Millionen-Schulden

Hamburger Handwerkskammer ist in Not

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Bob Geisler

Foto: Klaus Bodig

Die Hamburger Kammer hat Schulden in Höhe von 24 Millionen Euro angehäuft und weist einen Fehlbetrag aus. Die Beiträge sollen steigen.

Hamburg. Hohe Schulden, rote Zahlen und Belastungen aus alten Bauvorhaben und Pensionsrückstellungen: Die finanzielle Situation der Hamburger Handwerkskammer ist nach Einschätzungen von Kritikern weitaus dramatischer als bislang angenommen. "Die Kammer ist heruntergewirtschaftet und ein Sanierungsfall", sagte der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern (bffk), Kai Boeddinghaus, gestern in der Hansestadt. Es sei ein "Skandal", dass in einer "so reichen Stadt wie Hamburg die Kammer mit einem riesigen Schuldenberg und einem negativen Eigenkapital" dastehe. Präsident Josef Katzer beschönige die Lage, anstatt sich der Situation offen zu stellen.

Der Verband, der für die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft in den deutschen Kammern eintritt, untermauert seine Vorwürfe mit Auszügen aus der Gewinn- und Verlustrechnung sowie dem Jahresabschluss der Handwerkskammer für 2010. Geschäftsführer Boeddinghaus hatte die Daten zusammen mit dem Hamburger Fotografenmeister Christian Anhalt eingesehen. Normalerweise sind die Zahlen nicht öffentlich zugänglich.

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Laut bffk sitzt die Handwerkskammer derzeit auf einem Schuldenberg in Höhe von fast 24 Millionen Euro. Präsident Katzer hatte bislang hingegen von Schulden in Höhe von rund 16 Millionen Euro gesprochen. Schlechter als in der Öffentlichkeit dargestellt ist aus Sicht der Kritiker auch die Kostenentwicklung in der Handwerkskammer. So seien die laufenden Kosten von 2009 zu 2010 um rund 465 000 Euro gestiegen und nicht, wie im Frühjahr dieses Jahres von Katzer behauptet, um rund 1,7 Millionen Euro gesunken.

Insgesamt belief sich der Jahresfehlbetrag in der Kammer laut Gewinn- und Verlustrechnung auf fast 714 000 Euro. Zudem weist der Jahresabschluss einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag in Höhe von 2,2 Millionen Euro aus. "Vor diesem Hintergrund kann man sicher nicht behaupten, dass die Kammer finanziell auf gesunden Füßen steht", sagt Boeddinghaus.

Eine erhebliche Belastung stellt laut bffk auch das vor Jahren errichtete Aus- und Weiterbildungszentrum Elbcampus in Harburg für die Handwerkskammer dar. So tauchten im Jahresabschluss 2010 noch strittige Restforderungen von Baufirmen in Höhe von rund vier Millionen Euro auf.

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, Frank Glücklich, wies die Darstellung der Kritiker als "tendenziös" und "einseitig" zurück. "Die Kammer steht finanziell stabil da, von einem Sanierungsfall kann keine Rede sein", sagte er dem Abendblatt. Es sei allerdings richtig, dass die Organisation unter nicht unerheblichen Altlasten zu leiden habe.

Zu diesen Altlasten gehören laut Glücklich Pensionsrückstellungen in Höhe von 15,5 Millionen Euro sowie die strittigen Forderungen im Zusammenhang mit dem Bau des Elbcampus. Wegen Mängeln an dem Bauwerk habe die Kammer die ausführenden Firmen nicht in vollem Umfang bezahlt, diese hätten ihrerseits Forderungen gegen die Kammer geltend gemacht. "Das wird jetzt vor Gericht geklärt", sagte Glücklich. "Wir rechnen damit, dass wir nicht die Maximalforderungen begleichen müssen, sondern lediglich Belastungen von einigen Hunderttausend Euro haben werden."

Aus den Altlasten erklärt sich laut Glücklich auch der Jahresfehlbetrag, den die Kammer für 2010 ausweisen musste. "Operativ, also im normalen Tagesgeschäft, schreiben wir aber schwarze Zahlen", sagt der Hauptgeschäftsführer. Etwas anderes habe auch Präsident Katzer nie behauptet.

Zwar ist es laut Glücklich richtig, dass die Kosten der Kammer im Jahr 2010 gestiegen sind. Dem stünden aber auch höhere Einkünfte gegenüber. "Insgesamt sind wir dabei, unsere Altlasten systematisch abzubauen", betonte der Hauptgeschäftsführer. In diesem Jahr plane die Kammer daher, den Jahresfehlbetrag auf etwa 560 000 Euro zu reduzieren. Im kommenden Jahr sei dann wieder mit einem positiven Gesamtergebnis zu rechnen.

Aus Sicht der Kritiker werden die Handwerker aber auch mit außergewöhnlich hohen Mitgliedsbeiträgen für die schwierige finanzielle Situation zur Kasse gebeten. So zahlt ein Handwerker, der jährlich einen Gewinn von 25 000 Euro erzielt, laut Boeddinghaus derzeit einen Jahresbeitrag von 643 Euro. In der Hamburger Handelskammer würden Mitgliedern mit einem vergleichbar hohen Gewinn lediglich 78 Euro in Rechung gestellt.

Und nach einer außerordentlichen Beitragserhöhung um 25 Prozent im Jahr 2010 müssen sich die Handwerker für kommendes Jahr auch noch auf eine weitere Steigerung um 2,6 Prozent einstellen, wie Hauptgeschäftsführer Glücklich bestätigte. Auf der heutigen Vollversammlung solle die Anhebung beschlossen werden. Er bestritt aber, dass die Beitragsanhebung mit der angespannten Lage in der Kammer in Verbindung steht. "Die aktuelle Anhebung ist ein Ausgleich für die allgemeine Preisentwicklung", sagte er. Die Erhöhung der Beiträge im vergangenen Jahr sei durch eine Imagekampagne für das Handwerk nötig geworden, die noch bis 2014 fortgesetzt werden solle.

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