Architektur

Immer mehr Firmen setzen auf Trend zum Großraumbüro

Arbeiten im engen Großraumbüro belastet die Gesundheit und senkt die Produktivität.

Foto: SolStock / Getty Images

Arbeiten im engen Großraumbüro belastet die Gesundheit und senkt die Produktivität. Foto: SolStock / Getty Images

Sie sollen die Kommunikation unter den Mitarbeitern verbessern. Doch Großraumbüros können auch sehr belastend wirken.

Berlin.  Lange dunkle Gänge, von denen Einer- oder Zweierbüros abzweigen. Die Türen sind geschlossen. Die Mitarbeiter treffen sich nur beim Kaffeeholen in der Küche, beim Mittagessen oder – falls mal eine Teambesprechung ansteht – im einzigen Konferenzraum. Ruhe und Konzentration im eigenen Zimmer, aber weniger Kontakt mit dem Team: Diese Büroarchitektur war beim Softwareunternehmen Datev aus Nürnberg in Stein gemeißelt, wie bei vielen großen Firmen.

Mittlerweile residieren die 1800 Entwickler in einem Neubau, genannt „Campus“. Jeder verfügt dort weiterhin über seinen eigenen Schreibtisch, meist in einem hellen Acht-Personen-Büro aufgestellt. Dazu aber sind diverse Besprechungsräume unterschiedlicher Größe auf den Etagen eingesprenkelt. Einzelzimmer für das konzentrierte Arbeiten und loungeartige Räume für den lockeren Austausch komplettieren das Angebot.

Bei externer Kommunikation geht die Rechnung nicht auf

Viele Unternehmen Deutschlands ändern ihre Raumaufteilung derzeit, wissen sie doch: Ein Großteil der Entscheidungen und Innovationen entsteht durch Kommunikation. Vorreiter sind dabei Branchen wie die Automobil- und die Pharmaindustrie mit ihren traditionell hohen Forschungsetats. „Gesucht sind Raumkonzepte, die das Miteinander fördern“, sagt Katharina Heuer, Chefin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Der Architekt Gunter Henn sagt: „Die kommunikationsfeindliche Architektur ‚Mittelflur mit Einzelhaft‘ hat ausgedient.“ Es gehe darum, einen möglichst hohen Wissensaustausch zu ermöglichen.

Der Automobilzulieferer Brose aus dem fränkischem Coburg geht sogar noch weiter als Datev. Die Mitarbeiter des Familienunternehmens erfahren erst morgens am PC, wo und mit welchen Kollegen aus anderen Abteilungen sie zusammen Aufgaben lösen sollen. Ähnlich auch das Konzept von Philips. Der Deutschlandableger des niederländischen Technikkonzerns hat das „Mallorca-Prinzip“ durchbrochen: Hier liegt mein Handtuch, das ist mein Bereich. Bestimmten Personen zugeordnete Arbeitsplätze sind bei Philips deshalb passé. Jeder fahndet morgens nach einem Platz, der für die anstehenden Aufgaben gerade passt.

Zwei Drittel arbeiten noch in kleinen Büros

So radikal gehen nur wenige Firmen vor. „Weltweit arbeiten noch zwei Drittel der Beschäftigten in Einzel- und Mehrpersonenbüros an fest zugewiesenen Arbeitsplätzen“, sagt Martin Klaffke, Professor für Personal an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Wenn allerdings Büros neu gebaut oder umgestaltet werden, dann nahezu immer mit offeneren Strukturen. Wirtschaftspsychologin Sarah Lütke Lanfer von der Universität Freiburg sagt, dass 15 von 17 Unternehmen, deren Büroumbauten untersucht worden seien, am Ende sogenannte Open Spaces geschaffen hätten – die moderne Variante des Großraumbüros.

Die aber haben eigentlich nicht den besten Ruf. Und das zu Recht. Zahlreiche Studien schreiben engen Großraumbüros sogar sehr negative Auswirkungen zu. Eine Untersuchung von Fraunhofer ergab, dass nur 20 Prozent der Befragten mit ihrer Büroumgebung sehr zufrieden sind. Am schädlichsten auf die Zufriedenheit wirken sich hohe Arbeitsplatzdichte, Störungen durch andere Kollegen und ständige Beobachtung aus.

Schlechte Raumplanung kann zum Minusgeschäft werden

Auch eine Untersuchung der Hochschule Luzern kam beispielsweise zum Ergebnis, dass mit der Zahl der Menschen in einem Büro die Unzufriedenheit steigt, Mitarbeiter klagen häufiger über Müdigkeit und juckende Augen. Das schlägt sich zum einen in messbaren Zahlen nieder: Die Ausfälle durch Krankheiten steigen, hinzu kommt gesunkene Produktivität, die sich schwerer messen lässt. Nicht alle, aber einige Forscher sind inzwischen sogar der Meinung, dass das Ganze nicht nur für die Angestellten, sondern auch für die Firmen deshalb ein Minusgeschäft ist – trotz meist geringeren Platzbedarfs und den damit verbundenen Einsparungen.

Entscheidend ist aber offenbar auch, welcher Tätigkeit die Angestellten nachgehen. Wird viel extern kommuniziert, schneidet der Großraum am schlechtesten ab. Dann sind die Kollegen, die auf der Pelle sitzen, nichts als ein weiterer Stressfaktor. Besser fällt die Bilanz zumindest aus Firmensicht aus, wenn enges, geschlossenes Teamwork angesagt ist. Dann sind Mitarbeiter in offenen Räumen zum Beispiel ohne eine Besprechung auf dem Stand, woran die Nachbarn arbeiten und welche Fortschritte sie machen. Kurze Zurufe sind möglich.

Unternehmen erlauben häufig den Rückzug nach Hause

Viele Unternehmen wissen inzwischen um die Komplexität des Themas – und setzen deshalb wie Datev nicht nur auf Großraum, sondern ergänzen ihn durch Rückzugsräume. Die maximale Ruhe und persönliche Autonomie bietet für viele allerdings das Zuhause. Das nutzen einige Unternehmen ganz gezielt. Udo Ernst Haner vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat den neuen Standort von Microsoft in München geplant. Bei der Tochtergesellschaft des US-Softwarekonzerns sieht es ähnlich wie bei Philips aus. Nur noch revolutionärer: Statt maximal zwei Tagen Homeoffice wie bei Philips können die Microsoftianer jederzeit von überall ans Werk gehen, vorausgesetzt, sie bringen die gleiche Leistung.

Wie unterschiedlich in Deutschland derzeit gearbeitet wird, zeigt eine Fraunhofer-Studie. Demnach können über 50 Prozent der Befragten zeitlich autonom arbeiten, mehr als 80 Prozent können selbst wählen, mit welchen Mitteln und Methoden sie ihre Arbeitsziele erreichen. Jedoch können lediglich 40 Prozent selbst entscheiden, wo sie arbeiten. Ohne fest zugewiesenen Schreibtisch wie im Beispiel Philips arbeitet jeder Fünfte.

Die Lage ist also komplex, und neben der Produktivität des Unternehmens steht sogar die Gesundheit der Mitarbeiter auf dem Spiel. Personalexperten wie Katharina Heuer raten deshalb, Konzepte erst im Pilotbetrieb auszuprobieren. Der Softwareentwickler Datev ist dafür ein Beispiel. „Anders als von Beraterseite empfohlen, brauchten wir mehr kleine Besprechungsräume für Austausch und Kreativität als Rückzugsbüros für hoch konzentriertes Arbeiten“, sagt ein Datev-Sprecher. „Das hätten wir später nicht oder nur schwierig ändern können.“

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