Meinung
Leitartikel

VW-Skandal: Winterkorn muss zurücktreten

Der Betrug mit Abgaswerten wird den Konzern zurückwerfen und schadet der Branche.

Noch im Sommer regierte in Wolfsburg die Selbstzufriedenheit. Erstmals in der Geschichte hatte Volkswagen den Rivalen Toyota überholt und mit 5,04 Millionen Autos im ersten Halbjahr mehr als jeder Konkurrent verkauft. Volkswagen wolle die zufriedensten Kunden und Mitarbeiter, betonte VW-Chef Martin Winterkorn damals. Erst dann sei man am Ziel.

Seit Freitag ahnt nicht nur Winterkorn: Dieses Ziel ist in weite Ferne gerückt. Die Aktie von Volkswagen, einst eine Volksaktie, verlor gestern bis zu 22 Prozent – der größte Kurssturz eines Blue Chips im deutschen Aktienindex seit der Finanzkrise. 15 Milliarden Euro hat VW binnen Minuten an Wert eingebüßt, seit Frühjahr hat sich der Kurs sogar halbiert. Auch wenn die Börse in ihrer Mischung aus Gier und Panik zu Übertreibungen neigt, dieser Crash fußt auf Fakten: Die Manipulation der Abgastests in den USA war kein Ingenieurstrick, keine lässliche Sünde, sondern kalkulierter Betrug.

Spätestens hier stellt sich die Frage nach der Verstrickung von VW-Chef Martin Winterkorn. Ausgerechnet Deutschlands bestbezahlter Manager, an dessen zweistelligem Millionenverdienst eine Debatte um Vorstandsgehälter entbrannte, trägt die Verantwortung für das Desaster. Entweder er wusste nicht, wie in den USA bei Abgastests manipuliert wird – dann hat er seinen Laden nicht im Griff. Oder er wusste es – und ist so mitverantwortlich für das Schurkenstück. Ganz überraschend kommen die Vorwürfe ja nicht: Immer wieder gab es Mutmaßungen über geschönte Abgaswerte, Kia und Hyundai mussten im November 2014 sogar 100 Millionen Dollar Strafe bezahlen. Konnte Winterkorn also wirklich nichts wissen? Der Vorstandschef steckt in einer Zwickmühle, aus der er sich wohl nur mit einem Rücktritt befreien kann. Es wäre der sauberste Schritt.

Für ihn läuft es schon länger nicht mehr rund: Das Vertrauen von VW-Patriarch Ferdinand Piëch hatte Winterkorn schon im Frühjahr verloren. Zwar gewann er den Machtkampf, aber den Konzern steuerte er tiefer in die Krise: In China, wo VW ein Drittel seiner Fahrzeuge absetzt, stottert die Konjunktur. Allein hier dürfte der Gewinn um eine Milliarde Euro sinken. In den Vereinigten Staaten schwächelt das Geschäft noch länger. Und nun dieser Skandal. In den Staaten nennt man VW, die selbst so stolz auf deutsche Ingenieurskunst verweisen, in Erinnerung an den Dopingbetrüger bei der Tour de France den „Armstrong der Automobilindustrie“. In der US-Umweltbehörde EPA ist die Empörung groß. Zu den Milliardenkosten, die angesichts der Strafzahlungen und eines großen Rückrufs auf VW zurollen, kommt der Imageverlust.

Der wirkt weltweit und könnte sogar noch teurer werden. Ausgerechnet der Konzern, der einstmals das Ein-Liter-Auto als seine Formel 1 verstanden hatte, steht nun als Umweltverschmutzer am Pranger. Und mit ihm die gesamte Diesel-Technologie. Sie fristet in den USA seit langem ein Schattendasein – nun dürften Diesel-Motoren fast unverkäuflich sein. Damit schlägt das VW-Desaster auf die Konkurrenten BMW und Daimler durch.

Auch hierzulande facht der Abgasskandal die Debatte um den Diesel neu an. Politiker hinterfragen Steuervergünstigungen, Umweltverbände fordern neue Abgastests oder gar ein Verbot. Wieder einmal zeigt sich, dass kurzfristiges Rendite-Streben langfristig fatal sein kann. VW hat wegen der Manipulation vielleicht einige tausend Fahrzeuge mehr verkauft – doch zu welchem Preis? Die Marke beschädigt, Vertrauen verspielt, den Kurs skalpiert, Milliarden riskiert und Diesel diskreditiert. Deutschlands nach Mitarbeitern und Umsatz größtes Unternehmen geht schweren Zeiten entgegen.