Lufthansa-Piloten planen Streiks

Arbeitsniederlegungen sollen 48 Stunden vorher angekündigt werden. Auch Hamburger Flughafen könnte betroffen sein

Hamburg. Schon bald könnte dieses Szenario wieder zur Realität werden: Auf den Bänken in Terminal 2 richten sich die Leute auf längere Wartezeiten ein, Eltern trösten nörgelnde Kinder und Businesspassagiere tippen auf Smartphones herum, um ihren Geschäftspartnern neue Ankunftszeiten durchzugeben. Der Grund: Auf dem Hamburger Flughafen drohen in den nächsten Tagen Ausfälle und Verzögerungen durch Streiks.

Die Deutsche Lufthansa AG steht vor einem Streik des Cockpitpersonals. „Die Lufthansa muss ab sofort mit befristeten oder unbefristeten Streiks rechnen“, sagte Ilona Ritter, Vorstandsmitglied der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), am Freitag in Frankfurt. Dadurch müssen nun sowohl Passagiere der Lufthansa als auch der Konzerntochter Germanwings Ausfälle befürchten. Die Lufthansa übernimmt nach der Stärkung des Billigablegers Germanwings von Fuhlsbüttel aus nur noch wenige Verbindungen wie Frankfurt und München. Germanwings fliegt von Hamburg aus im Winter aber immerhin 32 Ziele an und im Sommerflugplan, der ab dem 30. März gilt, sogar 53 Destinationen.

Die Zustimmung der Mitglieder in einer Urabstimmung habe bei 97 Prozent gelegen, hieß es bei der Gewerkschaft. VC-Sprecher Jörg Handwerg konkretisierte gegenüber dem Abendblatt die Pläne: „Wir werden jede Arbeitsniederlegung mindestens 48 Stunden vorher ankündigen.“ Er deutete an, dass sich die Streiks vornehmlich auf die großen Knotenpunkte wie Frankfurt konzentrieren dürften. „Dadurch sind dann aber auch verspätete Abflüge in Hamburg möglich“, ergänzte Handwerg. Ein Signal der Beruhigung an die Passagiere gab er für Ostern – an den Feiertagen wolle die Gewerkschaft auf Streiks verzichten. „Es sei denn, die Lufthansa versucht uns mit Drohungen am Verhandlungstisch anzugreifen.“

Das befürchtete erneute Chaos an den deutschen Airports folgt auf eine ganze Reihe von Flugausfällen infolge von Streiks: In kaum einer Branche gehen die Angestellten so häufig auf die Barrikaden wie in der Luftfahrt. Vor wenigen Wochen erschienen die Sicherheitsleute am Frankfurter Flughafen nicht zur Arbeit, der Flugverkehr an der Lufthansa-Heimatbasis brach zusammen. Davor drohten die Fluglotsen mit einem Ausstand. Aus Sicht von Experten tragen die Spartengewerkschaften Schuld an der Entwicklung. Die Bundesregierung bereitet deshalb ein Tarifeinheitsgesetz vor, das pro Unternehmen de facto nur noch eine schlagkräftige Arbeitnehmervertretung erlaubt. Rechtsexperten beurteilen das Vorhaben skeptisch, da es mit dem Grundgesetz und dem Streikrecht kollidiert.

Im aktuellen Fall kämpfen die Piloten anders als bei anderen Arbeitskonflikten nur in zweiter Linie für mehr Geld. Angesichts eines Einstiegsgehalts von 73.000 Euro inklusive Zulagen und Spitzengehältern von jährlich 250.000 Euro nach mehreren Jahrzehnten Dienst gibt es für viele keinen Grund zur Klage. Knackpunkt ist vielmehr die bei Europas größter Airline für das fliegende Personal übliche Frührente: Eigentlich konnten sie frühestens mit 55 Jahren und spätestens im Alter von 60 Jahren in den Vorruhestand starten – die Bezüge bis zum Beginn der staatlichen Rente wurden aus dem Topf einer sogenannten Übergangsversorgung gezahlt. Doch der Europäische Gerichtshof erklärte die Praxis 2011 für unzulässig. Da Piloten jetzt bis 65 arbeiten könnten, entfalle die Notwendigkeit einer Übergangsversorgung, argumentierte die Lufthansa: Der Vertrag wurde zum Jahreswechsel aufgelöst. Die Gewerkschafter hingegen fordern, dass jeder Pilot selbst entscheiden solle, wann er den Steuerknüppel aus der Hand legt. „Wir lieben alle unseren Beruf, aber er ist über die Jahre sehr anstrengend“, sagte Cockpit-Vertreter von Sturm.

Die Aussicht auf einen Streik belastet derweil nicht nur die Passagiere, die in der nächsten Zeit abheben wollen. Auch die Aktien der Lufthansa gaben am Freitag nach. Gegen Mittag rangierten die Papiere mit einem Abschlag von einem Prozent am DAX -Ende.