Wirtschaft

Europas größter Tuchhändler plaudert aus dem Nähkästchen

fabfab-Chef Andreas Seifert im Lager seines Unternehmens

Foto: Marcelo Hernandez

fabfab-Chef Andreas Seifert im Lager seines Unternehmens Foto: Marcelo Hernandez

Wie ein Schenefelder Unternehmer die Textilbranche umkrempelt. Früher gingen die Kunden ins Kaufhaus, heute zu ihm ins Internet.

Hamburg. Ein Stoffhändler müsste eigentlich gern aus dem Nähkästchen plaudern. Doch Andreas Seifert (45) braucht ein wenig, bis er anfängt, über sich und seine Herkunft zu erzählen. Etwa darüber, dass seine Mutter zwar Schneiderin war, leider aber so gar nichts von ihrem handwerklichen Geschick an den Sohn vererbt hat. „Ich scheitere schon daran, einen Knopf anzunähen“, sagt der promovierte Betriebswirt schmunzelnd.

Trotz dieses leichten Handicaps ist der Chef der Schenefelder Firma fabfab gerade dabei, die jahrhundertealte Branche der Tuchhändler umzukrempeln. Still und heimlich hat sich das 2003 gegründete Unternehmen, dessen Name für „fabulous fabrics“ steht, zu Europas größtem Onlinehändler für Stoffe entwickelt. Über eigene Plattformen wie stoffe.de hat fabfab im vergangenen Jahr 2,3 Millionen Meter Textilien in rund 800.000 Paketen verkauft. Der Umsatz bewegt sich nach den Worten des Geschäftsführers im „mittleren zweistelligen Millionenbereich.“

Es ist ein trister Hinterhof

Von solchen Dimensionen ahnt der Besucher erst einmal nichts, wenn er auf einem tristen Hinterhof im Schenefelder Gewerbegebiet nach der Firmenzentrale sucht. Erst in einer unscheinbaren Lagerhalle tut sich plötzlich das Paradies für Hobbyschneider auf. Auf Metallregalen lagern Tausende von Ballen: Baumwollstoffe mit aufgedruckten Blumen oder Pinguinen, karminrote Seide, blaue Jeansstoffe, Lackstoffe, Leder, Leinen, Loden. Es gibt „Star Wars“-Stoffe mit aufgedruckten Jedi­rittern, graue Raschelspitze, die gut zum Blockbuster „Fifty Shades of Grey“ passen soll, oder ein Nähpaket, aus dem sich ein Tischläufer schneidern lässt. 7500 unterschiedliche Textilien sind es allein in dieser Halle, zusammen mit einer weiteren Lagerstätte in Halstenbek kommt fabfab auf ein Angebot von 15.000 Stoffen.

Näh-Videos auf YouTube erzielen Millionen Klicks

„Wir profitieren stark vom Trend zum Selbermachen“, sagt Seifert, während er durch die Halle führt. Nähen und Stricken galten lange als altmodisch, mittlerweile sind diese Hobbys dank moderner Kommunikationsformen wieder in. „Es gibt WhatsApp-Gruppen mit 50.000 Mitgliedern, die sich nur übers Nähen unterhalten“, erzählt der fabfab-Chef. Auf YouTube erklären Nähfans Schnittmuster für Jerseykleider oder T-Shirts und erzielen damit Millionen Klicks.

Allerdings scheint der ganz große Nähboom der Vorjahre gerade ein wenig abzuebben. 1,25 Milliarden Euro wurden 2016 mit Stoffen und anderen Näh-Utensilien bundesweit umgesetzt, wie aus einer Untersuchung des Branchenverbands Initiative Handarbeit hervorgeht. Das war zwar deutlich mehr als 2012, allerdings nicht ganz so viel wie 2015. Sowohl bei Stoffen als auch bei Garnen und Strickwolle waren die Erlöse leicht rückläufig, nur die Umsätze mit Nähmaschinen legten zu.

Was dem Schenefelder Unternehmen definitiv in die Hände spielt, ist der Strukturwandel in der Branche. Viele Warenhäuser haben ihre Stoffabteilungen abgeschafft oder deutlich reduziert. Das Alsterhaus, früher eine Pilgerstätte für nähbegeisterte Hamburgerinnen, versteht sich schon seit Langem als Luxuskaufstätte für große Modelabels. Bei Karstadt an der Mönckebergstraße gibt es zwar noch Stoffe, doch die Auswahl ist deutlich geschrumpft.

Früher war es Karstadt

Gleiches gilt für die sogenannten Kurzwaren, also Knöpfe, Reißverschlüsse oder anderes Nähzubehör. Auch hier ist fabfab mit weiteren rund 30.000 Artikeln in die Bresche gesprungen. Im oberen Stockwerk der Schenefelder Lagerhalle finden sich endlose Reihen mit Borten und Kordeln. Es gibt Knöpfe aus Leder und Bambus und sogar neongelbe in Buchstabenform. Eine Wand ist nur mit den farbenfrohen Garnrollen des führenden deutschen Herstellers Gütermann bedeckt. „Deren größter deutscher Abnehmer war früher Karstadt“, sagt Seifert. „Heute sind das wir.“

Große Onlinehändler wie Amazon oder Otto halten sich aus dem Stoffgeschäft aufgrund des hohen Aufwands weitgehend heraus. Rund 100 der 250 Mitarbeiter sind bei fabfab damit beschäftigt, bestellte Stoffe bis auf zehn Zentimeter genau zuzuschneiden und in Pakete zu verpacken. „Dieses Geschäft lässt sich nur schwer automatisieren“, sagt Seifert. „Dazu wären enorme Investitionen notwendig.“

Die Idee zu einem Stoffhandel im Internet hatten die drei Pinneberger Brüder Jörn, Melf und Nils Haack im Jahr 2003. „Ein solches Angebot gab es damals nicht“, erzählt der gelernte Außenhandelskaufmann Nils, der schon zuvor im Textilimport tätig war und heute für das Lager und die Mitarbeiter bei fabfab verantwortlich ist. „Freunde und Bekannte hielten uns für verrückt. Niemand wollte glauben, dass jemand Stoffe kauft, die er nicht vorher in der Hand gehabt hat.“

Doch die Idee funktionierte. Aus drei Bestellungen, die am Anfang im Pinneberger Büro eintrudelten, wurden schnell mehr, sodass die Brüder ihre eigentlichen Berufe aufgaben und sich ganz auf den Stoffhandel konzentrierten. Von 400.000 Euro im Jahr 2006 schoss der Umsatz 2007 auf etwa eine Million Euro in die Höhe. Das Problem mit der fehlenden Haptik lösten die Gründer mit dem Versand von Musterpaketen – ein Konzept, das fabfab bis heute beibehalten hat.

Die Geschäfte liefen so gut, dass die Brüder nach dem Umzug nach Schenefeld gar auf die Idee kamen, ein eigenes Stoff- und Nähcenter zu eröffnen – samt Kreativschule und Ateliers für Schneider oder Hutmacher. Doch das erwies sich als teures Hirngespinst. 2015 wurde die Idee beerdigt.

Der Marktführer soll Gewinn machen

Seit rund einem Jahr führt nun Andreas Seifert die Geschäfte bei fabfab. Der Marketingexperte, der zuvor für Barclaycard und den Essens-Lieferdienst Delivery Hero arbeitete, will vor allem die Profitabilität des Unternehmens erhöhen. Das stürmische, teils chaotische Wachstum der vergangenen Jahre hat zwar zur europäischen Marktführerschaft geführt, Gewinne haben die Gründer und Investoren mit fabfab jedoch nicht erwirtschaftet. In diesem Jahr strebt das Unternehmen durchaus ein weiteres Erlösplus an. „Die Erhöhung des Umsatzes hat aber nicht oberste Priorität. Vor allem geht es darum, im nächsten Jahr in die Gewinnzone zu kommen“, sagt Seifert.

Erreichen will dies der Chef unter anderem durch eine direktere Zusammenarbeit mit den Produzenten in Asien und Europa. Dies soll für signifikant höhere Margen sorgen. Helfen soll auch der Aufbau eigener Marken, bei denen die Schenefelder das gesamte Design übernehmen und so den Wertschöpfungsgrad erhöhen. Bereits 2013 wurde die Bio-Marke Tula eingeführt, die in Indien hergestellt wird und nach dem Standard GOTS zertifiziert ist. Dieser garantiert, dass die Textilien zu 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen.

Jüngere Kunden ansprechen

In Kürze wird fabfab unter der Marke marble lake eine eigene Modekollektion zum Nachschneidern auf den Markt bringen. „Damit wollen wir vor allem jüngere Kundinnen ansprechen“, sagt Annika Nagel, die die Kollektion mit entwickelt hat. In dem Büro der Markenmanagerin hängt ein hellblau und rot karierter Mantel, den auch Anfängerinnen schon nähen können. Beim schwarz-weißen Stoff für ein T-Shirt haben die Designerinnen darauf geachtet, dass das Muster für Mittelteil und Ärmel auch dann noch zusammenpasst, wenn die Anfänger nicht so genau auf den Zuschnitt achten.

Da hätte dann selbst fabfab-Chef Seifert mit seinen bescheidenen Nähkenntnissen eine Chance, zu einem Erfolgserlebnis zu kommen.

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