautor Bognanni. Middelhoff erweckt den Eindruck, „dass es dieses Urteil und die Bestätigung durch den Bundesgerichtshof gar nicht gibt.“