Mineralwasser aus 120 Meter Tiefe

Abendblatt-Serie: Wo kommen unsere Lebensmittel her? Die 22. Reise führt zur Fürst Bismarck-Quelle. 25 Kilometer von Hamburg entfernt

Aumühle. Das blaue Gold lagert unter einem schmucklosen Metalldeckel im Sachsenwald. Er ist rund, vielleicht einen Meter breit und liegt auf etwas, das wie eine überdimensionierte Regentonne aussieht. Wäre nicht die riesige Wasserabfüllanlage in Sicht- und Hörweite, die großen Tanks und die Lastwagen, käme man nie auf die Idee, dass unter genau diesem Deckel die Quelle für jenes Mineralwasser ist, dass die Hamburger und Schleswig-Holsteiner am liebsten trinken. Doch direkt von hier unten, aus einer 120 Meter tiefen Gesteinsschicht, wird das zu diesem Zeitpunkt 14 Grad kalte Fürst-Bismarck-Wasser von einem gigantischen Strohhalm nach oben gesaugt.

Weil so ein Metalldeckel am Waldrand aber ziemlich unspektakulär aussieht, haben die Fürst-Bismarck-Werbeleute in Sichtweite eine kleine Hütte aus rotem Backstein gesetzt und drinnen einen Brunnen aufgebaut. Durch ein Plexiglasrohr wird hier Wasser nach oben gedrückt, das sich danach über glatte weiße Kiesel wieder in den Boden ergießt. Hübsch sieht das aus und plätschert schön, mit der Mineralwasserproduktion an sich hat die Hütte aber rein gar nichts zu tun. Aber jedes Produkt, das man verkaufen will, braucht nun einmal seine Bilder und Mythen. Und der Bismarck-Mythos lautet, dass dieses der Bismarck-Ursprungsbrunnen ist, offiziell angezapft 1906.

Dabei geht die Unternehmenslegende sogar noch ein bisschen weiter. Demnach soll es sogar Otto von Bismarck selbst gewesen sein, der die berühmte Quelle schon 1891 bei seinen morgendlichen Spaziergängen durch den Sachsenwald entdeckte und jeden Tag einen Schluck aus ihr trank.

Mehr als 100 Jahre später ist von dieser Romantik bis auf den Namen Fürst Bismarck nur noch wenig übrig. Im Sachsenwald in Aumühle, etwa 25 Kilometer östlich von Hamburg, werden im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche Mineralwasserflaschen abgefüllt. 84.000 sind es pro Stunde, 60 Lastwagen fahren jeden Tag beladen vom Hof. Unter den Markenmineralwassern ist Fürst Bismarck in Norddeutschland Marktführer, mehr Wasser verkaufen nur die Discounter wie Aldi, Lidl und Co. Für die Mineralwasserindustrie ist Deutschland ein Schlaraffenland. 209 Brunnenbetriebe gibt es hier und mehr als 500 Mineralwassermarken. In keinem anderen Land der Welt ist das so.

Neben Mineralwasser wird im Aumühler Werk auch Apfelschorle abgefüllt

„Das Mineralwasser, das wir abfüllen, ist ziemlich genau das, was auch aus dem Boden kommt“, sagt Produktionsleiter Sebastian Schleiffer. Der 32 Jahre alte studierte Verfahrenstechniker ist seit Januar im Betrieb und nach eigenen Angaben mit Fürst Bismarck groß geworden, weil es die Marke bereits in seinem Elternhaus gab. Nach dem Hochpumpen durchläuft das Wasser noch einen Sandfilter, in dem Eisen und Mangan hängen bleiben, damit es nicht allzu metallisch schmeckt. Außerdem wird Kohlensäure hinzugefügt – und das war es dann schon. Die Deutschen mögen es dabei prickelnd: Rund 40 Prozent der Flaschen haben einen normalen Kohlensäuregehalt, 40 Prozent sind die reduzierte Mediumvariante, nur 20 Prozent sind stilles Wasser. „Deutschland ist das einzige Land, wo so viel Wasser mit Kohlensäure getrunken wird“, erklärt Werksleiterin Marie-Noëlle Steininger.

Neben dem Fürst-Bismarck-Mineralwasser laufen in Aumühle auch die Apfelschorle und weitere Produkte der Marke vom Band. Auch das Mineralwasser Frische Brise wird hier produziert. Das Wasser kommt allerdings aus einer anderen Quelle im Sachsenwald.

Ein Blick auf eine Flasche Fürst Bismarck verrät nicht, dass die Marke zum größten Lebensmittelkonzern der Welt gehört, zum schweizerischen Unternehmen Nestlé. Unter seinem Dach sind etwa auch San Pellegrino, Vittel oder Contrex. Nestlé ist damit größter Wasserhändler der Welt. In der Kritik steht das Unternehmen wegen dieser Tätigkeit bei Menschenrechtlern und Umweltschützern. Sie attackieren vor allem den Handel mit abgepacktem Trinkwasser in Entwicklungsländern. Es geht dabei um eine ethisch-moralische Dimension, nämlich ob es in Ordnung ist, in einem Land Gewinne mit dem Abfüllen von Wasser zu machen, während die Bevölkerung vielleicht keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu Trinkwasser hat. Nestlé weist das zurück. Man sei ein „verantwortungsvoller Wassernutzer“.

Klar ist: Wasser gilt als blaues, flüssiges Gold, ist es doch unser wichtigstes Lebensmittel überhaupt. Bis zu 60 Prozent des menschlichen Körpers bestehen aus Wasser, täglich müssen wir trinken, am besten zwei Liter oder mehr. 137 Liter Mineralwasser hat jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr getrunken – und er trinkt es viel lieber als Wasser aus der Leitung, obwohl dies bei uns auch eine gute Qualität hat.

Damit die Qualität des Fürst-Bismarck-Wassers immer gleich bleibt, wird in Aumühle mehrmals am Tag in einem Labor professionell verkostet. Werksleiterin Marie-Noëlle Steininger zeigt, wie das funktioniert: Das Wasser wird erst in kleine transparente Becher gefüllt. Dann gucken, ob das Wasser aussieht, wie es aussehen soll. Dann riechen, dann langsam probieren. „Wir nutzen für diese Art der Qualitätskontrolle alle unsere körperlichen Möglichkeiten“, so Steininger. Wer diesen Job im Rahmen der industriellen Mineralwasserproduktion machen will, muss speziell geschult werden – auch wenn jeder theoretisch weiß, wie Wasser schmeckt und schmecken soll.

Dass Fürst Bismarck im Norden Marktführer ist, liege auch am Namen, so Ulf Pittner, Marketingchef der Nestlé Waters GmbH. Während sich das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark in Hamburg mittlerweile zur Seite neigt und saniert werden muss, hält sich der Ruf des Namens Bismarck zumindest in den Köpfen der Norddeutschen stabil positiv. Die Menschen würden damit vor allem die guten, alten Werte verbinden – die Werte Otto von Bismarcks, so Pittner. Also etwa Geradlinigkeit, klare Sprache, Familiensinn. Ulf Pittner: „Ein bisschen wie bei Helmut Schmidt.“