Konzernumbau

Eon-Chef Johannes Teyssen: „Radikalität macht Köpfe frei“

Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen.

Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen.

Foto: Ralf Rottmann / Funke Foto Services

Eon-Chef Johannes Teyssen spricht im Interview über den radikalen Umbau des Energieversorgers, Atomkraft und Windräder in Brandenburg.

Essen.  Johannes Teyssen, 56, ist seit sechs Jahren Vorstandschef des Essener Eon-Konzerns. Er hat den größten deutschen Energieversorger gerade in zwei Teile zerlegt – und hält den Energieriesen nun für glaubwürdiger.

Herr Teyssen, Sie sind mit der Abspaltung Ihrer Kraftwerkssparte Uniper auch den politisch umstrittensten Teil losgeworden. Liegt es daran, dass Sie nun so entspannt wirken?

Johannes Teyssen : Klares Nein. Was wir mit der Abspaltung gemacht haben, war der anspruchsvollste Umbau eines Konzerns, den es in Europa je gegeben hat. Wir mussten das gesamte Unternehmen auseinandersortieren und neu zusammensetzen. Dass wir das sauber hinbekommen und dass unsere Aktionäre mit einem so überwältigenden Ergebnis zugestimmt haben – das hat natürlich Lasten von mir und meinen Kollegen genommen. Mit „Loswerden“ von Kohlekraftwerken hat das nichts zu tun.

Sie haben jahrelang das politische Management der Energiewende kritisiert, besonders die negativen Effekte der Ökostromförderung für Kohle- und Gaskraftwerke. Jetzt profitieren Sie als grüne Eon davon.

Teyssen : Das kann schon sein.

In welchem Bereich sehen Sie für die neue Eon die größten Chancen?

Teyssen : Unsere Cashcow sind die Netze. Da spielt die Musik, die Netze werden das Internet der Energiewende. Was die nicht möglich machen, findet nicht statt. Hier geht es vor allem um Innovation und mehr Effektivität, weniger um Wachstum. Der Star sind die erneuerbaren Energien, sie werden weiter ein steiles Wachstum zeigen. Da geht es darum, Kapital zu organisieren und es in die richtigen Technologien effizient zu investieren. Die größte Unbekannte aber mit dem größten Potenzial sind die Kundenlösungen, sowohl für Privatkunden als auch für Unternehmen und Kommunen. Da weiß heute kein Mensch, wohin sich das genau entwickeln wird. Aber wir werden diesen Markt aktiv und relevant mitgestalten.

Zum Beispiel?

Teyssen : Wir züchten eine ganze Menge zarter Pflänzchen. Ob Blumen daraus werden oder eher Unkraut, muss man in jedem Einzelfall sehen. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob es in 20 Jahren noch den klassischen Vertrieb von Energie geben wird oder ob Strom über eine digitale Plattform nur noch geteilt wird. Wenn ja, wären wir gern dabei mit entsprechend kleinteiligen, dezentralen Netzen. Kurzfristig arbeiten wir daran, Privatkunden Photovoltaikanlagen mit Batterien anzubieten, damit sie sich stärker selbst versorgen können. Das bloße Einspeisen lohnt ja kaum mehr. Und wir helfen den Menschen dabei, Strom zu sparen.

Was für Erzeuger wie Uniper nicht so toll ist.

Teyssen : Zunächst gibt es gegenläufige Entwicklungen: Der Stromverbrauch kann in den nächsten Jahrzehnten steigen durch Mobilität und den Wärmemarkt. Die steigende Energieeffizienz läuft dem entgegen und wir werden unsere Kunden bei beiden Trends unterstützen. Eon wird für den Kunden nun auch beim Stromsparen glaubwürdig. Früher hätte uns das keiner abgenommen, weil wir schließlich selbst die Kraftwerke hatten, deren Strom wir verkauften. Jetzt haben wir wirklich eine radikale Kundenorientierung. Ich habe nichts anderes mehr als meine 32 Millionen Kunden. Wenn die mich nicht tragen, trägt mich nichts mehr. Wer das im Unternehmen nicht verstanden hat, hat ein echtes Problem. Wir müssen unsere Kunden überzeugen, damit wir eine Zukunft haben. Ich finde diese Radikalität ganz erfreulich. Sie macht die Köpfe frei.

Im Erzeugungsbereich ist Windenergie weit vorn, aber vielen geht die Verspargelung der Landschaft heute schon zu weit ...

Teyssen : ... mir teilweise auch, in manchen Teilen Ostdeutschlands, etwa im wunderschönen Brandenburg, hat man schon keinen freien Blick mehr. Man muss schon Rücksicht auf die Kulturlandschaft nehmen, deswegen halte ich Offshorewindparks für eine gute Lösung. Außerdem arbeiten wir an intelligenteren Lösungen für große Photovoltaikanlagen, die besser in die Landschaft integriert werden.

Der Atomausstieg und auch die Energiewende selbst sind mittlerweile Konsens in der Bevölkerung. Kann die Stimmung auch wieder kippen?

Teyssen : Beim Atomausstieg glaube ich das nicht. Aber mit Blick auf die Energiewende ist durchaus Vorsicht geboten. Den Leuten wurde immer versprochen, dass die Energiewende langfristig auch mit günstigeren Strompreisen einhergeht. Wenn wir das nicht halten können, gleichzeitig aber unsere Landschaft verspargeln, wird sich das rächen. Im Moment ist es auch deshalb ruhig, weil wir einen relativ hohen Wohlstand im Land haben. Wenn das kippt, haben wir ein Problem. Die AfD hat die Energiewende bereits für sich entdeckt. Wenn das Thema von Populisten besetzt wird, sollten wir sprechfähig sein und belegen können, dass wir nicht Milliarden verschwendet haben.

Umweltverbände wähnen mit der jüngsten EEG-Reform den Boom der Erneuerbaren ja jetzt schon am Ende.

Teyssen : Ach, da sage ich auch der Ökostromlobby, dass etwas mehr Bescheidenheit angemessen wäre. Wir können nicht ewig im Streichelzoo sitzen bleiben und nie endende Garantiepreise fordern, wenn der Rest der Welt die Erneuerbaren längst in den Wettbewerb stellt. Das Geschäft mit Erneuerbaren wird zu einer ganz normalen Industrie, die sich im Ringen um Kunden durchsetzen muss.

Sie haben jüngst eine Schadenersatzklage wegen der Abschaltung zweier Kernkraftwerke nach Atomkatastrophe von Fukushima 2011 verloren. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Teyssen : Bei dieser Klage hatte sich früh abgezeichnet, wie das Gericht entscheiden würde. Nach der Sommerpause rechnen wir mit der Entscheidung zur Brennelementesteuer, im Spätherbst wird das Bundesverfassungsgericht zur Enteignung der Konzerne ein Urteil fällen. Bis dahin haben wir hoffentlich auch eine Einigung mit der Politik über die Finanzierung des Kernkraftausstiegs. Und dann kann sich gerne der ganze Pulverdampf legen. Dann geht es nur noch darum, drei Kernkraftwerke sechs Jahre lang zu betreiben, den Rückbau zu organisieren und das Thema hinter uns zu lassen.

Sie können sich bei der Entsorgung des Atommülls freikaufen, die Regierungskommission verlangt dafür von den Konzernen neben den bisherigen Rückstellungen einen Risikozuschlag von sechs Milliarden Euro. Wie wichtig ist für Sie der Schlussstrich?

Teyssen : Wir sind grundsätzlich bereit, das Angebot der Kommission anzunehmen.

Ohne nachzuverhandeln?

Teyssen : Ich mache mir da keine Illusionen. Es gibt eine einstimmige Empfehlung der Kommission, die über alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen hinweg getroffen wurde. Dass jetzt die Kanzlerin sagt, sechs sei eine komische Zahl, nehmen wir lieber vier Milliarden, halte ich für ausgeschlossen. Über Details werden wir hart verhandeln. Aber drüber stehen die sechs Milliarden Risikozuschlag, und die halten ich für unverhandelbar.

Was wäre die beste Lösung für ein Endlager für Atommüll?

Teyssen : Da halte ich mich raus. Die Verantwortung dafür liegt ja ohnehin seit eh und je beim Staat – weil er das selbst so wollte. Ich könnte mir vorstellen, dass Deutschland ein besonders komplexes Verfahren bei der Standortsuche wählen wird und nicht einfach ein geeignetes Endlager sucht, sondern das beste – wonach man entsprechend länger suchen müsste.