US-Hedgefonds kauft Senvion

Finanzinvestor Centerbridge bezahlt für Hamburger Windkraftspezialisten eine Milliarde Euro an indischen Eigentümer

Hamburg. Es war schon bizarr, als vor knapp acht Jahren der indische Windkraftunternehmer Tulsi Tanti mit einer großen Entourage nachmittags das Abendblatt besuchte. Er kam mit seinem indischen Manager, einem Dänen, einer PR-Agentur sowie einem Mann, der das Gespräch in seinen Laptop tippte. Dabei war auch ein eigener Fotograf. Die Nachricht, die er damals verkündete, überraschte die Branche und die Börse. Sein bislang in Westeuropa kaum bekanntes Unternehmen Suzlon wollte das Hamburger Windkraftunternehmen Repower kaufen.

Das gelang ihm nach einem harten Kampf mit dem anderen Bieter, dem französischen Industriekonzern Areva, denn auch. Allerdings musste Suzlon mit 1,5 Milliarden Euro einen sehr hohen Preis bezahlen. Jetzt hat Tanti Repower, das mittlerweile Senvion heißt, für lediglich eine Milliarde Euro an den US-Finanzinvestor Centerbridge verkauft. Sollten die Geschäfte weiter gut laufen, könnte Tanti weitere 50 Millionen Euro bekommen. Ein Verlustgeschäft bleibt es dennoch.

Tanti muss sich eingestehen, dass er sich vor acht Jahren verhoben hat. Sein Unternehmen Suzlon hängt inzwischen mit 1,8 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro) Schulden am Tropf der Bank of India. Schon im Jahr 2012 konnte der Unternehmer eine Anleihe in Höhe von 209 Millionen Dollar nicht zurückzahlen. An seiner finanziellen Situation hat sich zwischenzeitlich wenig geändert. Mit dem Geld aus dem Verkauf will er nun Schulden tilgen. Verkaufsgerüchte tauchten in der Vergangenheit immer wieder auf. Suzlon hatte sie stets dementiert.

„Für Senvion ist es ein wichtiger Schritt, auf seinem Wachstumsweg einen finanzstarken und engagierten Investor zu haben. Mit der Unterstützung von Centerbridge werden wir das Potenzial im Windenergiemarkt noch stärker nutzen“, sagte am Donnerstag Andreas Nauen, Vorstandschef des Hamburger Unternehmens. „Eine erfolgreiche Energiewende weltweit braucht Windenergie, sowohl onshore als auch offshore. Für diesen Trend bietet Senvion die richtigen Turbinen.“

Senvion sei mit seinem Produktportfolio und seiner Marktausrichtung für diesen Wachstumsweg optimal aufgestellt. Außerdem werde der Windkraftspezialist seine starke Position im Offshore-Markt festigen und weiter wachsen. Senvion hat sich inzwischen zum drittgrößten deutschen Windkraftanlagenbauer hochgearbeitet. Die Qualität gilt als sehr gut. Die wichtigsten Märkte für die Hamburger sind Deutschland, Großbritannien, Australien, Kanada und Frankreich.

Doch es gibt auch Kritik an dem Verkauf. „Man kann davon ausgehen, dass Hedgefonds versuchen, eine übernommene Firma auszuzehren oder an einen strategischen Investor weiterzuverkaufen, nachdem die Braut hübsch gemacht wurde“, sagt Fritz Vahrenholt, ehemaliger Gründer vom Senvion-Vorgänger Repower. Eine Übernahme plus Filetierung des Unternehmens, um es dann in Stücken oder komplett weiterzureichen, gehört zum Tagesgeschäft von Hedgefonds oder „Heuschrecken“, wie sie auch genannt werden. „Senvion ist ein Unternehmen mit herausragender Technologie und Marktposition“, hält Stefan Kowski, Managing Director bei Centerbridge, dagegen. „Wir sind uns sicher, dass Senvion seine beeindruckende Unternehmensentwicklung fortsetzen wird.“

Vahrenholt hatte Repower im Jahr 2001 zusammen mit einem Arzt gegründet. „Wir hatten großes Glück und konnten die Husumer Schiffswerft für einen Euro übernehmen.“ Somit hatte Repower damals eine erste Fabrik. Nach der spektakulären Übernahme durch Suzlon musste er wenig später als Vorstandsvorsitzender gehen.

Senvion mit 3400 Mitarbeitern weltweit, davon knapp 500 in der Hamburger Zentrale, steht auch für die Innovations- und Wirtschaftskraft im Norden. Neben dem Husumer Werk existiert ein Forschungszentrum in Osterrönfeld am Eiderkanal sowie eine weitere Fabrik in Bremerhaven. Dort montiert das Unternehmen seine leistungsfähigsten Sechs-Megawatt-Anlagen. Weltweit sind bislang mehr als 5800 Windkraftanlagen von Senvion installiert worden. Im vergangenen Geschäftsjahr wurde ein Umsatz in Höhe von 1,8 Milliarden erzielt.

Laut Centerbridge soll das Unternehmen auch in Zukunft seinen Sitz in Hamburg haben. Auch die jetzige Konzernstruktur solle unverändert bleiben. Nur der bisherige Aufsichtsrat muss sein Mandat niederlegen. Der Verkauf von Senvion an den amerikanischen Investor wurde von Suzlon-Aktionären eindeutig abgestraft. Die Aktie stürzte nach der Nachricht um 21,5 Prozent auf 0,824 Euro ab.

Centerbridge verwaltet ein Vermögen in Höhe von rund 25 Milliarden Dollar. Der Hedgefonds mit Sitz in New York und London ist auf die Übernahme angeschlagener Unternehmen spezialisiert. Im Jahr 2013 kauften die US-Amerikaner unter anderem die deutsche Autowerkstattkette Auto-Teile-Unger (ATU). Bei ihr gab es wenig später schmerzhafte personelle Einschnitte. Auch die Parkhauskette Apcoa gehört zu Centerbridge.