Kommentar

Geteilte Arbeitswelt

Es sind zwei Meldungen eines Wochenendes, welche die geteilte Arbeitswelt in Deutschland kaum besser beschreiben könnten. Auf der einen Seite fordern selbstbewusste Gewerkschafter von IG Metall und DGB kräftige Lohnerhöhungen. Auf der anderen Seite muss sich der Versandhändler Amazon vorhalten lassen, dass er hierzulande Leiharbeiter für wenig Geld und unter menschenunwürdigen Bedingungen beschäftigt.

Hier die Facharbeiter und Ingenieure in der Industrie mit geregelten Arbeitszeiten, ausgiebig Urlaub und großzügigen Sonderzahlungen. Dort die schlecht bezahlten Beschäftigten auf Zeit ohne Privilegien, die nur dafür da sind, dass sich die Billig-billig-Konsum-Welt weiterdreht. Ware per Mausklick bestellen, Geld überweisen, bei Gefallen kostenlos zurücksenden und Geld wiederbekommen - dieses Geschäftsmodell kann nur funktionieren, wenn die Kosten beim Versender so niedrig wie möglich gehalten werden. Jeder Konsument, der zu solchen Konditionen im Internet bestellt und sich später über die schlechten Arbeitsbedingungen beim Versender aufregt, verhält sich unglaubwürdig.

Vieles deutet darauf hin, dass die Einkommensschere zwischen qualifizierten Fachkräften in der Industrie und ungelernten Kräften in Dienstleistungsbetrieben in den kommenden Jahren noch weiter auseinandergehen wird. An einem Hightech-Standort wie Deutschland ist diese Entwicklung nicht wirklich überraschend. Doch eine Arbeit mit anständiger Bezahlung und unter menschenwürdigen Umständen sollte in diesem Land jedem Beschäftigten garantiert werden - egal ob er Facharbeiter, Ingenieur oder Hilfskraft ist.