Urlaub und die Sucht nach Meer

Unsere Autorin musste erst Mutter werden, um zu ihrer idealen Reiseform zu finden

Vor knapp zwei Jahren betrat ich zum ersten Mal ein Kreuzfahrtschiff. Es war so, wie die Wirkung einer furchtbaren Droge beschrieben wird: Ich war sofort süchtig. Was hatte mich nur so lange von der schönsten aller Reiseformen abgehalten? Tausend Vorurteile und mein Mann. Aber nun hatten wir ein Baby – und ich die ideale Begründung. Fünf Monate lang durfte ich beim Stillen auf dieselbe Wand in unserem Wohnzimmer gucken (ich bin nicht so der Bluse-auf-im-Café-Typ). Ich kannte jedes Foto, jede Stuckverzierung, jede Spinnenwebe. Ich brauchte im wahrsten Wortsinne eine Tapetenveränderung. Eine Kreuzfahrt ist mehr als nur das: eine gelebte Fototapete, jeden Tag ein anderes, umwerfendes Panorama. Sobald man die Vorhänge in der Kabine öffnet, wartet eine neue Stadt, ein neues Land. Dafür brauche ich nicht jeden Tag die Koffer ein- und auszupacken, keine stressigen Autofahrten auf mich zu nehmen. Ich bewege mich vorwärts, ohne einen einzigen Schritt gehen zu müssen. Was nicht bedeutet, dass man an Bord faul wäre. Das Fitnessstudio hat rund um die Uhr geöffnet, und häufig werden irgendwelche Gurus aus Amerika als Star-Trainer aufs Schiff gebeten. Den schlimmsten Muskelkater meines Lebens erkämpfte ich mir so zwischen Haifa und Bodrum.

Was zum wichtigsten Pluspunkt für Kreuzfahrten führt: dem Essen. Natürlich ist es schön, in einer echten griechischen Taverne zu essen, aber hat man nur eine Allergie oder Unverträglichkeit, ist man im Ausland häufig verloren. An Bord einer „Aida“ beispielsweise werden extra laktose- und glutenfreie Speisen angeboten. Auch Hypochonder sind auf einem Schiff gut aufgehoben. Die Arztstation ist nur eine Fahrstuhlfahrt entfernt, und überall stehen Desinfektionsspender. Selten war ich so keimfrei wie auf See.

Inzwischen bin ich dreimal als Cruisader in See gestochen und habe seitdem einen Ohrwurm. Es ist dieses tolle Geräusch, der Sound des perfekten Urlaubes: Gischt. Am schönsten erlebt man ihn auf dem Achterdeck. Die Wellen jubilieren, und die eigenen Sorgen schwimmen mit ihnen davon. Adieu Alltag. Ahoi Erholung! Die funktioniert auch deshalb so gut, weil kaum jemand Handyempfang hat oder im Internet surfen kann (außer gegen teure Gebühren). Ja, eine Schiffsreise bedeutet iPhone- und Blackberry-Fastenzeit und hält einem schmerzlich den Spiegel vor, wie weit es mit der permanenten Erreichbarkeit gekommen ist. Dann doch lieber ein Kreuzfahrt-Süchtiger sein.

In der Karibik lernte ich eine Dame kennen, die ihren permanenten Wohnsitz auf die „Crystal Serenity“ verlegt hatte. Mama Lee lebte seit vier Jahren auf Deck 7, es war ihr 311. Trip, ab und an kam ein Enkel zu Besuch und fuhr ein paar Seemeilen mit, aber im Grunde sei ihre Familie stets bei ihr: die Besatzung. Deren Motto gibt es inzwischen sogar schon als T-Shirt-Aufdruck: „Ein schlechter Tag auf See ist immer noch besser als ein guter im Büro“.