Insolvenzen

Pleite gehen ist in Deutschland gar nicht mehr so leicht

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Michael Braun
Immer weniger Firmen müssen jährlich in Deutschland Insolvenz anmelden. Auch Privatleute gehen immer seltener pleite.

Immer weniger Firmen müssen jährlich in Deutschland Insolvenz anmelden. Auch Privatleute gehen immer seltener pleite.

Foto: imago stock&people / imago/Ralph Peters

Die Zahl der Verbraucher-Insolvenzen in Deutschland ist so klein wie seit 2005 nicht mehr. Auch für Firmen sieht es derzeit gut aus.

Frankfurt.  Dank Rekordbeschäftigung und stabiler Konjunktur sind in diesem Jahr erneut weniger Privatleute und Unternehmen in die Pleite gerutscht. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen sank um 8,6 Prozent auf 79.030, wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Dienstag in Frankfurt berichtete. Mit dem fünften Rückgang in Folge sei die Zahl der Verbraucherinsolvenzen vor allem dank des robusten Arbeitsmarktes auf den niedrigsten Stand seit 2005 gefallen.

Gleichzeitig mussten auch weniger Firmen den Gang zum Amtsgericht antreten. Allerdings verlangsamte sich der Rückgang: Nachdem sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2014 noch um 8,0 Prozent verringert hatte, fiel das Minus nun mit 3,3 Prozent deutlich geringer aus. Trotzdem: Mit 23.230 Unternehmen rutschten so wenige in die Pleite wie noch nie seit der Einführung der Insolvenzordnung 1999. Und: Gegenüber dem bisherigen Höchststand (2003/39 470 Fälle) habe sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um rund 41 Prozent verringert.

Insgesamt dominierten in Deutschland Kleinstinsolvenzen – auch wenn einige bekanntere Unternehmen wie der Baudienstleister Imtech Deutschland, die Handelskette Strauss Innovation oder der Kettcar-Hersteller Kettler Insolvenz anmelden mussten. So fiel der mögliche Schaden aus Firmenzusammenbrüchen geringer aus als im Vorjahr. Im Feuer standen Forderungen der Gläubiger in Höhe von insgesamt 19,6 Milliarden Euro nach 26,1 Milliarden im Jahr zuvor. Mit 225.000 Arbeitnehmern waren auch deutlich weniger (minus 14,8 Prozent) von der Insolvenz des Arbeitgebers betroffen als 2014.

Creditreform nennt Not und Konsumverschuldung als Gründe

Die relativ gute Pleitenstatistik 2015 war neben der bilanziellen Disziplin auch dem gesunkenen Ölpreis und den niedrigen Zinsen zu verdanken. Dass sich am Zinsniveau auf absehbare Zeit etwas ändere, glaubt Creditreform nicht. Eher sieht Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer von Creditreform, dass die Weltkonjunktur neuen Konkursdruck aufbaue: „Interessanterweise ist es so, dass wir in der Industrie durchaus wieder einen Zuwachs an Insolvenzen in diesem Jahr haben.“ Der sei gering, aber feststellbar, während im Handel und im Dienstleistungsbereich die Insolvenzzahlen noch sänken. „Das weist darauf hin, dass die Industrie schon punktuell mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat“, so Ulbricht. Die Krisen namentlich in Brasilien, China und Russland träfen „so manchen Exporteur“.

Die Privatinsolvenzen, so Michael Bretz, der Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, komme vor allem in zwei Formen vor: „Das eine ist die Not.“ Die habe abgenommen, weil die Beschäftigung gestiegen und die Arbeitslosigkeit gesunken sei.

Zudem gebe es die „Konsumverschuldung“. Die beträfe Menschen, die einen Arbeitsplatz hätten und sich von einem billigen Konsumentenkredit ansprechen ließen. Der sei ja „geradezu ein Marketinginstrument“ der Finanzbranche geworden. „Und das regt natürlich an, sich zu verschulden. Und diese Verschuldung kann dann in die Überschuldung münden.“

Mehr Privatinsolvenzen bei jungen Erwachsenen

Unter den gut 79.000 Privatinsolvenzen ist der Anteil der jüngeren Erwachsenen unter 30 Jahren von 14,6 Prozent im vorigen auf 15,4 Prozent in diesem Jahr gestiegen. Mit ihrem steigenden Anteil an der Bevölkerung entfallen auch immer mehr Insolvenzen auf die geburtenstarken Jahrgängse der Altersgruppen 50plus.

Senioren, die älter als 70 sind, nutzen die Privatinsolvenz weiterhin nur selten zur Entschuldung. Allerdings nimmt erfahrungsgemäß die Zahl der Privatinsolvenzen kurz vor der Rente zu: Dann wollen sich viele Überschuldete von ihrer Last befreien – auch, weil sie nicht mehr wissen, wie sie sie abarbeiten können. Auch wenn die Privatinsolvenz noch mit einem Stigma behaftet sei, so Bretz, gelte: „Dieses Instrument findet einfach breiteren Anklang.“

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