Abgas-Skandal

Abgasexperte: „Diesel ist mit Gipfel nicht mehr zu retten“

| Lesedauer: 3 Minuten
Wolfgang Mulke
Emissionsexperte Peter Mock: Man wusste, dass die Diesel-Fahrzeuge auf der Straße sehr viel höhere Emissionen haben als im Labor.

Emissionsexperte Peter Mock: Man wusste, dass die Diesel-Fahrzeuge auf der Straße sehr viel höhere Emissionen haben als im Labor.

Foto: ICCT

Der Wirtschaftschemiker Peter Mock hat den Abgas-Skandal aufgedeckt. Er glaubt nicht an die einfachen Lösungsangebote der Industrie.

Berlin.  Vom Besprechungsraum in der europäischen Zentrale des International Council on Clean Transportation (ICCT) aus blickt Europa-Chef Peter Mock auf den Hackeschen Markt in Berlin. Von Autos ist in dieser Fußgängerzone weit und breit nichts zu sehen.

Mock ist der Aufdecker des Abgas-Skandals, der bis heute Industrie und Politik beschäftigt. Im Jahr 2015 hat die von Stiftungen und Regierungen finanzierte Forschungsplattform für saubere Mobilität ihre auffälligen Messwerte bei VW-Dieselautos den Behörden gemeldet. Damit begann ein Skandal, der sich nun zu einem Erdbeben in der Automobilindustrie auszuweiten scheint. „Das hat uns überrascht“, sagt der 36-jährige Wirtschaftschemiker.

Nachrüstungsangebot der Industrie überzeugt Mock nicht

Selbstzünder werden nach seiner Einschätzung bald weitgehend aus dem Straßenbild verschwinden. „Der Diesel ist mit einem Gipfel nicht mehr zu retten“, vermutet Mock. Inzwischen sei das Vertrauen der Kunden in die Technologie nach vielen enttäuschten Versprechen so weit geschwunden, dass es kaum wieder hergestellt werden könne.

Auch überzeugt den Experten das Nachrüstungsangebot der Industrie für die Hälfte aller Euro-5-Fahrzeuge nicht. „Wenn der Speicherkatalysator zu klein ist, um die Stickoxide zu speichern, nutzt auch ein Update nichts“, erläutert er. Das sei bei vielen Modellen der Fall. Es gibt allerdings eine Alternative dazu: „Man müsste einen größeren Speicherkatalysator oder eine SCR-Technologie einbauen.“ Das wäre teuer. Das ICCT schätzt die Mehrkosten für eine moderne Abgasreinigung bei der Herstellung neuer Fahrzeuge auf rund 500 Euro.

Größe des Tanks ist nur ein Faktor

Eine Nachrüstung würde deutlich teurer werden, schätzt Mock. Auch das Versprechen, durch ein Softwareupdate verändern sich die Fahrzeuge nicht, hält der Fachmann für unglaubwürdig. Der Verbrauch werde sich leicht erhöhen. Alles andere käme einer Quadratur des Kreises gleich. Dabei könnten die Selbstzünder-Motoren laut ICCT sehr sauber sein. Doch dann verlieren sie ihren Kostenvorteil zunächst gegenüber dem Benziner, in einigen Jahren dann auch gegen den Elektromotor.

Umweltministerin Hendricks im VW-Werk
Umweltministerin Hendricks im VW-Werk

Steigenden Fahrzeugkosten beim Diesel stehen deutlich sinkende Herstellungskosten beim E-Mobil gegenüber. Spätestens Mitte des nächsten Jahrzehnts rechnen ICCT-Experten damit, dass Elektroautos günstiger werden als Verbrenner. „Das Kleinwagensegment wird auf Batteriefahrzeuge umgestellt“, glaubt Mock, nur im Spitzensegment gebe es dann noch Hybride oder Verbrennungsmotoren.

Die Vorwürfe gegen die Hersteller, sich über zu kleine Tanks für den Harnstoff zur Abgasreinigung verständigt haben, sieht der Chemiker skeptisch. „Die Größe des Tanks ist nur einer von mehreren Faktoren“, sagt er. Zum Beispiel könne ein Hersteller verschiedene Abgasreinigungstechnologien kombinieren. Dann sinke der Bedarf an Adblue. Einen direkten Rückschluss von der Tankgröße auf die Abgasemissionen sei daher nicht möglich.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft