Umweltschutz

Die wichtigsten Antworten zum Ausstieg aus der Braunkohle

Blick über den Tagebau Jänschwalde auf das gleichnamige Braunkohlekraftwerk des Vattenfall-Konzerns.

Foto: imago/Johannes Koziol

Blick über den Tagebau Jänschwalde auf das gleichnamige Braunkohlekraftwerk des Vattenfall-Konzerns.

Viele Braunkohle- und alle Atomkraftwerke gehen in den nächsten Jahren vom Netz. Die Unsicherheit für das Stromnetz steigt deshalb.

Berlin.  Nach dem Atomausstieg kommt nun der Ausstieg aus der Braunkohle – zumindest zum Teil. Die Bundesregierung hat beschlossen, acht alte Braunkohlekraftwerksblöcke in der sogenannten Klima-Reserve zu parken. Die Betreiber bekommen das großzügig bezahlt und müssen die Anlagen nur im Notfall in Betrieb setzen. Was bedeutet das für Deutschlands Energiesicherheit? Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Welche Braunkohlekraftwerke werden wann stillgelegt?

Fünf Anlagen, die RWE westlich von Köln betreibt, sollen dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zufolge zwischen Oktober 2017 und Oktober 2019 nacheinander vom Netz. Schon Anfang Oktober 2016 soll eine Anlage des sachsen-anhaltinischen Unternehmens Mibrag im östlichen Niedersachen in die Klima-Reserve. Für Herbst 2018 und 2019 ist geplant, zwei Blöcke des Kraftwerks Jänschwalde bei Cottbus einzumotten, Betreiber ist Vattenfall. Alle Anlagen werden konserviert und müssen für vier Jahre als Notreserve bereit stehen. Anfang der 2020er-Jahre werden sie endgültig stillgelegt.

Was möchte die Bundesregierung damit erreichen?

Die bezahlte Stilllegung soll vor allem dabei helfen, dass Deutschland sein nationales Klimaschutzziel erreichen kann, die Treibhausgasemissionen 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken. Braunkohlekraftwerke haben pro erzeugter Kilowattstunde die mit Abstand schlechteste Klimabilanz. 2020 sollen die Emissionen elf bis 12,5 Millionen Tonnen niedriger ausfallen, das sind etwa 1,4 Prozent der deutschen Gesamtemissionen.

Was kostet das die Verbraucher?

Die Kosten liegen bei geschätzt 230 Millionen Euro pro Jahr für sieben Jahre, die die Stromverbraucher über die Stromnetzentgelte zahlen. Die Regierung hat 0,05 Cent pro Kilowattstunde ausgerechnet. Ein Vierpersonenhaushalt mit 4000 Kilowattstunden Verbrauch müsste zwei Euro pro Jahr zahlen.

Helfen die Braunkohlekraftwerke bei der Absicherung des Netzes?

Experten sind äußerst skeptisch, denn die Anlagen sind unflexibel. Felix Matthes, Forschungschef Energie des Öko-Instituts, sagt: "Die Braunkohlekraftwerke werden tatsächlich wohl nicht mehr ans Netz gehen, wenn sie erst einmal in der Klima-Reserve sind. Auf akute Wetterlagen können sie aufgrund der langen Vorlaufzeit von über zehn Tagen nicht reagieren. Eng wird es im europäischen Stromverbund ja vor allem dann, wenn es sehr kalt ist im Winter, und gleichzeitig kein Wind weht und in den Abendstunden keine Sonne scheint."

Kann Deutschland seinen Strombedarf in den kommenden Jahren noch decken?

Der neuesten Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur zufolge sind derzeit Braunkohle-Anlagen mit einer Leistung von knapp 21.000 Megawatt in Betrieb. Immerhin 13 Prozent dieser Kraftwerke werden vom Netz gehen und in die Reserve überführt. Gleichzeitig werden bis 2022 alle acht verbleibenden Atomkraftwerke abgeschaltet, die derzeit noch auf eine Leistung von knapp 11.000 Megawatt kommen.

Der Bundesverband der Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft erwartet, dass die jederzeit zur Verfügung stehende Kraftwerksleistung in Deutschland "bis zum Abschalten der letzten Kernkraftwerke 2022 um 16.700 Megawatt zurückgehen wird", sagte ein Sprecher. Neue Kraftwerke, die vor Jahren, als die Strompreise höher waren, in Auftrag gegeben wurden und nun fertiggestellt werden, sind eingerechnet. Die gesicherte Leistung würde von rund 105.000 Megawatt auf rund 90.000 schrumpfen. Das ist immer noch genug, um die Jahreshöchstlast in Deutschland von etwa 80.000 Megawatt auch dann zu decken, wenn die erneuerbaren Energien kaum Strom liefern. Aber es wäre eng.

Sehen Experten kritische Situation auf uns zukommen?

Die Bundesregierung hat per Gesetz vorgeschrieben, dass zahlreiche Reservekraftwerke vorgehalten werden müssen. Zum einen gibt es eine Netzreserve, mit der besonders regionale Schwankungen ausgeglichen werden. In Süddeutschland gibt es zu wenige Kraftwerke, während der Norden gut versorgt ist. Zum anderen wird es neben der Klima-Reserve auch noch eine Kapazitäts-Reserve mit 4000 Megawatt geben, wohl vor allem flexiblere Gas- und Kohlekraftwerke. Aber reicht das?

Philipp Götz, Strommarktexperte des Beratungshauses Energy Brainpool, sagt, dass es ab 2022 spannend werden könnte. "Dann sind auch starke Preisschwankungen im Stromgroßhandel möglich und es bleibt abzuwarten, ob die Energiekonzerne darauf mit Investitionen in neue Kraftwerke reagieren, wie es sich die Bundesregierung erhofft." Felix Matthes ist ebenfalls skeptisch: "Es könnte nach dem Abschalten der Braunkohle-, vor allem aber der Kernkraftwerke durchaus eng werden bei der Stromerzeugung. Die Politik hat sich zu Experiment mit ungewissem Ausgang entschieden." Götz betont, dass die große Unbekannte die Entwicklung des Stromverbrauchs sei. "Da gibt es viele Unsicherheiten, es gibt noch nicht einmal eine umfassende Statistik über den genauen Stromverbrauch zu jeder Stunde."

Welche Kraftwerke ersetzen die vom Netz gehenden Braunkohle-Anlagen?

Die erneuerbaren Energien sind außen vor, denn sie werden unabhängig vom Stromgroßhandel über das Erneuerbare-Energie-Gesetz gefördert. Am Strommarkt werden vom allem Steinkohlekraftwerke davon profitieren, dass die alten Braunkohleblöcke vom Netz gehen. Sie sind die günstigsten Kraftwerke, die die Lücke decken können und werden deshalb einspringen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Grenznähe, etwa in den Niederlanden.

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