Nürnberg

Autozulieferer Leoni um 40 Millionen betrogen

Leoni-Vorstandschef
Dieter Belle bei einer Pressekonferenz. Noch ist
unklar, ob der Konzern nach dem Betrug sein Jahresziel erreicht

Leoni-Vorstandschef Dieter Belle bei einer Pressekonferenz. Noch ist unklar, ob der Konzern nach dem Betrug sein Jahresziel erreicht

Foto: picture alliance / dpa

Mitarbeiter des Konzerns fallen offenbar auf den sogenannten Chef-Trick herein. Die Aktie des Unternehmens stürzt ab.

Nürnberg.  Der deutsche Autozulieferer Leoni ist Opfer eines millionenschweren Betrugs geworden. Die bislang unbekannten Täter hätten dafür gefälschte Dokumente und Identitäten sowie elektronische Kommunikationswege genutzt, teilte das im MDAX notierte Unternehmen am Dienstag überraschend mit. Damit seien liquide Mittel auf Konten im Ausland transferiert worden. Der Schaden belaufe sich auf rund 40 Millionen Euro. Die Aktie des Konzerns, der vorwiegend Kabelbäume für viele deutsche Autobauer liefert, gab nach der Mitteilung zeitweise um gut zehn Prozent nach.

Ein Unternehmenssprecher wollte sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht zu Details äußern. Der Betrug sei erst am Freitag vergangener Woche erkannt worden.

Aus dem Firmenumfeld hieß es, jemand habe sich gegenüber Kollegen als Leoni-Mitarbeiter ausgegeben und behauptet, „besondere Befugnisse zu haben“. Auf diese Weise habe er „bestimmte Geschäftsvorgänge vorbereiten“ lassen. Das Besondere sei dabei nicht das Vorgehen der Betrüger an sich, „sondern die Höhe des Schadens“.

Der Vorstand des Nürnberger Konzerns leitete nach Unternehmensangaben umgehend eine Untersuchung der Vorfälle ein und prüft Schadenersatz- und Versicherungsansprüche. Ebenso sei Anzeige erstattet worden. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft war die Anzeige jedoch noch nicht eingegangen.

Die Auswirkungen auf das Ergebnis kann das Unternehmen derzeit noch nicht abschätzen. Die Liquiditätslage des Konzerns sei jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt.

Das Vorgehen der Täter ähnelt dem „Chef-Betrug“ (amerikanisch: „CEO-Fraud“), mit dem Wirtschaftsbetrüger in den vergangenen Monaten bereits mehrere andere deutsche Unternehmen um große Beträge erleichtert hatten. Bei dieser Weiterentwicklung des berüchtigten „Enkeltricks“ meldet sich der vermeintliche Chef oder Finanzchef des Unternehmens – über eine gefälschte E-Mail-Adresse – in der Buchhaltung und drängt zur Eile: Für wichtige Transaktionen müsse dringend Geld überwiesen werden.

Betrüger bereiten sich wochenlang vor

Der Mitarbeiter wird zu „strikter Geheimhaltung“ verpflichtet. Dies und bereits vorbereitete Zahlungsaufträge mit der notwendigen – aber gefälschten – zweiten Unterschrift setzen die üblichen Kontrollmechanismen außer Kraft: So landen große Geldsummen auf ausländischen Konten.

Die Masche tauchte vor etwa zwei Jahren zuerst in der Schweiz und im französischsprachigen Europa auf. Hinter dem Betrug soll ein weltweit operierendes Netzwerk der organisierten Kriminalität stecken. Das FBI (US-Bundespolizei) bezifferte den weltweiten Schaden unlängst auf 3,1 Milliarden US-Dollar (2,8 Milliarden Euro) in 100 Staaten. Dem Bundeskriminalamt wurden seit 2013 etwa 60 solcher Betrugsfälle mit einem Gesamtschaden von 106 Millionen Euro bekannt. Der tatsächliche Schaden könnte aber höher liegen, weil diese Art des Betrugs nicht in der Statistik gesondert erfasst wird.

Nach Erkenntnissen der Ermittler sind die Betrüger über das Unternehmen bestens im Bilde und bereiten sich wochenlang vor. Betroffen sind demnach Großkonzerne und Mittelständler, anfällig seien patriarchalisch-autoritär geführte Firmen, in denen Zweifel und Widerspruch nicht erwünscht sind.