Büffeln für den Bachelor

Der Alltag eines Volkswirtschaftsstudenten am Beispiel Christos Litsios’. Von Frühvorlesungen, Nebenjobs als Tutor und Prüfungsvorbereitungen

Hamburg. Die beiden Räume liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Aber wenn Christos Litsios vom zweiten Stock des zentralen Gebäudes der Wirtschaftswissenschaften (Wi-Wi-Bunker) am Von-Melle-Park über den Hof in ein Nebengebäude wechselt, vertauschen sich seine Rollen. Einmal ist er Student, einmal Dozent, einmal Schüler, einmal Lehrender. Einer von gut 2700 Wirtschaftsstudenten unter den mehr als 41.000 angehenden Wissenschaftlern und Doktoranden an der Universität. Einer, der einen Weg gefunden hat wie sich Vorlesungen, Klausuren und Seminararbeiten vereinbaren lassen. Dazu Jobs an zwei Lehrstühlen, die ihm ein Büro eingebracht haben, das er sich mit einer Kollegin teilt. „Alles geht vor allem deshalb so reibungslos, weil die Wege an der Universität kurz sind“, sagt der Volkswirtschaftsstudent.

So wie an diesem Mittwochvormittag als der 24-Jährige in der ersten Reihe im Raum 2067 im zweiten Stock des Wi-Wi-Bunkers sitzt. Innen im Seminarraum haben sich die kahlen weißen Wände und die braunen Tische in mehr als 20 Jahren kaum verändert. Auch die pfeifende Klimaanlage nicht, gegen die sich der Dozent, Professor Olaf Posch, durchsetzen muss. Seinen Zuhörern will er beibringen, wie sie die Stärke des Wachstums einer Volkswirtschaft und die Dauer von Konjunkturzyklen berechnen und analysieren können. Solche Vorhersagen interessieren Litsios. Dafür hat er mit der von ihm zunächst wenig geliebten Mathematik, die Posch geduldig vorträgt, seinen Frieden gemacht. „Mathematik“, sagt Litsios, „ist die Sprache, mit der sich diese Entwicklungen aufzeichnen lassen.“

Posch erklärt zwar auf Deutsch. Das Lehrbuch, auf das der Kurs für fortgeschrittene Studenten aufbaut, ist aber auf Englisch erschienen, so wie viele Fachbücher. „Vielleicht kommt man bis zum Bachelor über sechs Semester noch ohne Englisch aus. Aber wer heute VWL studiert, sollte sich schon mit der Fremdsprache befassen“, sagt Litsios.

Er hat da keine Probleme. Nach dem Leistungskurs im Abitur, einigen Wochen als Betreuer von Jugendlichen in Seattle und der Bundeswehrzeit ging er für ein Jahr nach Kanada, um das Land kennenzulernen und zu arbeiten. Jobs als Gärtner, Kellner und Pool-Boy, der Schwimmbecken für Privatkunden reinigt, nahm er an. Jetzt spricht der Sohn eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter fließend Englisch. Sein Interesse am wirtschaftlichen Verhalten der Menschen und ihren Entscheidungen bringt ihn dann zum Studium. Sowohl Psychologie als auch VWL kommen für ihn in Frage. Für beide bewirbt er sich. Die Uni Hamburg nimmt ihn für die Wirtschaftswissenschaften auf.

Im September 2010 kommt Litsios von seinem Heimatort bei Krefeld in die Hansestadt. Vier Wochen lang muss er noch während des ersten Semesters bei einem Freund übernachten. Dann kann er zusammen mit einem ihm bisher unbekannten Studienkollegen die Wohnung eines Doktors der Volkswirtschaft übernehmen. In Billstedt leben die beiden jungen Männer immer noch auf 48 Quadratmetern und diskutieren manchmal bis spät in die Nacht über Themen aus ihren Fächern. „Wir sind längst gute Freude geworden und haben schon Seminararbeiten gemeinsam geschrieben“, sagt Litsios. 330 Euro zahlt jeder der beiden für die Miete. Das verdient Litsios mit seinem Tutorium und als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl Mikro- und Industrieökonomik. Zusammen mit dem BAföG kommt er über die Runden.

Der Alltag beginnt früh, erste Vorlesungen sind auf 8.15 Uhr terminiert. Aber alle Veranstaltungen sind mit ein paar Schritten, allenfalls nach einer kurzen Fahrstuhlfahrt zu erreichen. Informationen über Kurse, Anmeldungen oder Noten liefert das Internet, ohne das ein Studium gar nicht mehr möglich wäre. Schlangen bei den Seminar-Anmeldungen sind durch das Netz ein Thema von gestern. Noch immer aber ist das Essen in den vier nahen Mensen preiswert. Für 3,50 Euro kann man sich satt essen.

Seine Jobs hat sich Litsios im ersten und zweiten Semester gesucht, als ihn seine Eltern finanziell stärker als heute unterstützten und ihm so die Freiheit gaben, sich in Ruhe umzusehen. „Das war ökonomisch raffiniert“, sagt der VWLer. Denn andere Kommilitonen seien für ihre Jobs in der ganzen Stadt unterwegs, verlören viel Zeit und würden dazu von ihrer Arbeit vom Studium abgelenkt. Er kann dagegen für seine Fächer stets dazulernen.

Gute Voraussetzungen also um die Anforderungen zu bewältigen, durch die Bachelor-Studenten vom ersten Tag an unter Druck stehen. Jede Klausur, jedes Referat in dem auf sechs Semestern ausgerichteten Studium zählt für den Abschluss. Es muss also von Anfang an ergebnisorientiert studiert werden, wenn die Abschlusszensur entsprechend ausfallen soll. Vor allem aber, wenn auf den Bachelor ein Master folgen soll. Denn dafür muss man sich nicht nur an der Hamburger Universität mit guten Noten bewerben. „Diesen Stress empfinden viele als zu groß“, sagt Litsios.

Trotz solcher Belastungen hat er sich bei der Umstellung vom Diplom- auf die Bachelor- und Master-Studiengänge über ein Semester hinweg Zeit genommen, um mit Professoren, anderen Studenten und Experten über Verbesserungen zu sprechen. Seit dem Wintersemester 2012/13 wirkt sich das aus. Für die Mathematik-Scheine, noch immer eine der höchsten Hürden für Wirtschaftswissenschaftler, gibt es jetzt einen Vorkurs, und VWLer und Betriebswirte lernen Mathe in eigenen Veranstaltungen. Ein Seminar für wissenschaftliches Arbeiten wird angeboten und es ist zudem möglich, eine vergeigte Klausur vor Beginn des nächsten Semesters nachzuholen. „Ich finde der Einsatz hat sich gelohnt“, sagt Litsios. „Nur wer aktiv eingreift, kann etwas verändern.“

Um noch mehr zu tun, hat er vor einigen Monaten einige Freunde zusammengetrommelt und eine Initiative ins Leben gerufen. Bei bisher drei Workshops konnten sich vor allem Erstsemester dabei über den Lernstoff informieren und Kontakt zu den höheren Semestern aufnehmen.

„Solche übergreifenden Kontakte sind selten und der Austausch über inhaltliche Probleme kommt oft zu kurz“, sagt Litsios. Beides wird jetzt in den Workshops angeboten. Mit Erfolg: Zur ersten Veranstaltung zur Mikroökonomie kamen an einem Sonntag 80 Studenten, die mehr als sechs Stunden lang diskutierten. Jetzt hofft Litsios auf eine Förderung der Treffen von der Uni für Schulungsmaterial oder Didaktik-Trainer. Geld für ihren Einsatz für die neuen Kollegen wollen die Studenten auch künftig nicht haben.

Nach der dreistündigen Mathe-Vorlesung ist Litsios in die Mensa hinuntergegangen. Mittagessen in einer großen Universität bleibt dort auch im neuen Jahrtausend eine Tortur. Das Stimmengewirr und die klappernden Teller verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm. Das Hinsetzen und Aufstehen erzeugt Hektik, die selbst Litsios unruhig macht. Um einen Moment ungestört zu sein, geht er einen Aufgang zu seinem Büro hinauf, der offenbar kaum bekannt ist. Kaum Menschen sind hier, es gibt keine Stimmen, keine Handzettel und keine Fragen. Das tut Litsios schon deshalb gut, weil jetzt 30 angehende Sozialökonomen auf seinen Kurs zur Mikroökonomik warten.

Wieder sind es nur wenige Schritte bis zu einem Gebäude, gleich neben dem Wi-Wi-Bunker. Auf den Holzstühlen hinter den Stahlrohrtischen sammeln sich die Zuhörer. Es geht darum, wie sich zwei Firmen verhalten, die als Konkurrenten ihre Produktion optimal ausrichten wollen. Litsios zupft sich am Kinn, um das Nachdenken der jeweiligen Manager nachzustellen. Kostenfunktionen werden eingebracht, Preise und Mengen errechnet. Im Raum wird es immer wärmer. Litsios versucht, die Spannung durch Zwischenfragen zu halten. Nicht immer hat er Glück und erhält die gewünschten Antworten. Schließlich rechnet er noch Produktionskosten ein, die durch Umweltschäden entstehen können. Für die Sozialökonomen geht es um viel. Sie bereiten sich auf ihre Klausur vor. Die Aufgaben im Kurs sind dafür idealtypisch. Die Klausur selbst kennt aber auch Litsios nicht.

Nach gut eineinhalb Stunden endet das Rechnen. Eine Tasse Kaffee für weniger als einen Euro, ein kurze Pause. Aber auch gegen 18.30 Uhr sitzt Litsios noch in seinem Büro. Ob es heute für einen Besuch im Fitnessstudio reicht, weiß er noch nicht. Derzeit schreibt Litsios an seiner Bachelor-Arbeit. Mit einer Gesamtnote von 2,5 könnte er sich in Hamburg für den Master bewerben. Er will Studium und Prüfung aber lieber in den USA oder in Kanada absolvieren. Für einen Studienplatz auf der anderen Seite des Atlantiks dürften aber eher noch bessere Noten notwendig sein. Der Stress reißt nicht ab.