Abgas-Skandal bei VW

Warum die VW-Tricks der Gesundheit schaden

Ein New Beetle steht in der Autostadt von Volkswagen in Wolfsburg. Auch die
moderne Käfer-Version
fiel in den USA auf. Nun drohen hohe Strafen

Ein New Beetle steht in der Autostadt von Volkswagen in Wolfsburg. Auch die moderne Käfer-Version fiel in den USA auf. Nun drohen hohe Strafen

Foto: picture alliance

Diesel-Fahrzeuge stoßen mehr Stickoxide aus als erlaubt – auch Hamburg leidet darunter. VW hatte Manipulationen zugegeben.

Hamburg.  Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen versetzt die Autobranche, Umweltschützer und die Politik in Aufruhr. VW hatte am Wochenende Abgas-Manipulationen in den USA zugegeben, die dem Autobauer eine Milliarden-Strafe einbringen könnten. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hatte den Hersteller beschuldigt, bei zahlreichen Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. Es geht um fast eine halbe Million Fahrzeuge der Modelle Jetta, Golf, Beetle, Passat und Audi A3. Volkswagen droht eine Geldbuße von bis zu 18 Milliarden Dollar. Die Aktie des Wolfsburger Konzerns verlor gestern an der Börse zwischenzeitlich mehr als 20 Prozent. Die Bundesregierung fordert von den Autoherstellern angesichts des Skandals „belastbare Informationen“, um mögliche Manipulationen auch in Deutschland prüfen zu können. Einzelheiten zum VW-Desaster im Überblick:

Ist nur Volkswagen betroffen – oder sind auch andere Hersteller aufgefallen?

Schon vor Jahren hatte die zuständige US-Behörde EPA andere Autohersteller wegen solcher Verstöße im Visier. Nach Angaben der Behörde von 1998 endeten Ermittlungen gegen Honda und Ford mit Vergleichszahlungen von 267 Millionen und 7,8 Millionen Dollar. Daimler ist nach eigenen aktuellen Angaben nicht von den Ermittlungen der US-Umweltschutzbehörde wegen Abgas-Manipulationen betroffen. „Es gibt nach unseren Erkenntnissen keine Untersuchungen zu Mercedes-Benz“, teilte der Stuttgarter Konzern mit. Auch BMW weist betrügerische Praktiken, wie sie VW eingestanden hat, weit von sich: „Wir manipulieren nicht.“

„Wir haben schon immer eine sieben- bis 20-fache Überschreitung der Grenzwerte bei Dieselfahrzeugen auch in der EU angemahnt“, sagt dagegen ADAC-Sprecher Christian Buric dem Abendblatt. Diese Abweichung sei zwar nicht so drastisch wie der aktuelle Fall in den USA, zeige aber, dass die Hersteller auch hier bei ihren Angaben einen Testzyklus verfolgen, „der nicht zeitgemäß ist“. Realistische Fahrten auf der Autobahn, etwa mit eingeschalteter Klimaanlage, seien in den Untersuchungen zur Typenzulassung überhaupt nicht vorgesehen.

Wie lautet der Vorwurf der US-Behörden konkret?

Kalifornische Behörden und die EPA haben bei Messungen der betroffenen Autos auf der Straße festgestellt, dass deren Ausstöße von Stickoxiden unter realistischen Fahrbedingungen zehn- bis 40-mal höher liegen als im behördlichen Testverfahren. Dieses Problem war bereits Ende 2014 bekannt, VW rief daraufhin alle Diesel-Pkw der Jahrgänge 2009 bis 2014 – rund 500.000 Wagen – zurück, um die Elektronik-Software nachzubessern. Im Mai prüften die US-Behörden erneut. Nach mehreren Krisengesprächen gab VW zu, sämtliche Fahrzeuge für die Tests manipuliert zu haben.

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Was wurde technisch manipuliert?

Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat VW die Katalysatoren in den Dieselfahrzeugen so gesteuert, dass sie im realen Straßenverkehr „faktisch abgeschaltet“ werden, um noch mehr Leistung aus den Motoren herauszuholen. Die Folge ist ein deutlich erhöhter Schadstoffausstoß, der vom On-Board-Diagnosesystem (elektronische Überwachung im Auto) jedoch nicht angezeigt wird. Nur wenn ein anderes System aus Sensoren, die etwa den Stand des Lenkrads oder die Geschwindigkeit des Fahrzeugs messen, einen Testbetrieb erkennt, wird der Katalysator voll eingeschaltet.

Wieso sind Benziner nicht betroffen?

In Benzinmotoren läuft die Verbrennung mit einem geringeren Sauerstoffanteil. Dadurch entstehen weniger Stickoxide. Zudem sind bei Benzinern hochwirksame Dreiwege-Katalysatoren einsetzbar, die die Stickoxide weitgehend aus dem Abgas entfernen.

Stellen deutsche Abgasprüfungenbessere Standards sicher?

Nein. „Bei der Abgasuntersuchung werden die Abgase moderner Diesel-Pkw nicht mehr gemessen, sondern nur noch die On-Board-Diagnose ausgewertet. Die Prüfung wird also in die Hände der Hersteller gelegt“, sagt Jürgen Resch, Geschäftsführer der DUH.

Welche konkreten Gesundheitsprobleme verursachen Stickoxide?

Das Stickstoffdioxid (NO2) ist vor allem für Asthmatiker problematisch. Es kann dazu führen, dass sich die Bronchien verengen. Das ätzende Reizgas erhöht das Risiko von Atemwegsinfektionen und verstärkt die Wirkung anderer Reizgase wie Ozon. Stickoxide tragen dazu bei, dass sich im Sommer das Reizgas Ozon bildet.

Welche Rolle spielt der Verkehr bei der Stickoxid-Belastung?

Nach Aussagen des Umweltbundesamts ist der Straßenverkehr in Ballungsräumen die bedeutendste Stickoxid-Quelle. Generell entstehen die Schadstoffe bei jedem Verbrennungsvorgang, etwa in der Industrie, in Hausheizungen und bei anderen Verkehrsträgern (Schiffe, Dieselloks).

Wie ist die Qualität der Hamburger Luft mit Blick auf Stickstoffdioxid?

In der Stadt erfassen 17 Messcontainer die Luftqualität. An vier Standorten war 2014 der EU-Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft überschritten. Alle betroffenen Stationen stehen an viel befahrenen Straßen (Habichtstraße, Kieler Straße, Max-Brauer-Allee, Stresemannstraße). Alle anderen Stationen messen eher Emissionen der Industrie oder die Hintergrundbelastung.

Wie lässt sich das Abgasproblem der Dieselfahrzeuge lösen?

„Der Staat muss die Einhaltung der Abgasgrenzwerte nachkontrollieren, so wie dies in den USA geschehen ist“, sagt Resch. „Bessere Prüfzyklen reichen nicht aus, auch sie lassen sich elektronisch manipulieren.“ Die gesetzlichen Limits müssten verbindlich eingehalten werden, fordert Resch – „die Bundesregierung macht sich bislang dafür stark, dass sie in bestimmten Fahrzuständen überschritten werden dürfen“.

Als politische Maßnahmen haben rund 70 deutsche Städte und Gemeinden Umweltzonen eingeführt, in die nur schadstoffarme Pkw einfahren dürfen. Nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung hat die dortige Umweltzone (eingeführt im Januar 2010) den Stick­oxidausstoß um 20 Prozent gesenkt. Hamburg hat keine Umweltzone.