Serie: Die 100-Jährigen

Das Hamburger Traditionsgeschäft, in dem ein Licht aufgeht

Nico Hagenah, 38, führt seit 2006 die Geschäfte in der Ewigen Lampe

Nico Hagenah, 38, führt seit 2006 die Geschäfte in der Ewigen Lampe

Foto: Andreas Laible

Früher hat die Ewige Lampe Gasherde und Geschirr für Soldaten verkauft. Heute setzt das Geschäft auf Beratung und Service.

Ewig. So lange scheint es her zu sein, dass diese Geschichte beginnt. In einer Zeit, als Lampen eine Seltenheit waren. Als Schaufenster nachts dunkel blieben. Als es Gaslaternen gab und Laternenanzünder, die abends die Lampen anzündeten und sie am nächsten Morgen erloschen. Es ist das Jahr 1889, als Heinrich J. Frank in der Wexstraße sein Geschäft eröffnet. Ins Schaufenster stellt er eine Petroleumlampe, die nie gelöscht wird. Die Tag und Nacht brennt. Die ewig brennt. Und dem Geschäft den Namen gibt: „Ewige Lampe“. Es ist das Jahr, in dem der britische Physiker James Prescott Joule stirbt und Carl von Ossietzky geboren wird. In dem die erste Musikbox mit Münzeinwurf in San Francisco aufgestellt wird. In dem ein Kilo Kartoffeln 0,07 Mark kosten und ein Liter Vollmilch 0,17. Es ist die Zeit, die später als Deutschlands Eintritt in die „Moderne“ bezeichnet wird.

Zwischen damals und heute liegt eine Ewigkeit. 126 Jahre, drei Umzüge und noch mehr Eigentümerwechsel. Nico Hagenah, 38, ist der sechste Inhaber und führt die Geschäfte seit 2006. Seine Eltern Uwe, 74, und Monika, 71, hatten die Ewige Lampe Mitte der 1980er-Jahre übernommen, weil der damalige Eigentümer selbst keinen Nachfolger hatte und das Geschäft verkaufen musste. So wie bereits der Gründer Heinrich J. Frank sein Unternehmen einst nicht vererbte, sondern Anfang des vergangenen Jahrhunderts an Wilhelm Ernst Steindorff verkaufte. Man weiß heute, dass Steindorff das Geschäft bis Anfang des Ersten Weltkrieges alleine führte, dann aber Heinrich Friedhelm Bormann zuerst als Teilhaber aufnahm und ihm das Geschäft vier Jahre später schließlich übergab. Fast 100 Jahre ist das her. 100 Jahre, in denen Bormanns Tochter heiratete, ihr Mann Horst Bodenberger in die Firma einstieg und die Ewige Lampe führte – bis er sie schließlich an die Hagenahs weiterreichte.

Nico Hagenah kennt die Fakten, doch die Hintergründe der Übergaben sind im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten. Verloren gegangen. So wie viele Firmenunterlagen, die während der Ausbombungen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Nichts ist für die Ewigkeit.

Trotzdem, oder gerade deswegen, will die Ewige Lampe ihre Firmenchronik bewahren. An den Wänden neben der Treppe hängen historische Dokumente aus mehreren Jahrzehnten. Alte Fotos und Blechschilder, vergilbte Werbeprospekte und Rechnungen. Auf einer ist die Nummer des Fernsprechers zu lesen (Gruppe 1, Nr. 2185) auf einer anderen der Preis für eine „Küchenbeleuchtung Zug mit Schale“ (vier Mark). Ein Foto zeigt das Geschäft in der Wexstraße mit Pferdefuhrwerk, ein anderes die spätere Filiale am Großen Burstah mit parkenden Autos. Und immer wieder taucht das Logo auf. Die Zeichnung eines Mannes mit Lampenschirm auf dem Kopf. Was es damit auf sich hat? „Angeblich soll sich Heinrich J. Frank einmal in ausgelassener Stimmung bei einer Skatrunde einen Vesta-Schirm auf den Kopf gesetzt und gesagt haben: Ich bin die ewige Lampe“, weiß Nico Hagenah. So, wie er so vieles über den Laden weiß. Den Laden, in dem seine Mutter Monika Ende der 1950er-Jahre als 15-jähriges Mädchen eine Lehre zur Bürokauffrau gemacht hat.

126 Jahre gibt es das Geschäft

Den Laden, mit dem er aufgewachsen ist. Fast jeden Tag ist er nach der Schule mit dem Bus von Tonndorf ins Geschäft gefahren, das damals im Großen Burstah war. Hier hat er seine Schulaufgaben gemacht. Hier hat er mit dem Warenannehmer Herrn Möller Leuchten ein- und ausgepackt. Und hier hat er „die schlimmste Zeit des Lebens“ miterlebt. Als der Mietvertrag der Ewigen Lampe gekündigt wurde und seine Eltern innerhalb von drei Monaten neue Räume suchen und umziehen mussten, mit 70 Lastwagenladungen. Als sie Tag und Nacht in der Stadt unterwegs waren, bis sie durch Zufall den neuen Standort am Neuen Wall entdeckt haben.

126 Jahre Ewige Lampe sind 126 Jahre Veränderung. Veränderung in der Beleuchtungstechnik, Veränderung des Sortiments. Petroleum. Gas. Glühbirnen. Halogenlampen. LED-Technik.

In den Anfangsjahren wurden neben Petroleumlampen auch Gasherde und Geschirr für Soldaten verkauft, später gehörten sogar Familienherde sowie Koch-und-Wärme-Apparate zum Sortiment. Heute versteht sich die
Ewige Lampe als reines Beleuchtungsfachgeschäft. Mit 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche, einer hauseigenen Werkstatt, Lieferservice und Montagedienst. Mit Angeboten wie diesen will Nico Hagenah sich von der Konkurrenz absetzen und sein Image als Fachgeschäft ausbauen. „Wir wollen eine Nische ausfüllen und etwas anbieten, das es weder im Internet noch in Baumärkten gibt“, sagt Nico Hagenah. Er kennt die Branche, kennt die Konkurrenz.

Bei der Ewigen Lampe brennt immer Licht

Er hat eine Ausbildung bei Max Bahr gemacht und hier lange im Einkauf gearbeitet, bevor er 2001 bei seinen Eltern einstieg – und das Geschäft 2006 übernahm. „Für meinen Vater stand immer fest, dass er mit 65 Jahren aufhört“, sagt Nico Hagenah und spricht das aus, was wenige aussprechen: „Und das war gut so.“ Gut, damit er sein eigenes Ding machen konnte. Seinen eigenen Weg geht. Gut, damit er einfach er selbst ist. Und nicht nur der Sohn des Inhabers.

So muss es sein, findet er. So will er es selbst auch machen, wenn es irgendwann so weit ist, und er das Geschäft an seine Söhne übergibt. Doch daran denkt er heute noch nicht. Dafür seien die beiden einfach noch zu klein. Und er selbst zu jung. Bis dahin dauert es noch ewig.

Die Geschichte der Ewigen Lampe endet hier. Erst einmal. Nico Hagenah hat gleich Feierabend, geht nach Hause. Vorher schließt er den Laden ab, schaltet die Lichter ab. Aber nicht alle. Sieben Lampen lässt er brennen. Tag und Nacht. Ewig.

So kommen Sie hin:

Neuer Wall 42, Telefon: 040/36 58 29. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr. Internet: www.ewige-lampe.de