Modedesigner sammeln Geld im Internet

Immer mehr junge Hamburger Labels wie Jan ’n June finanzieren ihre erste Kollektion über Crowdfunding. Mit wenigen Euro ist man dabei

Hamburg. Das Atelier von Anna Bronowski wirkt noch ein wenig improvisiert. Ballen mit rosafarbenen und grünen Stoffen stapeln sich im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Wellingsbüttel. An der Wand hängen die ersten Entwürfe der Jungdesignerin: betont schlichte Tops, Blusen und Röcke mit klarer Linienführung. Kühl skandinavisch. Geschneidert aus Biobaumwolle und anderen nachhaltigen Materialien.

„Wir haben lange nach ökologischer, tragbarer Mode zu bezahlbaren Preisen gesucht“, sagt die 24-Jährige. „Da wir kaum welche finden konnten, produzieren wir diese jetzt selbst.“ Zusammen mit ihrer Freundin und ehemaligen Studienkollegin Juliana Holtzheimer, 23, hat Bronowski daher das Label Jan ’n June gegründet – benannt nach den Geburtsmonaten der beiden Unternehmerinnen.

Um ihre erste Kollektion Wirklichkeit werden zu lassen, gehen Bronowski und Holtzheimer einen ungewöhnlichen Weg. Sie finanzieren sich nicht über einen klassischen Bankkredit, sondern werben im Internet um Unterstützung für ihr Unternehmen. Per Crowdfunding auf der Plattform Nordstarter wollen die Absolventinnen der Modeakademie AMD bis zum 27. Oktober 10.000 Euro einsammeln.

„Mit dem Geld wollen wir die Produktion unserer ersten 700 Kleidungsstücke finanzieren“, sagt Anna Bronowski. „Wenn noch etwas übrig bleibt, werden wir es in den Aufbau einer eigenen Internetseite stecken.“

Crowdfunding oder Schwarmfinanzierung ist eine noch recht junge Form der Geldbeschaffung für Start-ups, die zunächst in den USA entstand, sich mittlerweile aber auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreut. Eine Masse (englisch „crowd“) von Investoren stellt dabei jungen Firmen die nötigen Mittel zur Verfügung, um ein neues Produkt oder den Ausbau des Geschäfts zu ermöglichen.

Fast 28 Millionen Euro haben Anleger seit Ende 2011 auf diese Weise in mehr als 140 Start-ups gepumpt. In Hamburg wurden allein über die führenden Plattformen Seedmatch, Companisto und Innovestment 14 Firmen unterstützt, wie aus einer aktuellen Untersuchung der Ludwig-Maximilians-Universität in München hervorgeht.

Vor allem junge Modeschöpfer und Kreative nutzen die neuen Möglichkeiten. So besorgte sich etwa der Hamburger Designer Roger Le Béhérec gut 7500 Euro, um sein Label rlb auf den Weg zu bringen, unter dem er farblich aufeinander abgestimmte Hemden, Socken und Boxershorts anbietet. Über die weltweit größte Plattform Kickstarter konnte ein anderer Hamburger Designer sogar gut 21.600 Dollar für eine besonders schmale und elegante Geldbörse im iPhone-Stil einsammeln.

Gut 5000 Euro haben die Chefinnen von Jan ’n June bei ihrer Crowdfunding-Kampagne schon zusammenbekommen. Ihren Unterstützern versprechen die Jungdesignerinnen die ersten Stücke aus ihrer Kollektion zu Sonderpreisen sowie andere „Dankeschöns“. Wer 35 Euro investiert, kann sich ein ökologisch korrektes Top sichern, für 75 Euro gibt es eine Jacke. Im Handel werden die Artikel später etwa 20 Prozent teurer sein. Beim Einsatz von 200 Euro wird ein Kleidungsstück nach dem Geldgeber benannt. Für den Einsatz von 5,50 Euro winkt hingegen nur eine Postkarte – und gutes Karma.

„Crowdfunding ist für uns eine gute Möglichkeit, um uns zu finanzieren und gleichzeitig unsere Mode bekannt zu machen“, sagt Juliana Holtzheimer. Für die Plattform Nordstarter haben die Hamburgerinnen ein kurzes Präsentationsvideo gedreht, informieren darüber hinaus auch per Twitter oder Facebook über die aktuellen Entwicklungen ihres Start-ups.

Wird das Finanzierungsziel verfehlt, ist das eingesammelte Geld verloren

Die Marke von 10.000 Euro zu erreichen ist allerdings nicht so leicht wie zunächst gedacht. „Es kommen vor allem kleine Beträge rein, daher brauchen wir schon einige Hundert Unterstützer“, sagt Anna Bronowski. Das Problem: Gelingt es Jan ’n June nicht, das zuvor gesetzte Ziel zu erreichen, muss das bislang eingesammelte Geld zurückgezahlt werden. Wie andere Plattformen auch funktioniert Nordstarter nämlich nach dem „Alles oder nichts“-Prinzip. Hinzu kommt, dass auf die eingesammelte Summe noch Steuern gezahlt werden müssen. Im Gegensatz zu anderen Anbietern erhebt Nordstarter aber zumindest keine Provision. Die Plattform wird von der städtischen Hamburg Kreativ Gesellschaft betrieben, die sich die Förderung von Künstlern und Kreativen in der Stadt auf die Fahnen geschrieben hat.

Wie nervenaufreibend die Investorensuche über das Internet sein kann, zeigt das Beispiel der Hamburger Firma Kleiderei, die im Schanzenviertel aktuelle Mode ähnlich wie in einer Bücherei verleiht. 15.000 Euro sammelten die Chefinnen Pola Fendel und Thekla Wilkening über die Plattform Startnext ein, um auf diese Weise den weiteren Ausbau ihres Geschäfts und eine eigene Internetseite zu finanzieren.

„Das war ein regelrechter Krimi, weil uns bis kurz vor Ende des Crowdfundings noch immer mehrere Hundert Euro fehlten“, erinnerte sich Pola Fendel jüngst. Noch einmal wolle sie das lieber nicht durchmachen.

Einen richtigen Plan B für den Fall des Scheiterns haben sich Anna Bronowski und Juliana Holtzheimer noch nicht überlegt. „Wir gehen fest davon aus, dass wir unser Finanzierungsziel erreichen“, sagen sie. „Im Notfall müssten wir dann aber wohl doch bei der Bank vorstellig werden.“