Einzelhandel

Schuhhaus Schockmann trotzt der Krise und expandiert

Michael Schockmann, Inhaber der Firma Schockmann-Schuhe, in der künftigen Filiale in Blankenese

Michael Schockmann, Inhaber der Firma Schockmann-Schuhe, in der künftigen Filiale in Blankenese

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Fachhändler haben es schwer gegen die Onlinekonkurrenz. Das Hamburger Traditionsgeschäft eröffnet trotzdem eine neue Filiale.

Hamburg.  Michael Schockmann sitzt auf der lindgrünen Bank im neuen Schuhhaus des Hamburger Traditionsunternehmens. Rund um den Inhaber türmen sich Kartons, baumeln Kabel von der Decke, und immer wieder rollen Lieferanten Paketwagen mit neuer Ware durch die Tür. Gut 160 Quadratmeter hat der Inhaber angemietet, in bester Lage an der Blankeneser Bahnhofstraße. „Wir eröffnen in ein paar Tagen, es ist noch einiges zu tun“, sagt der Kaufmann und weist mit einer Handbewegung auf die weitgehend leeren Regale.

Familiengeführte Händler geben auf

Schockmann, Anbieter für Bequemschuhe mit einer mehr als 100-jährigen Tradition, mit Standorten in der City und Poppenbüttel, expandiert in einer Zeit, in der viele andere familiengeführte Händler der Branche aufgeben. Er investiert einige Hunderttausend Euro in Blankenese, während andere Einzelkämpfer im Wettbewerb mit großen Ketten und preisaggressiven Internetanbietern die Segel streichen.

Im ersten Halbjahr hat der traditionelle Schuhhandel erneut Einbußen gemeldet: Einen Umsatzrückgang von rund zwei Prozent verzeichnet der Bundesverband des Deutschen Schuheinzelhandels (BDSE) in den ersten sechs Monaten des Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der stationäre Handel musste dabei ein Minus von gut drei Prozent hinnehmen, während der Onlinehandel um etwa fünf Prozent zulegte. Insgesamt beläuft sich das Umsatzvolumen des Schuhfachhandels nach BDSE-Berechnungen auf rund 4,4 Milliarden Euro im Jahr.

Die Branche leidet darunter, dass die Ware häufig zu lange im Geschäft liegt, dass die Spannung für den Kunden fehlt und die Passanten zunehmend die Innenstädte meiden. Seit 2015 ist der Marktanteil im stationären Schuhfachhandel um fast zehn Prozentpunkte gesunken. Gleichwohl werden vereinzelt neue Geschäfte eröffnet. So kündigte die Schuhkette Görtz unlängst an, in neue Filialen investieren zu wollen.

Schuhe mit Komfort

Michael Schockmann lässt sich von dem Negativtrend nicht beeindrucken. Seit einigen Monaten ist er Alleininhaber des Betriebs, den sein Urgroßvater Anfang des vergangenen Jahrhunderts gründete. Zuvor betrieb der 52-Jährige die Heimtextilmärkte Tepp & Tapp, trennte sich aber von der Kette und besinnt sich nun auf die Familienfirma. „Wir konzentrieren uns auf eine Nische“, begründet Schockmann den Wettbewerbsvorteil seiner Geschäfte. Marken wie Finncomfort, Heinrich Dinkelacker oder Think! stehen bei ihm für Schuhe vornehmlich aus Europa, die den Kunden Komfort garantieren sollen. Angeschlossen ist ein Schuhtechniker, der Einlagen fertigt, Zurichtungen erledigt, Reparaturen anbietet und die Käufer berät. Naturmaterialien für Allergiker, Modelle in verschiedenen Weiten sowie Maßanfertigungen runden das Angebot ab. Dabei sieht sich Schockmann als Dienstleister für Kunden, die sonst in Sanitätshäusern einkaufen, will zugleich aber auch den Wunsch nach Lifestyle bedienen.

Ökosandalen musste er als Schüler tragen

Eine Sonderkonjunktur erlebt auch Schockmann mit der Marke Birkenstock, die seine Familie in den 60er-Jahren als erster Händler in Hamburg anbot. „Die musste ich schon als Schüler tragen“, erzählt Schockmann und runzelt die Stirn. Heute erlebt die Öko­sandale fast irreale Erfolge, seit Heidi Klum, Leonardo DiCaprio oder Kate Hudson die Schlappe zum Shoppen oder auf dem Weg ins nächste Flugzeug tragen. Birkenstock wurde zum „coolen“ Schuh, verdoppelte 2015 seinen Umsatz gegenüber 2012 und gerät derzeit immer wieder an die Kapazitätsgrenze, obwohl der deutsche Hersteller in eine weitere Produktion und 1000 neue Mitarbeiter investiert hat. „Auch bei uns ist die Marke immer wieder ausverkauft“, sagt Schockmann.

Derzeit gebe es einen Lieferstopp. Der Kaufmann beobachtet bei den Kunden ein grundsätzliches Umdenken, auch über den Birkenstock-Hype hinaus. „Das Bewusstsein ändert sich“, sagt Schockmann, „Meldungen über schädliches Chrom in Produkten aus Fernost und Probleme mit Allergien“ trieben die Kunden zu seinen Marken. Billig sind diese Schuhe nicht, sie kosten im Schnitt, sagt Schockmann, gut 150 Euro. 30.000 Paare hat seine kleine Kette 2015 verkauft, und die positive Einstellung zum Bequemschuh will er weiter ausnutzen: „Wir denken an weitere Standorte, in der City und in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern.“

Außerdem will Schockmann den Onlineverkauf ankurbeln. Der neue, eigene Internetshop laufe gut an, auch die ältere Zielgruppe stöbere heute immer häufiger im Netz. Sogar der Einkauf per Smartphone bedroht die Schuhfachgeschäfte, wenn sie sich nicht auf den neuen Vertriebskanal einstellen: Inzwischen beziehen 28,7 Prozent der Verbraucher Bekleidung und Schuhe auch über ihr Smartphone, im stationären Web sind es 49,9 Prozent. Wobei Schuhe weiterhin bei beiden Onlineoptionen am häufigsten auf dem Einkaufszettel stehen.

Deutsche kaufen mehr Schuhe als die Italiener

Schließlich sind die Deutschen keine Schuhmuffel, geben ihr Geld dafür aber in immer mehr Vertriebskanälen aus: Im europäischen Vergleich sind sie beim Schuhkonsum sogar Spitzenreiter. Sie gaben 2015 im Schnitt 247,47 Euro für Damen-, Herren- und Kinderschuhe aus, das entspricht einem Plus von mehr als 25 Euro im Vergleich zu 2010, heißt es im jetzt erschienenen „Branchen-Report Schuhmode 2016“. Auf Platz zwei schließen sich die Italiener an, die pro Kopf 210,82 Euro ausgaben.

Neben den Onlineanbietern wie Zalando versuchen die bekannten Marken mit eigenen Geschäften bei den Kunden zu punkten. So ist derzeit etwa die US-Marke Timberland mit zahlreichen Eröffnungen von Monolabel-Stores in Deutschland auf Expansionskurs. Aber auch Camper aus Spanien oder Gabor präsentieren sich immer häufiger auf eigenen Flächen. Der klassische Schuhfachhandel spürt reichlich Gegenwind, im neuen Laden in Blankenese, der am 1. September eröffnet, herrscht dagegen Optimismus: „Wir schätzen, dass wir den Umsatz bis 2020 verdoppeln können“, sagt Schockmann.