Warenhaus

Karstadt-Chef Andrew Jennings wirft hin

Warenhaus schreibt rote Zahlen. Inhaber Berggruen hat Geflecht von Firmen in der Karibik geschaffen. Beschäftigte fürchten, dass ein nächster Sanierer kommt, der noch härtere Einschnitte von den Mitarbeitern verlangt.

Hamburg. Was ist bloß bei Karstadt los? Erst kündigte das Unternehmen den Abbau von 2000 Stellen an, jetzt will Karstadt-Vorstandschef Andrew Jennings seinen Ende des Jahres auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Für die knapp 25.000 Beschäftigten des Unternehmens, darunter rund 1500 Mitarbeiter in elf Hamburger Karstadt-Filialen, kommt diese Nachricht zur Unzeit. Denn sie fürchten ohnehin schon um ihre Zukunft, seit der Konzern sich entschieden hat, in den regionalen Arbeitgeberverbänden in die Verbandsmitgliedschaft ohne Tarifbindung zu wechseln. Im Klartext bedeutet diese Entscheidung, dass die Mitarbeiter nicht mehr von künftigen Tariferhöhungen profitieren können.

Jetzt verlieren sie auch noch ihren Chef. Zwar war das Verhältnis der Mitarbeiter zu dem Briten, der so gut wie kein Deutsch spricht, nicht immer gut. Doch jetzt fürchten sie, dass ein nächster Sanierer kommt, der noch härtere Einschnitte von den Mitarbeitern verlangt. Mit Jennings geht der Mann von Bord, der das Unternehmen eigentlich sanieren sollte - und dies bislang nicht geschafft hat. Nach einem Bericht des Magazins "Focus" ist der Umsatz des Warenhauskonzerns im Mai um fünf Prozent gesunken. In den Vormonaten habe das Minus mit im Schnitt zehn Prozent doppelt so hoch gelegen.

Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen muss nun einen neuen Karstadt-Chef suchen. Jennings ist erst seit 1. Januar 2011 Vorstandsvorsitzender des krisengeschüttelten Konzerns. Berggruen selbst hat den Briten damals nach Essen in die Zentrale geholt. Doch jetzt gibt es offenbar zwischen dem Manager und dem Karstadt-Investor Differenzen über die Strategie zur Rettung der Warenhauskette, wie "Bild am Sonntag" (BamS) schreibt.

Der Sanierungsplan von Jennings war offenbar ins Stocken geraten, weil die versprochenen Millionen von Berggruen für die notwendige Modernisierung der Kaufhäuser nicht kamen. Dies wies Karstadt zurück. Der Manager Jennings werde sogar noch daran mitwirken, seinen Nachfolger zu finden, hieß es. "Berggruen und das Management befinden sich über die Fortsetzung der Karstadt-Strategie in Harmonie miteinander", so eine Mitteilung. Der Eigentümer und Jennings stünden zur Strategie "Karstadt 2015".

Laut "BamS" soll Berggruen, der sich gern als Mäzen sieht, in der Karibik ein Geflecht von Stiftungen und Briefkastenfirmen geschaffen haben, das die Geldflüsse in seinen Unternehmen schwer durchschaubar macht. So soll das deutsche Unternehmen Karstadt über mehrere Zwischenfirmen einem Nicolas Berggruen Charitable Trust auf den British Virgin Islands gehören. Das Blatt beruft sich auf ihr vorliegende Dokumente der US-Börsenaufsicht SEC. Der Trust halte "die Aktienbeteiligungen der Berggruen Holdings und soll gemeinnützige Aktivitäten unterstützen", so das SEC-Papier. Die Geschäftsanschrift des Trusts sei ein Briefkasten auf der Insel Tortola.

Mit dieser Konstruktion blieben im Ausland erwirtschaftete Erträge auf der Insel steuerfrei. Eine Berggruen-Sprecherin wies dies gegenüber der Zeitung zurück. "Alle Unternehmen zahlen dort Steuern, wo sie beheimatet sind. Berggruen profitiert in keiner Weise vom Nicolas Berggruen Charitable Trust. Dieser wird das Vermögen noch zu Lebzeiten Berggruens vollständig gemeinnützigen Zwecken spenden."

In die karibische Steueroase fließen laut "BamS" aber auch Gelder, die Berggruen Jahr für Jahr als Lizenzgebühr bekommt, weil er die Namensrechte an Karstadt erworben hat. Der Investor lege Wert darauf, dass nicht er persönlich das Geld erhält, sondern eine Holding, die auf den British Virgin Islands residiert, hieß es dazu von seinem Management. "Berggruen zieht jedes Jahr Millionen bei Karstadt ab, anstatt endlich in das Unternehmen zu investieren. Er muss offenlegen, wie die Finanzströme zwischen Karstadt und seiner Stiftung laufen", forderte Christoph Schmitz, Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. "Karstadt muss wieder in die Tarifbindung eintreten. Zudem muss Berggruen zur Sanierung mehr Geld ins Unternehmen schießen", sagte der Hamburger Ver.di-Experte Arno Peukes dem Abendblatt. Es sei nicht hinnehmbar, dass der Konzern schon wieder an das Geld seiner Mitarbeiter gehe. Allein in Hamburg demonstrierten in den vergangenen Tagen rund 450 Karstadt-Beschäftigte gegen die Entscheidung des Konzerns, sich nicht mehr an die Tariftreue zu halten.

Die Warenhauskette betreibt aktuell 86 Waren- und 28 Sporthäuser sowie drei Luxuswarenhäuser in Berlin, Hamburg (Alsterhaus) und München und das Internetportal Karstadt.de. Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 sprang Investor Nicolas Berggruen ein. Seitdem ist die Kette auf einem schwierigen Sanierungsweg. Der Umbau könne vier bis fünf Jahre oder auch länger dauern. "Es wird ein Marathon, kein Sprint", hatte Andrew Jennings noch Anfang 2012 in einem Interview gesagt

Die Schwierigkeiten bei Karstadt veranlassen jetzt auch Experten, Themen wie das Sterben der Warenhäuser zu analysieren. Der Wissenschaftler Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Universität Leipzig, berichtet laut "Focus" in einer neuen Warenhausstudie, dass nur 70 der derzeit 191 Karstadt- und Kaufhof-Häuser "eine gute und langfristig tragfähige Marktposition" verfügten. Für die Studie habe Hessert die Daten sämtlicher Kaufhausstandorte im Bundesgebiet analysiert. Karstadt besitzt demnach im Vergleich zu Kaufhof die besseren Standorte. "Von den 70 Zukunftsfilialen stammen nur 29 von Kaufhof", sagte Hessert dem Magazin.