Kommentar

Geiz, der in den Genen liegt

Es ist wieder so weit. Weil die Firmen falsch kalkuliert haben oder weil das Wetter zu lange zu schlecht war, bietet Hamburgs Textileinzelhandel seine Waren wie auf einem orientalischen Basar an. Fast überall fallen die Preise. Der eine Kunde freut sich über günstige Preise, während sich der andere ärgert, etwa weil die Hose, die er erst vor wenigen Tagen für 120 Euro gekauft hatte, nun für 79 Euro im Schaufenster hängt. Ein solches Handeln des Handels verunsichert die Kunden nicht nur, es macht sie manchmal auch wütend. Wer zum Beispiel bei den Rabattaktionen im Schlussverkauf ein T-Shirt für sieben Euro ergattert, könnte auf den Gedanken kommen, dass das gute Stück zuvor überteuert angeboten wurde. Das stärkt nicht das Vertrauen in den Einzelhandel.

Beim Schlussverkauf stellt sich andererseits die Frage, ob die Menschen die Jagd nach Schnäppchen in ihren Genen haben. Möglicherweise ist das so. Warum fährt sonst ein Autofahrer zehn Kilometer weit zur Tankstelle, nur weil diese den Sprit um einen Cent billiger pro Liter anbietet? Der Bonner Neurowissenschaftler Bernd Weber hat in Versuchen nachgewiesen, dass allein der Anblick von großen Prozentzeichen vor dem Preis eines Produktes das Belohnungssystem im Hirn aktiviert.

Sind wir wirklich so fremdgesteuert? Muss Geiz für uns immer noch so geil sein? Eigentlich schien diese Phase doch schon vorbei. Oder fallen wir einfach auf die vielen groß und bunt angepriesenen Schnäppchen herein, die zum Teil unter menschenunwürdigen und ökologisch fragwürdigen Bedingungen in Asien produziert worden sind?