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In Hamburger Firmen wird immer mehr Englisch gesprochen

Meeting bei Hapag-Lloyd. Die Mitglieder des Kühlcontainer-Managements kommen unter anderem aus Deutschland, den Niederlanden, der Türkei und Chile

Meeting bei Hapag-Lloyd. Die Mitglieder des Kühlcontainer-Managements kommen unter anderem aus Deutschland, den Niederlanden, der Türkei und Chile

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Schifffahrt, Banken, IT, Games-Branche: In Hamburger Unternehmen ist Deutsch nicht mehr wichtigste Sprache. Was Experten sagen.

Hamburg.  Die Firmenzentrale von Hamburgs Traditionsreederei Hapag-Lloyd am Ballindamm lässt nicht sofort vermuten, wie international es hinter den Mauern zugeht. Das Sandsteingebäude mit Kupferdach bildet neben dem Hotel Vier Jahreszeiten, Alsterhaus und Co. die Postkartenkulisse der Binnenalster. Hanseatischer geht es kaum. Da liegt es nahe, dass es auch im Inneren typisch hamburgisch, typisch deutsch zugeht. Doch in den Büroräumen von Hapag-Lloyd wird vornehmlich Englisch gesprochen.

Multinationalität und globale Geschäfte machen Englisch unabdingbar

„Unsere weltweite Unternehmenssprache ist Englisch“, sagt Hapag-Lloyd-Sprecher Rainer Horn. „Das ist die Sprache der Schifffahrt.“ Die größte deutsche Linienreederei ist in 117 Ländern vertreten. Weltweit beschäftigt sie 9500 Mitarbeiter. Sie sind global miteinander vernetzt. Da sei es notwendig, auf Englisch zu kommunizieren. Doch nicht nur das globale Geschäft mache die englische Sprache für Hapag-Lloyd so wichtig. Sondern auch die Multinationalität der rund 2000 Mitarbeiter in der Hansestadt. „Hier in Hamburg arbeiten Frauen und Männer aus rund 40 unterschiedlichen Ländern gemeinsam unter einem Dach“, sagt Horn. Bei Besprechungen und Präsentationen werde deshalb so gut wie immer Englisch gesprochen. „Oftmals sind Kollegen von anderen Standorten per Video oder Telefon zugeschaltet.“

Immer mehr global agierende, deutsche Unternehmen sind auf multinationale Teams angewiesen und setzen auf Englisch als Unternehmenssprache. Vor allem auf Managementebene verdrängt Englisch die deutsche Sprache zunehmend auf den zweiten Platz im Arbeitsalltag. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) ist das in der Regel am häufigsten in der IT- und Luftfahrtbranche der Fall. Allerdings werde Englisch vergleichsweise noch immer zu selten in deutschen Unternehmen gesprochen, meint Henning Vöpel, Direktor des renommierten Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Der Ökonom sieht englischsprachige Unternehmen als Chance, dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken.

Doch müssten dazu mehr deutsche Unternehmen ausländischen Fachkräften Anreize geben, um diese für sich zu gewinnen. „Es ist verfehlt zu glauben, allein durch Deutschkurse könne man den deutschen Arbeitsmarkt für qualifiziertes Fachpersonal aus dem Ausland attraktiv machen“, sagt Vöpel. Auch die Gesellschaft müsse bereit sein, ausländische Fachkräfte aufzunehmen und zu integrieren. „Wir müssen uns in Deutschland sprachlich öffnen“, sagt Vöpel.

1,5 Milliarden Menschen weltweit verstehen und sprechen Englisch

Eines der größten Hindernisse für ausländische Fachkräfte, einen Job in Deutschland aufzunehmen, ist laut der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesarbeitsagentur in Bonn die deutsche Sprache. Deutsch gilt demnach als schwer zu erlernen. Aktuellen Statistiken zufolge gibt es derzeit mehr als 375 Millionen Menschen mit Muttersprache Englisch, weltweit wird es von mehr als 1,5 Milliarden Menschen gesprochen. Damit ist es die meistgesprochene Sprache der Welt. „Viele Hochqualifizierte lernen Englisch und gehen dann eben auch in englischsprachige Länder“, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Agentur für Arbeit Hamburg. „Auch skandinavische Länder oder die Niederlande sind für diese Leute attraktiv.“ Dort gebe es wesentlich mehr englischsprachige Unternehmen als in Deutschland. Denn die Bevölkerung lerne den Umgang mit der englischen Sprache bereits in der Kindheit, etwa durch nicht synchronisiertes Fernsehprogramm. „Das ist ein klarer Standortnachteil für Deutschland“, sagt Böhrnsen.

In vielen Abteilungen gibt es ein 50/50-Verhältnis von Deutsch und Englisch

In der Hamburger Niederlassung der Prüf- und Klassifikationsgesellschaft DNV GL ist Englisch nach eigenen Angaben immer dann die Arbeitssprache, wenn es betrieblich erforderlich sei. Das Unternehmen entstand im Jahr 2013 aus der Fusion des norwegischen Konzerns Det Norske Veritas (DNV) mit dem Germanischen Lloyd (GL). Die Gesamtfirmenleitung ist in Norwegen. Der maritime Stützpunkt liegt an der Elbe. Das deutsch-norwegische Unternehmen beschäftigt weltweit etwa 15.000 Mitarbeiter aus 116 Nationen. Die meisten davon sind Norweger (etwa 2000), darauf folgen Deutsche (zirka 1700) und US-Amerikaner (1500).

„Die tägliche Arbeit erfolgt oft standortübergreifend, Mitarbeiter kommunizieren global miteinander“, sagt Nikos Späth, Sprecher des Schiffs-TÜV in Hamburg. Hier arbeiten, so Späth, etwa 1300 Mitarbeiter aus 43 Nationen. Fast jeder Zehnte habe ausländische Wurzeln. Im Arbeitsalltag liege das Verhältnis zwischen gesprochenem Deutsch und Englisch in vielen Abteilungen bei 50 zu 50, so der DNV GL-Sprecher. In technischen Projektteams und auf Management-Ebene könne der Anteil des Englischen auch höher liegen, in anderen wie der regionalen Buchhaltung darunter. Genaue Vorgaben für die Sprachverwendung gebe es nicht. „Die Konstellation der Mitarbeiter ist entscheidend“, erklärt Späth. Seien Deutsche beispielsweise in einem Gespräch unter sich, würden sie naturgemäß in ihrer Muttersprache reden. „Sobald ein nicht deutschsprachiger Kollege dazustößt, wird die Sprache gewechselt.“ Für den internen Schriftverkehr gelte Englisch als Empfehlung. „E-Mails sollten für alle Mitarbeiter verständlich sein“, so Späth.

Auch die Finanz- und Spielebranche brauchen englischsprachige Mitarbeiter

Nachteile der Arbeit in englischer Sprache sehen beide Unternehmen nicht. Hemmungen gegenüber Muttersprachlern oder Kollegen mit besseren Englischkenntnissen gebe es nur selten, sagt Hapag-Lloyd-Sprecher Horn. „Fehlen einem Mitarbeiter in einer Konferenz doch einmal die Worte, helfen die Kollegen. Die Arbeit ist sehr partnerschaftlich.“ Sowohl Hapag-Lloyd als auch DNV GL bieten ihren Mitarbeitern Sprachkurse zur Weiterbildung. Für ausländische Fachkräfte auch Deutschunterricht.

Obwohl Englisch in der Schifffahrtsbranche Alltagssprache ist, wird im Hamburger Hafen als erste Amtssprache noch immer Deutsch gesprochen. Wie berichtet, soll sich das nach dem Willen des rot-grünen Senats allerdings bald ändern. Der Grund: Auf den mit Abstand meisten nach Hamburg einfahrenden Schiffen gilt Englisch als Bordsprache. Dass jedoch der Funkverkehr auf Deutsch stattfindet, stellt oft eine Schwierigkeit für Kapitäne aus dem Ausland dar. Zwar werden Lagemeldungen, Informationen zu Wetter und Verkehr und Warnungen sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache verbreitet. Es bleiben aber dennoch Hemmnisse in der Kommunikation bestehen. Ein Antrag zur Änderung ist eingereicht.

Englisch als Einstellungskriterium

Aber nicht nur in der Schifffahrt, sondern auch in anderen Branchen ist Englisch in Hamburger Firmen zur Unternehmenssprache geworden. So etwa auch bei dem Onlinespieleentwickler Innogames. „Englischkenntnisse sind eines unserer Einstellungskriterien“, sagt Sprecher Christopher Zur­heiden. Ein Großteil des Bewerbungsgesprächs erfolge auf Englisch. „Als wachsendes Unternehmen der Games- und IT-Branche sind wir neben deutschen auch auf internationale Fachkräfte angewiesen“, sagt Zur­heiden. Das Unternehmen beschäftigt in Hamburg und Düsseldorf insgesamt 400 Mitarbeiter aus 33 Nationen.

Und nach geeigneten Mitarbeitern für die Spieleentwicklung sucht Innogames nicht allein auf dem deutschen Arbeitsmarkt. „Die Masse an Fachkräften, die wir brauchen, ist allein in Deutschland nicht zu finden“, sagt Zurheiden. Dementsprechend lege man großen Wert auf Willkommenskultur. Im Juni vergangenen Jahres zeichnete das Bundeswirtschaftsministerium Innogames als eines von sechs Unternehmen für die vorbildliche Integration von internationalen Fachkräften aus.

Auf grenzüberschreitendes Recruiting setzt auch der Hamburger Kreditvermittler Kreditech. So finde man wesentlich schneller bestqualifizierte Mitarbeiter als bei einer lokal beschränkten Suche, sagt Sprecherin Anna Friedrich. „Die fachlichen Qualifikationen eines Bewerbers sind uns wichtiger als seine Deutschkenntnisse.“ Das Unternehmen beschäftigt weltweit mehr als 200 Angestellte, davon rund 150 am Hauptsitz Hamburg mit etwa 40 unterschiedlichen Nationalitäten. Englisch ist auch hier Einstellungskriterium. „Vor allem für leitende Positionen“, sagt Friedrich. Nur so könne das Unternehmen mit seinen Geschäftspartnern adäquat kommunizieren.

„Englisch muss zur Alltagssprache in Unternehmen werden“, fordert HWWI-Chef Vöpel. Der Personalbedarf deutscher Unternehmen könne nicht allein durch deutsche Arbeitnehmer gestillt werden.