Vegan, vegetarisch

Wieso ein fleischloses Leben verwirrend sein kann

Foto: rm / Hamburger Abendblatt

Produkte ohne Fleisch sind ein Millionenmarkt. Doch es fehlen vernünftige Kennzeichnungen und verlässliche Kontrollen.

Hamburg.  Etwa 800.000 Deutsche bezeichnen sich selbst als Veganer – ein Leben ohne Fleisch und Milch, keine Eier, kein Leder. Rund jeder zehnte Deutsche zählt sich zu den Vegetariern – ein immenser Wirtschaftsfaktor. 454 Millionen Euro investierten die Deutschen 2015 in vegane/vegetarische Produkte. Verbraucherschützer nehmen die Chancen und Risiken dieser Lebensweise unter die Lupe und starten nun eine große Umfrage rund um vegane/vegetarische Ernährung (www.verbraucherzentrale.de). Sie wollen herausfinden, wie die Deutschen beim Essen und Trinken ticken. Das Abendblatt beantwortet vorab wichtige Fragen:

Was ist eine vegane Ernährung?

Bei einer veganen Ernährungsweise wird ausschließlich pflanzliche Kost gegessen. Sämtliche Nahrungsmittel tierischer Herkunft – einschließlich Milch, Eier und Honig – werden gemieden. Auch Zusatzstoffe und Aromen sollten keine tierische Herkunft aufweisen. Manche Veganer verzichten zudem auf von Tieren stammende Materialien für Kleidung und Gebrauchsgegenstände wie Wolle und Leder.

Welche Hersteller springen auf den Trend auf?

Unilever hat eine vegane Becel-Margarine ins Programm genommen. Sie besteht vorwiegend aus einem Mix aus Sonnenblumen-, Raps-, und Leinöl – und ist laut Hersteller frei von tierischen Bestandteilen. Die Rügenwalder Mühle, ein Fleischanbieter, der seit Dezember 2014 auch vegetarische Produkte herstellt, weitet sein Programm immer stärker aus. Neuerdings hat der Hersteller sogar tiefgekühltes, vegetarisches Cordon Bleu oder Chickenburger im Programm. Auch der Wiesenhof-Konzern bietet vegetarische Fleischwurst oder Schnitzel an. Der Erfolg der fleischlosen Produkte ist auch auf Handelsmarken zurückzuführen, die günstiger sind als die klassischen Markenartikel. Sie kommen in der fleischlosen Nische mittlerweile auf einen Marktanteil von fast einem Fünftel.

Was ist das Problem der Produktschwemme?

Unternehmen wie Wiesenhof, die wegen schlechter Bedingungen für Tiere und Mitarbeiter in die Kritik geraten sind, würden kleine Vegan-Marken verdrängen, sagt Sandra Neumeier, Inhaberin des Vegan-Geschäfts Twelve Monkeys – Vegankrams auf St. Pauli. Durch günstigere Kostenstrukturen schafften es ihre Produkte in die Regale der Supermärkte, während viele kleinere Produzenten hier nach und nach ausgemustert würden.

Wo finde ich fleischlose Waren?

In Altona hat schon vor Jahren einer der ersten deutschen veganen Supermärkte geöffnet. Das Geschäft wird geführt von der Kette Veganz, die bundesweit mehrere Shops betreibt, etwa in Berlin, Leipzig, Essen und München. In den Veganz-Filialen werden rund 4500 vegane Produkte von über 260 Lieferanten angeboten. Veganz-Betreiber Jan Bredack beschreibt seine Kunden: „70 Prozent Frauen, 60 Prozent Akademiker mit gutem Einkommen.“ Er ist zuversichtlich, dass die Nachfrage nach veganen Produkten wächst: „Wir verdreifachen jedes Jahr unseren Umsatz.“

Nach fünf Jahren nehmen seine Supermärkte zusammen schon 80 Millionen Euro im Jahr ein. Das Geschäft Twelve Monkeys – Vegankrams auf St. Pauli bietet ein rein veganes Sortiment mit einem besonderen Fokus an: Hier liegt der Schwerpunkt auf kleinen Anbietern, auf Kollektiven und regionalen Produzenten wie zum Beispiel der Hamburger Riegel-Manufaktur. Veganz betätigt sich auch als Großhändler veganer Produkte: Bei Edeka, Globus, Metro, Netto und in allen deutschen dm-Drogerie-Märkten finden Kunden eine Auswahl des Sortiments. Bei dm stehen neben Lebensmitteln beispielsweise auch vegane Sonnenpflege oder Duschgels im Regal. Budnikowsky hat neuerdings auch vegane Weine im Sortiment. Selbst Aldi und Lidl erkennen die Marktchancen – und bieten vegetarische und vegane Lebensmittel an.

Welche Zusatzstoffe werden nicht gekennzeichnet?

Eiklar oder aus Wollfett hergestelltes Vitamin D ist in als „rein pflanzlich“ deklarierten Produkten zu finden. Gelatine kommt als Klärungsmittel für Wein oder Säfte zum Einsatz. Den Zusatzstoff L-Cystein, der aus Schweineborsten hergestellt wird, benutzen Bäcker als Mehlbehandlungsmittel bei der Brot-Produktion. Auch an Etiketten, die mit Knochenleim aufgeklebt werden, stören sich viele Veganer.

Wie sind die Produkte gekennzeichnet?

Schon in der seit Dezember 2014 gültigen Lebensmittelinformations-Verordnung ist in Artikel 36 vorgesehen, dass die Europäische Kommission eine einheitliche Definition für „Informationen über die Eignung eines Lebensmittels für Vegetarier und Veganer“ erlässt. Diesem Bedarf ist die Kommission aber nach wie vor nicht nachgekommen. Das kritisiert etwa der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Die Bezeichnung „vegan“ ist lebensmittelrechtlich nicht definiert und nicht geschützt. Die Kontrollen sind zudem wenig transparent. Daher fordern Experten, dass die Bezeichnung „vegan“ EU-weit einheitlich, rechtsverbindlich definiert wird. Es müsse ein staatliches Siegel verbunden mit unabhängigen Kontrollen eingeführt werden, fordern Verbraucherschützer.

Welches Siegel ist vertrauenswürdig?

Das Siegel des Vegetarierverbandes sowohl für vegane als auch für vegetarische Waren sei zuverlässig, heißt es bei der Verbraucherzentrale Hamburg.

Auch vegetarische Produkte müssen nicht gesund sein. Erkenne ich das?

Manche Hersteller täuschen naturbelassene Lebensmittel nur vor. Anbieter verwenden zum Beispiel den Hinweis „ohne Zusatz von Glutamat“, dann wird aber Hefeextrakt eingesetzt. Außerdem wird erst Ende 2016 die Kennzeichnung der Nährwerte Pflicht. Auch daran hielten sich bisher viele Anbieter von Seitanschnitzeln oder Sojadrinks nicht, obgleich gerade Vegetarier oft den Wunsch hätten, sich bewusst und informiert zu ernähren, kritisiert Ernährungsexpertin Silke Schwartau.