Stadtentwicklung

„Olympia birgt für Hamburg große Chancen“

Foto: Michael Rauhe

HWWI prognostiziert Hansestadt 2015 stärkeres Wachstum als im Bundesdurchschnitt. Im Gespräch verraten HWWI-Direktoren Christian Growitsch und Henning Vöpel, warum das so ist und wie das gehen soll.

Hamburg. Die Ökonomen Christian Growitsch und Henning Vöpel leiten seit einem halben Jahr als Doppelspitze das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut. Das Abendblatt sprach mit den beiden Direktoren über die Wachstumschancen Hamburgs, die Entwicklung der Ölpreise, Niedrigzinsen, die Zukunft des Euro und ihre Pläne für das HWWI.

Hamburger Abendblatt:

Hamburg kämpft darum, im Jahr 2024 oder 2028 Austragungsort der Olympischen Spiele zu werden. Rentiert sich dies eigentlich auch wirtschaftlich?

Henning Vöpel:

Olympische Spiele würden Hamburg die große Chance bieten, international bekannter zu werden und in den Reigen der großen Weltmetropolen aufzusteigen. Obwohl sich Hamburg immer sehr weltoffen gibt, hat die Stadt international noch großes Potenzial. Das könnte mit Olympischen Spielen geweckt werden. Davon würden auch die Metropolregion und Norddeutschland insgesamt profitieren.

Welche Chancen ergeben sich konkret, wenn Hamburg den Zuschlag erhält?

Vöpel:

Hamburg würde als Olympiastadt etwa drei bis vier Milliarden Euro aus Bundesmitteln erhalten. Damit könnten Stadtentwicklungsprojekte, die sonst erst in zehn bis 20 Jahren möglich wären, vorgezogen werden. Dies birgt ein enormes Entwicklungspotenzial. Die Ufer beiderseits der Elbe würden durch neue Bauprojekte intelligent zusammenwachsen. Wichtiger Nebeneffekt dabei ist, dass Hamburg für Fachkräfte viel attraktiver würde – und zwar international. Wenn der demografische Wandel mit seiner Überalterung der Gesellschaft zwischen 2025 und 2030 seinen Höhepunkt erreicht, könnte Hamburg mit internationaler Bekanntheit punkten. Unternehmen, aber auch Universitäten und die Kultur würden internationale Talente anziehen. Die ganze Stadt würde auf ein neues Entwicklungsniveau gehoben.

Wo liegen die Risiken?

Christian Growitsch:

Große Risiken sehe ich nicht. Natürlich ist es vorstellbar, gegen Berlin zu unterliegen. Doch wer nichts versucht, kann auch nicht gewinnen. Hamburg sollte deshalb dranbleiben.

Blicken wir in die nähere Zukunft. Wie dürfte sich die deutsche Wirtschaft 2015 entwickeln?

Vöpel:

Die geopolitischen Krisen – wie in Russland und im arabischen Raum – haben 2014 zu einer Verlangsamung des weltweiten Wachstums geführt. Die Euro-Krise schwelt weiter. Dies sind Risiken für die Weltwirtschaft, die auch 2015 anhalten. Für Deutschland erwarten wir 2015 ein Wachstum von 1,3 Prozent. Das ist solide und entspricht dem Potenzialwachstum. Wir werden nach unserer Prognose weiterhin eine hohe Beschäftigung und eine gute Auslastung der Kapazitäten haben.

Und wie steht es um Hamburg?

Vöpel:

Hamburg hat sich 2014 schlechter entwickelt als der Bundesdurchschnitt, dafür wird die Hansestadt im nächsten Jahr ein stärkeres Wachstum erzielen. Hamburg hat in diesem Jahr überdurchschnittlich unter dem schwächeren Wachstum der Euro-Zone und Weltwirtschaft gelitten. Da Hamburg stark vom internationalen Handel abhängig ist und dieser zulegen wird, dürfte die Stadt davon 2015 auch stärker profitieren und überdurchschnittlich wachsen. Der Arbeitsmarkt wird in absehbarer Zeit sehr stabil bleiben.

Die Elbvertiefung muss dringend kommen

Wie wichtig ist der Hafen für Hamburg? Was würde aus Ihrer Sicht eine Ablehnung der Elbvertiefung bedeuten?

Vöpel:

Der Hafen bleibt für Hamburg auf absehbare Zeit sehr wichtig. Die Elbvertiefung, aber auch der Ausbau der Hinterlandanbindung müssen dringend kommen. Ein Regionalhafen Hamburg nur mit Zulieferdiensten wäre nicht konkurrenzfähig. Ohne Elbvertiefung werden sich die Containerverkehre nach Wilhelmshaven, Rotterdam oder auch Genua verlagern. Die Stadt würde einen großen Teil ihrer Wertschöpfung verlieren, von Reedern bis zu Versicherungen und Dienstleistern. Das wäre fatal für die hiesige Wirtschaft.

Growitsch:

Der Hafen ist ein hervorragendes Beispiel für einen ökonomischen Cluster. Und genau darin liegen zum einen seine große Bedeutung, aber eben auch die Gefahr, wenn dieser Cluster unvorhersehbaren Risiken ausgesetzt wird – an der Zukunft des Hafens hängt nicht nur der Hafen selbst, sondern ein ganzer vernetzter Logistiksektor.

Was muss Hamburg zur Zukunftssicherung unternehmen?

Growitsch:

Hamburg müsste die Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft noch stärker vorantreiben. Die wissensintensiven Dienstleistungen im Handel, der Schifffahrt oder dem Gesundheitssektor sind die Zukunft, um noch hochqualifizierte Arbeitsplätze in die Stadt zu holen und international wettbewerbsfähig zu bleiben. Hier könnte die Stadt Impulsgeber sein. Internationale Fachleute und Dienstleistungen könnten für dauerhaftes Wachstum in Hamburg sorgen. Generell brauchen wir bundesweit staatliche und private Investitionen in Plattforminfrastrukturen, die viele Investitionen für die Zukunft nach sich ziehen. Wie einst die Dampfmaschine, Eisenbahn oder das Internet, mit denen enorme Innovationspotenziale freigesetzt wurden. Dies könnte die Schaffung einer digitalen, intelligenten Infrastruktur sein, in der regionale Dienstleistungen innerhalb einer Stadt vernetzt werden.

Wie beurteilen Sie das Potenzial der Windkraft für Norddeutschland?

Growitsch:

Die Wachstumschancen sind groß, da in der Region komplette Dienstleistungen der Branche entwickelt und exportiert werden können – also auch ein Cluster entsteht. Ziel sollte hier allerdings der Weltmarkt sein, alleine auf den Ausbau in Norddeutschland zu setzen, hielte ich für verfehlt.

Der Ölpreis befindet sich derzeit im Sinkflug. Ist der Preisverfall Vorbote einer neuen Krise?

Growitsch:

Der sinkende Ölpreis sorgt in Deutschland aktuell vor allem für Entlastung: Die Inflation geht zurück, die reale Kaufkraft der Bürger steigt, Unternehmen haben geringere Produktions- und Transportkosten. Der Preisrückgang ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die USA ihre Ölförderung durch Fracking deutlich erhöht haben und dadurch das weltweite Angebot stark gestiegen ist. Gleichzeitig hat die Opec nicht wie sonst üblich mit Mengenreduzierung und damit preisstabilisierend reagiert. Diese Entwicklung ist historisch einmalig. Deshalb sehe ich in dem Preisverfall auch kein Zeichen für eine neue Wirtschaftskrise.

Könnte der Preisrückgang Deutschland in eine Deflation führen?

Vöpel:

Wir erwarten 2015 für Deutschland eine Preissteigerungsrate von 1,5 Prozent und gehen davon aus, dass der Ölpreis 2015 wieder steigt und im Jahresdurchschnitt bei 85 US-Dollar liegen dürfte. Dennoch befindet sich die Inflationsrate in der Euro-Zone weiter unter dem Ziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Nichts fürchten Notenbanker so sehr wie eine Deflation. Die Wirtschaft funktioniert in einer Deflation komplett anders: Verbraucher halten sich mit größeren Einkäufen zurück, Unternehmen halten Investitionen zurück, weil jeder abwartet, ob er die gewünschten Produkte morgen etwas günstiger als am Vortag erhält. Der Rückgang der Nachfrage führt dann tatsächlich zu sinkenden Preisen – und ein Land rutscht in die Deflationsspirale, in der Japan seit Jahren feststeckt.

Viele Anleger sind in diesen Tagen verunsichert. Fürs Sparen gibt es kaum mehr Zinsen. Bleibt dies so?

Vöpel:

Die hohen Wachstumsraten in den Zeiten der beschleunigten Globalisierung sind definitiv vorbei. Die Zinsen werden zwar wieder steigen, wenn sich die Geldpolitik wieder normalisiert, aber sie werden in Zukunft nicht mehr das Niveau der vergangenen Jahre erreichen, weil sich global nicht mehr die hohen realen Renditen verdienen lassen.

Haben wir die Finanzmarktkrise überwunden oder stecken wir noch mittendrin?

Growitsch:

Südeuropa hat die Krise ganz offensichtlich noch nicht überwunden. Haushaltsdefizite und Arbeitslosigkeit sind noch immer besorgniserregend hoch. Gleichzeitig kommt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank an ihr Ende. Der EZB gelingt selbst mit ihrer Niedrigzinspolitik nicht, Wachstumsimpulse zu setzen. Es werden in der deutschen Wirtschaft einfach zu wenige Kredite nachgefragt. Wir haben in der Globalisierungsdebatte immer davon gesprochen, dass die Welt im Jahr 2050 politisch und wirtschaftlich ganz anders aussehen wird: Bevölkerungsstarke Staaten wie China und Indien stünden dann an der Spitze. Die Krise bildet nun eine Zäsur. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung mit veränderten Kräfteverhältnissen. 2015 wird hierfür schon richtungsweisend sein, auch was die Rolle Europas betrifft.

Wie beurteilen Sie die Zukunft des Euro angesichts der politischen Unsicherheiten in Griechenland durch die bevorstehenden Neuwahlen? Werden wir in zehn Jahren noch mit dem Euro bezahlen?

Growitsch:

Die Zukunft des Euro hängt im Wesentlichen von zwei Dingen ab: den ökonomischen Realitäten und dem politischen Willen seiner Mitgliedsländer. Beide Aspekte setzen die Währungsunion gegenwärtig unter Druck: etliche Länder haben die Wirtschaftskrise nach wie vor nicht überwunden. Gleichzeitig sinkt die Reformbereitschaft der betroffenen Bevölkerung, während in den wirtschaftlich stärkeren Staaten die Sorge vor eigenen Belastungen steigt. Dass nicht alle heutigen Euro-Staaten auch in zehn Jahren noch dabei sind, halte ich zumindest für denkbar.

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands für das europäische Projekt, Deutschland und die Steuerzahler?

Growitsch:

Zunächst einmal sollten wir das Ergebnis der griechischen Wahlen Ende Januar abwarten. Zeigt sich dann, dass die neue Regierung den Reformkurs verlässt, ist ein Austritt Griechenlands vermutlich sogar eine vernünftige Option. Die Konsequenzen, Einführung einer neuen griechischen Währung und Schuldenschnitt würden Griechenland die Möglichkeit zur Genesung geben. Für den deutschen Steuerzahler ändert sich faktisch kaum etwas: Dass Griechenland in absehbarer Zeit seine Schulden zurückzahlen wird, ist schon heute unwahrscheinlich.

Vöpel:

Von einem Schuldenschnitt wären neben dem Steuerzahler vor allem die Gläubiger griechischer Schulden betroffen. Die systemischen Risiken eines Austritts sollten aber mittlerweile geringer sein als zu Beginn der Krise, sodass ein Austritt wohl beherrschbar wäre. Für das europäische Politikmodell der solidarischen Freiheit wäre das allerdings ein Rückschlag mit unvorhersehbaren Folgen.

Seit Sommer stehen Sie an der Spitze des HWWI. Welche Schwerpunkte wollen Sie 2015 setzen?

Growitsch:

Wir setzen künftig auf vier Schwerpunkte, wobei Hamburg immer als Ausgangspunkt im Zentrum unserer Forschung steht. Der erste Schwerpunkt greift die Entwicklung zur Urbanisierung auf. Dort interessiert uns vor allem, wie Hamburg sich zukünftig aufstellen muss, wo Hamburg internationales Rollenmodell ist aber auch, was Hamburg von anderen Städten lernen kann. Der demografische Wandel mit Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, Beschäftigung und Bildung bildet den zweiten Schwerpunkt. Darüber hinaus werden wir uns mit den Themen Energie, Klima und natürliche Ressourcen beschäftigen. Und natürlich mit Weltwirtschaft und Globalisierung, einen Bereich, der Konjunkturanalysen, den Welthandel und die maritime Wirtschaft umfasst. Dabei wollen wir noch intensiver mit den Universitäten zusammenarbeiten und uns vermehrt auch dem wissenschaftlichen Diskurs stellen.