Kampf der Superlative

Zum Kurzurlaub kann man auch in den Freizeitpark

Immer in Bewegung: Christoph Andreas Leicht, Inhaber und Betreiber des Hansa-Parks
in Sierksdorf, zusammen mit seiner Ehefrau Claudia

Immer in Bewegung: Christoph Andreas Leicht, Inhaber und Betreiber des Hansa-Parks in Sierksdorf, zusammen mit seiner Ehefrau Claudia

Foto: Michael Rauhe

Wenige Tage vor Ostern haben Hansa-Park und Heide Park ihre Saison eröffnet. Es wurden Millionen investiert, um Besucher anzulocken.

Sierksdorf/Soltau.  Das Gespräch muss warten. Christoph Andreas Leicht ist im Park unterwegs, auf der Baustelle der neuen Achterbahn. Den weißen Sicherheitshelm trägt er noch auf dem Kopf, als er ins Büro stürmt. Eilt. Wirbelt. Ein Mann wie eine Naturgewalt. Jemand, der einen Raum nicht betritt. Sondern ihn einnimmt. Und die Besucher dazu. Er schüttelt Hände, scherzt, lacht. Erzählt, doziert, gestikuliert. Setzt sich hin und springt wieder auf. Schenkt sich Tee ein, holt Milch. Stellt die Tasse ab und läuft zum Computer, um Bilder von der Baustelle zu zeigen und Beiträge aus Fanforen aufzurufen.

Er ist unruhig, möchte am liebsten wieder in den Park. Denn am 1. April hat die neue Saison begonnen. Ab jetzt bleiben dem Inhaber des Hansa-Parks genau 215 Tage, um genug Umsatz für ein ganzes Jahr zu machen. Um die laufenden Kosten zu decken, Reinvestitionen tätigen zu können. „Ich sag immer: Jede Mark in den Park“, sagt Christoph Andreas Leicht, 52. Er meint Euro, spricht aber immer von Mark. Weil sich das besser reimt, findet er.

Wie viel er in diesem Jahr investiert, das sagt er allerdings nicht. Weil das weder zu einem mittelständischen Familienunternehmen noch zu einem Hanseaten passe. Na gut, er sei zwar kein Hanseat, sondern Allgäuer, fühle sich aber seit seiner Hochzeit mit einer Hamburgerin als Hanseat. Seine Bedenken: „In unserer Branche werden gerade Investitionszahlen häufig genutzt, um eine Attraktion werthaltiger darzustellen.“ Aus diesem Grund könne man nicht mehr von einem Wettbewerb nur der Attraktionen sprechen, sondern der Zahlen und Superlative der Attraktionen. „Unser Ansatz ist aber, dass unser Park mit seinem Angebot und seinen Attraktionen für sich selbst spricht. Mit anderen Worten: Konsequent sollen das unsere Gäste beurteilen“, so Leicht. Man wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, die Gästemeinung mit einem Zahlengewitter zu beeinflussen. Nur so viel will er verraten: Die Kosten des neuen Hypercoasters Der Schwur des Kärnan, der im Laufe der Saison eröffnet wird, belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Es ist die bisher größte Zukunftsinvestition und das mit Abstand größte Projekt in der Geschichte des Hansa-Parks. Im Internet kursieren Gerüchte über ein Investitionsvolumen in Höhe von 15 Millionen Euro.

Vom Hansa-Park in Sierksdorf zum Heide Park in Soltau. Die Fahrt dauert ungefähr so lange wie 30 Runden in den Attraktionen Kärnan oder Flug der Dämonen, der neuesten Achterbahnsensation im Heide Park. Erst im vergangenen Jahr hat der sogenannte Wing Coaster eröffnet, bei dem die Fahrgäste jeweils zu zweit links und rechts der Schiene sitzen. Die Kosten dafür beliefen sich nach Angaben des Heide Parks auf 15 Millionen Euro. Die Summe aller Investitionen im vergangenen Jahr lag damit bei 20 Millionen Euro. „Investitionen in dieser Größenordnung sind etwa alle drei bis vier Jahre notwendig“, sagt Sabrina de Carvalho, 49, Vorsitzende der Geschäftsführung des Heide Parks. In den Jahren dazwischen müsse man von Investitionen in Höhe von drei bis sechs Millionen jährlich ausgehen.

In die aktuelle Saison, die am 28. März eingeläutet wurde, hat das Unternehmen fünf Millionen gesteckt. Unter anderem in die neue Kinderfahrschule Wüstenflitzer und das Abenteuerhotel. „Um die Attraktivität unseres Parks aufrechtzuerhalten, müssen wir den Gästen jedes Jahr etwas Neues bieten“, sagt Sabrina de Carvalho. Anders als der Hansa-Park ist der Freizeitpark in Soltau kein Familienunternehmen, sondern eine 100-prozentige Tochter der Merlin Entertainments, die den Park 2007 übernommen hat.

Die Briten sind Europas größter Anbieter von Freizeitattraktionen und unterhalten insgesamt 106 Attraktionen, elf Hotels und drei Feriendörfer weltweit, die von 63 Millionen Gästen im Jahr besucht werden. Die Besucherzahlen der einzelnen Attraktionen werden nicht kommuniziert, der Heide Park gibt aber an, Norddeutschlands größter Familien- und Freizeitpark zu sein – sowohl in Bezug auf die Fläche (850.000 Quadratmeter) als auch auf die Gästezahlen. Zum Vergleich: Der Hansa-Park hat eine Gesamtfläche von 460.000 Quadratmetern und rund 1,3 Millionen Besucher jährlich. Damit gehören Hansa-Park und Heide Park zu den zehn größten Parks in Deutschland. Der Umsatz? Dazu geben die Betreiber keine Auskunft. Nur eins sagt Christoph Andreas Leicht: „Sie können davon ausgehen, dass die sogenannten Innenumsätze in einem Park zusammengefasst noch mal den Eintrittspreis erwirtschaften.“

Die Branche boomt: Nach Angaben des Verbands der Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU) haben die 80 im Verband organisierten Parks mit jeweils mehr als 100.000 Besuchern im vergangenen Jahr 34 Millionen Gäste registriert – im Jahr 2005 waren es 27 Millionen und 63 Unternehmen. Allein der Europa-Park, der größte saisonale Freizeitpark der Welt, wird jährlich von vier Millionen Menschen besucht. Der Branchenumsatz in Deutschland wird auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt. „Das Freizeitparkgeschäft läuft sehr gut“, sagt Verbandssprecherin Janine Engel, 28. Die Menschen legten immer größeren Wert auf die Gestaltung ihrer Freizeit und Work-Life-Balance. Selbst in Krisenzeiten. Oder erst recht dann. „In Krisenzeiten ersetzt so manche Familie ihren Urlaub im Ausland durch einen Kurzurlaub im Freizeitpark“, so Janine Engel. Die Branche sei weniger von der Konjunktur abhängig – als vom Wetter.

Das Wetter. Unberechenbar. Unbezahlbar. Das Wetter macht eine Saison zu einer guten oder schlechten – und die Branche zu einem Saisongeschäft. Denn die meisten Freizeitparks sind Saisoneinrichtungen und schließen im Winter, bei schlechtem Wetter. „Aber auch dieser Herausforderung stellen sich immer mehr Parks und bieten für ihre Gäste besondere Winterangebote“, sagt Janine Engel vom Verband der Freizeitparks und Freizeitunternehmen. Auch der Heide Park hat eine Winteröffnung ausprobiert, ist damit aber gescheitert. „Wir haben gemerkt, dass unser Angebot dafür nicht ausreicht“, sagt Sabrina de Carvalho. Das Problem: Viele Fahrgeschäfte seien ex­trem kälteempfindlich und könnten bei schlechter Witterung nicht in Betrieb gehen. Dennoch seien die Überlegungen nicht abgeschlossen, wie man die Saison verlängern könne. „Wir werden das Thema bei zukünftigen Investitionen noch stärker berücksichtigen“, so die Heide-Park-Chefin.

Investieren um zu existieren. Die Freizeitparks müssen sich permanent verändern und weiterentwickeln, um interessant zu bleiben. Denn bei einem Großteil der Parkgäste handelt es sich um Wiederholungsbesucher. Im Heide Park kommen mehr als 70 Prozent der Gäste regelmäßig, im Hansa-Park sind es sogar mehr als 80 Prozent. 100.000 Saisonkarteninhaber hat der Erlebnispark an der Ostsee. „Fakt ist, dass unsere Branche von den Wiederholungsgästen lebt. Diese kommen aber nur, wenn ständig reattraktiviert und damit reinvestiert wird“, sagt Hansa-Park-Chef Christoph Andreas Leicht.

In der Hauptsaison arbeiten täglich bis zu 380 Personen im Hansa-Park

Die International Association of Amusement Parks and Attractions (IAAPA), der Dachverband der Vergnügungsparkbetreiber, geht davon aus, dass in Europa jährlich rund 400 Millionen Euro für neue Anlagen und Attraktionen investiert werden. „Ein Jahr lang nichts zu tun, würde für einen Freizeitpark ein Jahr Rückschritt bedeuten“, sagt Leicht. Er weiß, wovon er spricht. Sein Vater hat das damalige Hansaland Mitte der 1980er-Jahre unter der Bedingung gekauft, dass sein Sohn das Unternehmen übernimmt. Sein Sohn, der damals noch im Jurastudium steckte und die Entscheidung für den Kauf und eine Karriere an der Ostsee in seinem verrosteten Opel-Kadett traf. „Das war eine der zwei besten Entscheidungen in meinem Leben“, sagt Christoph Andreas Leicht.

Und die zweite? „Meine Frau zu heiraten.“ Seine Frau Claudia Leicht, 47, die ihn Andi nennt und bei ihrem Kennenlernen keine Ahnung hatte, wer er eigentlich ist. Nämlich Gesellschafter und Geschäftsführer der Hansa-Park Freizeit- und Familienpark GmbH & Co. KG. Er ist Visionär, Vorbild, Vater. Familienmensch. Und Fan, ja fast Fanatiker, von Fahrgeschäften. „Wenn eine neue Attraktion geliefert wird, ist das wie Weihnachten“, sagt Christoph Andreas Leicht, der die ersten Entwürfe für die neue Achterbahn selbst gezeichnet hat – und die Jungfernfahrt mit Kärnan zusammen mit seiner Frau machen wird. Wann es so weit ist, steht noch nicht fest. Vermutlich Mitte der Saison, im Juli oder August.

In dieser Zeit arbeiten täglich bis zu 380 Personen im Hansa-Park, 800 Saisonkräfte sind insgesamt während der Saison beschäftigt. Hinzu kommen rund 100 Festangestellte, die ganzjährig tätig sind – und im Winter alle Hände voll zu tun haben. „Die Leute denken immer, dass wir im Winter zu machen und Däumchen drehen“, sagt Christoph Andreas Leicht und lacht. Dabei sei genau das Gegenteil der Fall. Figuren und Hinweisschilder werden verpackt und eingelagert, Karussells mit Planen überzogen. Rolltreppen, Fahrstühle, Feuerlöscher, Türen und Fenster überprüft und gewartet. Die Züge werden demontiert, und das Material strengstens überprüft. Dreimal pro Jahr werden die Fahrgeschäfte vom TÜV gecheckt. Allein dafür fällt jährlich ein sechsstelliger Betrag an. Über laufende Kosten und Gewinne spricht Leicht nicht. Er sagt nur, dass man davon leben kann. „Reiche Leute kaufen keinen Freizeitpark, weil er zu viel Arbeit macht. Und arme Leute können sich keinen Park leisten.“

Rund 30 Millionen Mark soll der Bau des Parks gekostet haben, der 1973 eröffnet wurde – als erstes Legoland Deutschlands. Doch das Konzept floppte nach nur drei Jahren. Die Lizenzgebühren waren zu hoch, die Besucherzahlen zu niedrig, und die Erhöhung der Zinsen infolge der Ölkrise war enorm. Aus dem Legoland wurde das Hansaland und schließlich der Hansa-Park, der seit Mitte der 80er-Jahre im Besitz der Familie Leicht ist. Der Kaufpreis: ein Geheimnis, wieder einmal. „Um einen vergleichbaren Freizeitpark heute neu zu errichten, bräuchte man eine Investitionssumme von rund 500 Millionen Euro“, so Christoph Andreas Leicht. Er ist stolz darauf, dass er es auch ohne Subventionen schafft. Dass sein Hansa-Park als Familienunternehmen besteht, während andere stark subventionierte Freizeitunternehmen in einer vergleichbaren Investitionsgrößenordnung floppen, so wie der Space Park (480 Millionen ) und der Nürburgring (330 Millionen).

Der Chef persönlich legt täglich bis zu 25 Kilometer in seinem Park zurück

Vielleicht liegt es daran, weil Leicht so dicht dran ist. An seinem Park, an seinen Gästen. Weil er das Unternehmen nicht vom Schreibtisch aus leitet, sondern vom Park aus. Weil er jeden Tag vor Ort ist, täglich bis zu 25 Kilometer im Park zurücklegt. Weil er den Kontakt zu den Mitarbeitern und Gästen sucht, Fanclubs einlädt. Weil er sich für ihre Meinung interessiert, Anregungen ernst nimmt. Und weil er selbst Hand anlegt. Zum Beispiel ein Stück Papier aufhebt, das auf dem Weg liegt oder einen abgebrochenen Zweig in den Mülleimer schmeißt. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig daran, dass er einfach Spaß hat. Dass es für ihn kein Job ist, sondern eine Lebensaufgabe.

„Ein Freizeitpark macht viel Arbeit, aber noch mehr Spaß“, sagt Christoph Andreas Leicht. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Ob die Kinder irgendwann ins Familienunternehmen einsteigen, wenn er alt ist? Vollkommen offen! Die sollen ihren eigenen Weg gehen. Das machen dürfen, was ihnen liegt. Ihre eigenen Entscheidungen treffen. Genauso, wie er damals selbst entscheiden durfte. Und eigentlich, da ist sich Christoph An­dreas Leicht ganz sicher, kann er bei dieser Arbeit gar nicht alt werden.