Hamburg

Abends geht der neue Aurubis-Chef zum Yoga mit Herrn Holm

Juergen Schachler (62) steht seit Anfang Juli an der Vorstandsspitze von Aurubis. Die Kupferhütte hat 2300 Beschäftigte in Hamburg. Sein Vertrag läuft zunächst über drei Jahre

Juergen Schachler (62) steht seit Anfang Juli an der Vorstandsspitze von Aurubis. Die Kupferhütte hat 2300 Beschäftigte in Hamburg. Sein Vertrag läuft zunächst über drei Jahre

Foto: Andreas Laible / HA

Im Interview spricht Jürgen Schachler über seine Pläne für den Hamburger Kupferkonzern – und seinen stadtbekannten Schwager.

Hamburg. Seit drei Monaten ist der frühere Stahlmanager Jürgen Schachler (62) Vorstandsvorsitzender des Aurubis-Konzerns. Das Abendblatt sprach mit ihm über die Zukunft von Europas größtem Kupferkonzern, über Sport, Flüchtlinge und Aktienkurse.

Herr Schachler, hatten Sie in den drei Monaten, die Sie jetzt in Hamburg sind, schon Gelegenheit, einen Auftritt Ihres Schwagers Herr Holm zu sehen?

Jürgen Schachler: Ja, natürlich. Das tue ich regelmäßig. Das erste Mal habe ich ihn vor mehr als 30 Jahren bei einem Freiluftfestival in meiner Heimatstadt Hannover gesehen. Er kommt ja vom Straßentheater.

Fühlen Sie sich vom Mann Ihrer Schwester immer noch gut unterhalten?

Ja unbedingt. Heute Abend gehe ich übrigens mit ihm zum Yoga.

Yoga mit Herrn Holm, das klingt interessant. Wie kommen Sie auf Yoga?

Meine Frau hat das angeregt. Im Moment sitze ich ja sehr viel am Schreibtisch und komme wenig dazu, mich zu bewegen. Einmal war ich gemeinsam mit ihm schon da. Es tut mir sehr gut.

Sie sind aus Südfrankreich nach Hamburg umgezogen. Wie haben Sie das verkraftet?

In Frankreich hatten wir es wirklich sehr schön, aber auch in Hamburg kann man sehr gut leben. Unseren beiden jüngeren Töchtern im Alter von 14 und 16 Jahren ist der Umzug allerdings schon schwergefallen. In der Familie wurde vorher intensiv diskutiert. Seit Anfang August ist die ganze Familie in der Stadt, inklusive Katze. Wir haben ein Haus mit Garten in der Nähe des Treppenviertels gefunden.

Wie wird man Vorstandsvorsitzender von Aurubis? Ruft da ein Headhunter an?

Ja, genau, und anfangs war ich eigentlich wenig interessiert. Aber er hat es geschafft, mich zu interessieren. Und in den anschließenden Gesprächen mit dem Aufsichtsrat ist das Interesse zum Entschluss gereift, diese Position zu übernehmen.

Was genau finden Sie an Aurubis interessant?

Das Geschäftsmodell von Aurubis ist gut und stimmig. Dennoch bietet das Unternehmen noch genug Potenzial zur Weiterentwicklung. Darin liegt für mich der Charme.

Sie waren viele Jahre lang Manager in der kriselnden Stahlbranche. Wie würden Sie den Unterschied zur Kupferbranche beschreiben?

Der Stahlbranche geht es ja gerade wieder etwas besser, aber im Grunde ist sie seit 30 oder 40 Jahren in einer sehr schwierigen Situation mit einigen guten Jahren zwischendurch. Ich habe bei meinem früheren Arbeitgeber den Zusammenschluss von Arcelor und Mittal miterlebt und mitgestaltet, von dem man sich eine gewisse Beruhigung versprochen hatte. Auch das hat nur zum Teil funktioniert. In der Kupferbranche geht es nach meinem Eindruck etwas weniger dramatisch zu. Und Aurubis hat dort immer eine Führungsposition gehabt und hat sie noch. Sicher gab es auch mal Jahre, in denen es nicht so gut lief, aber insgesamt ist man nicht ständig getrieben von Umständen, auf die man selbst keinen großen Einfluss hat. Das sind gute Voraussetzungen dafür, eine langfristige Strategie zu entwickeln und auch umsetzen zu können.

Wie würden Sie sich als Chef beschreiben? Was halten Sie vom Duzen des Vorgesetzten und von einer lockeren Kleiderordnung, die viele Firmen sich jetzt verordnen?

Ich trage heute Krawatte, weil man mir gesagt hat, Sie bringen einen Fotografen mit. Wenn bestimmte Gäste zu Besuch kommen, tue ich das auch. Wenn ich nur am Schreibtisch arbeite, eher nicht. Hier siezen wir uns, in meiner vorherigen Position wurde Englisch gesprochen, da duzt man sich ja automatisch. Ich glaube aber, das „Sie“ macht keinen Riesenunterschied. Nicht die Anrede ist wichtig, sondern man muss als Führungskraft durch Kompetenz und Leadership überzeugen.

Als Sie sich bei der Aurubis-Hauptversammlung den Aktionären vorstellten, haben Sie erzählt, dass Sie schon seit Jahren Aktien des Konzerns besitzen und sich zugleich für eine „Veränderung der Charaktere“ im Unternehmen ausgesprochen. Was haben Sie damit gemeint?

Aurubis ist ein klassisches Hamburger Unternehmen, das europa- und weltweit präsent ist. In die Welt hinausgehen heißt für mich auch, tatsächlich selbst hinauszugehen. Ich kenne viele stolze Hamburger, die ihr ganzes Leben am liebsten im schönen Hamburg verbringen möchten. Ich glaube aber, dass – wenn man weiter wachsen will – auch tatsächlich ein Austausch von Menschen stattfinden sollte und dass es wertvoll ist, drei, vier oder auch fünf Jahre in einem anderen Land gelebt und gearbeitet zu haben.

Verstanden worden ist Ihre Bemerkung über das weitere Hinausstreben des Konzerns auch als Ankündigung eines Expansionskurses. Wird Aurubis in drei Jahren auch in einem Werk in Südamerika oder Asien produzieren?

Ich denke, die Strategie wird sich in diesem Punkt nicht signifikant verändern. Wir schauen uns an, welche Möglichkeiten es gibt und werden das mit dem Aufsichtsrat diskutieren.

Der Aktienkurs entwickelt sich eher mäßig. Er lag schon mal bei 60 Euro, Anfang des Jahres bei 36, derzeit bei etwa 50 Euro. Wie zufrieden ist Ihr größter Aktionär, die Salzgitter AG, damit?

Wenn man sich das gesamte Segment der Hütten- und der Minenpapiere ansieht, erkennt man, dass sich Aurubis noch relativ gut geschlagen hat. Der Kursrückgang erfolgte nach einem Rekordjahr, in dem es in allen Marktbereichen fast optimale Bedingungen gab. Das ist in diesem Jahr in einigen Bereichen anders. Das kann man auch bei Salzgitter nachvollziehen. Hinzu kommt in diesem Jahr der geplante Großstillstand des Werks in Bulgarien. Im Übrigen: Wenn man für 36 Euro gekauft hat, hat man jetzt schon 30 Prozent Wertsteigerung. Für ein Jahr ist das doch ganz gut.

Zurück nach Hamburg: Bürgermeister Olaf Scholz hat das Stammwerk in diesem Jahr bereits zweimal besucht. Was sollte der Senat tun, um Aurubis das Wirtschaften zu erleichtern?

Da gibt es eine lange Liste.

Und auf der steht was?

Zunächst einmal: Die Stadt ist sehr hilfreich, es gibt da einen offenen Austausch, zum Beispiel über Wärmerückgewinnung. Ich mag Verschwendung überhaupt nicht. Wir haben hier im Werk einen Überschuss von etwa 60 Megawatt Wärme, die bei der Produktion entstehen, aber nicht weiter genutzt werden können. Mit dieser Energie könnte man mehrere Hamburger Stadtteile heizen. Wir möchten in einem ersten Schritt die östliche HafenCity versorgen. Über 20 Megawatt treiben wir derzeit eine Vereinbarung voran, auch über die anderen 40 Megawatt sind wir mit dem Bürgermeister und mit Senator Jens Kerstan in guten Gesprächen.

Ist Hamburg aus Ihrer Sicht denn überhaupt noch ein attraktiver Standort für ein Industrieunternehmen?

Deutschland ist ein Hochkostenstandort, und eine Kupferhütte in großer Nähe zur Innenstadt steht natürlich unter besonderer Beobachtung. Deshalb ist das Stammwerk heute technologisch und umwelttechnisch einer der besten Standorte der Welt. Ich glaube, dass hohe Kosten weniger wichtig sind, wenn man gleichzeitig hohe Kompetenzen dagegensetzen kann. Aurubis kann ein Beispiel dafür sein, wie man durch optimalen Einsatz von Kompetenzen hohe Kosten zu einem großen Teil kompensieren kann.

Wie intensiv werden Sie in das Stammwerk noch investieren?

Es kann sich ja schon räumlich nur noch um Abrundungen und Ergänzungen handeln. Der Platz ist begrenzt, es gibt nicht viele Möglichkeiten für Erweiterungen.

Das Werk hat 2300 Beschäftigte. Wird sich diese Zahl verändern?

Ja, wir haben konzernweit 6300 Mitarbeiter, davon 2300 in Hamburg. Ich glaube nicht, dass es am Hamburger Standort signifikante Sprünge in die eine oder andere Richtung geben wird.

Wie sieht es bei Aurubis mit der Beschäftigung von Flüchtlingen aus?

Hier in Hamburg haben wir Beschäftigte mit Migrationshintergrund aus 40 Nationen. Flüchtlinge werden ein Thema werden. Derzeit gibt es aber noch manche bürokratische Hürde und auch die Sprachbarrieren. Es würde uns freuen, wenn sie abgebaut würden. Bislang haben wir einen syrischen Flüchtling in die Ausbildung übernommen.

Das ist nicht viel. Sollte gerade die Industrie nicht mehr Verantwortung in dieser Frage übernehmen?

Sicherlich kann Integration nur über Arbeit und Ausbildung erfolgreich sein. Wir bemühen uns darum, aber vieles scheitert derzeit an einer fehlenden Arbeitsgenehmigung.

Zum Schluss ein ganz anderes Thema: Als Aurubis sich Ende 2015 als Namenssponsor der Hamburger Volleyballdamen-Bundesligateams endgültig zurückzog, kam das in der Stadt nicht gut an. Kehrt der Konzern unter Ihrer Führung ins Sportsponsoring zurück?

Ich habe selbst 20 Jahre Volleyball gespielt, danach Mannschaften trainiert und bin tatsächlich auf den VT Aurubis und seine Bindung an den Konzern aufmerksam geworden. Profisport kann eine Marke transportieren, aber wenn sie international bekannt werden soll, ist ein nationaler Auftritt nicht genug. Also: Ja, es hat sicherlich etwas gebracht, aber: Nein, ich glaube nicht, dass wir zu dieser Art der Werbung zurückkehren werden. Wir bleiben in Hamburg im Breitensport und bei Jugendbildungsprojekten aktiv, auch im Sozial- und Kultursponsoring. Deshalb werden wir beispielsweise Partner des Publikumsorchesters der Elbphilharmonie.