Mit der Kür Achleitners zum nächsten Aufsichtsratschef bekommt das Investmentbanking in der Führungsriege ein Übergewicht.

Frankfurt. Spekatakuläre Wende im Personalpoker bei der Deutschen Bank. Josef Ackermann steht nicht mehr für den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender zur Verfügung. Ursprünglich wollte er nächstes Jahr, nach seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender, den Posten des obersten Chefaufsehers übernehmen.

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Der Grund für die Wende: Ackermann habe nicht genug Zeit sich auf den neuen Posten vorzubereiten. Die Verpflichtungen des Schweizers in der aktuellen Schuldenkrise seien zu aufwending. Ackermann habe erklärt, dass "die extrem herausfordernden Verhältnisse auf den internationalen Finanzmärkten und im politisch-regulatorischen Umfeld seine volle Aufmerksamkeit als Vorsitzender des Vorstands der Bank" verlangten. Deshalb könne er sich nicht angemessen - etwa durch Einzelgespräche mit Aktionären - auf die neue Tätigkeit vorbereiten. Nach zehn Jahren an der Spitze der größten deutschen Bank übergibt Ackermann die Konzernführung im Mai 2012 an seine Vorstandskollegen Anshu Jain und Jürgen Fitschen.

Nun soll Allianz-Vorstand Paul Achleitner Aufsichtsratschef werden. Achleitner stehe grundsätzlich für das Amt zur Verfügung, teilte die Deutsche Bank mit. Der Aufsichtsrat des Münchner Versicherungskonzerns müsse allerdings noch zustimmen.

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Mit dessen Kür bekommt das Investmentbanking in der Führungsriege des Branchenprimus ein Übergewicht. Der 55-jährige Allianz -Vorstand ist Fusionsspezialist mit besonderer Vorliebe für komplexe Deals. Als ehemaliger Top-Banker des US-Geldhauses Goldman Sachs kennt er das Kapitalmarktgeschäft in- und auswendig. Daher geht unter einigen Arbeitnehmern und deutschen Aktionären bereits die Sorge vor einem Strategieschwenk der größten deutschen Bank um. „Wir hoffen sehr, dass Achleitner für beide Seiten der Bank steht und integrierend wirkt“, sagt Klaus Nieding, Aktionärsvertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Ein großer Anteilseigner der Deutschen Bank warnt die neue Führungsmannschaft vor einem strategischen Umschwung. „Es ist wichtig und richtig, an der breiten Aufstellung der Bank festzuhalten“, sagte der Manager eines Fonds, der zu den größten Investoren gehört. Wie sinnvoll etwa die Stärkung des Privatkundengeschäfts durch die Postbank -Übernahme gewesen sei, zeige sich gerade jetzt in der Krise.

Eigentlich war die neue Machtbalance der Deutschen Bank in wochenlangen Gesprächen mühsam austariert worden. Mit dem Top-Investmentbanker Anshu Jain und Deutschland-Chef Jürgen Fitschen als Nachfolger von Vorstandschef Josef Ackermann sind die beiden Säulen – riskantes Kapitalmarktgeschäft und stabiles Privat- und Firmenkundengeschäft – ab Mitte 2012 in der Spitze vertreten. Zusätzlich sollte Ackermann dann als Aufsichtsratschef für Ausgleich sorgen. Hierauf hatten besonders die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium gepocht. Sie fürchteten sonst ein Übergewicht der vor allem in London ansässigen Investmentbanker gegenüber den Mitarbeitern des traditionellen Bankgeschäfts hierzulande.

Doch Ackermann musste fürchten, die für einen solchen direkten Wechsel vorgeschriebene Unterstützung von 25 Prozent der Investorenstimmen nicht zu bekommen. Daher soll es nun Achleitner richten. „Er ist ein reinrassiger Investmentbanker, aber wer weiß – Ackermann hat sich ja auch vom Saulus zum Paulus gewandelt“, sagt ein Analyst, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Das Ende der Äre Ackermann nach zehn Jahren an der Spitze stößt auf geteiltes Echo. Die Aktionärsvertreter der DSW bedauern den Schritt. „Dass Ackermanns einzigartige Expertise der Bank nun vollständig verloren geht, ist aus Aktionärssicht sehr bedauerlich“, erklärt DSW-Präsident Ulrich Hocker. Widerspruch kam von einem Großaktionär: „Wir begrüßen die Entscheidung aus Aktionärssicht, da eine unmittelbare Kandidatur von Herrn Dr. Ackermann für den Aufsichtsratsvorsitz zu potenziellen Interessenkonflikten und daraus resultierenden Reputationsrisiken für die Deutsche Bank geführt hätte“, kommentiert Ingo Speich, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Union Investment, den überraschenden Rückzug. Zu den Erwartungen an Achleitner äußert sich der Investor nicht. Er fordert lediglich, dass Achleitner seine weiteren Aufsichtsratsmandate auf den Prüfstand stellt, um sich ganz der neuen Aufgabe widmen zu können.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, die der neuen Personalie zugestimmt haben, setzen offenbar darauf, dass der Österreicher in seiner Zeit bei der Allianz auch die Vorzüge eines konservativen Geschäftsmodells schätzen gelernt hat. „Durch die Arbeit bei dem Versicherer hat er bei uns einen Vertrauensvorschuss, dem er nun gerecht werden muss“, sagt ein Bank-Insider. Kritiker werfen dem Ex-Goldman-Banker dagegen vor, dass er beim Versicherer die treibende Kraft hinter der Dresdner-Bank-Übernahme war. „Das war der schlechteste Kauf in der Allianz-Firmengeschichte“, urteilen die Analysten von Silvia Quandt Research. „Das wird ihm noch lange nachhängen“, vermutet ein Fondsmanager.

Letztlich könnte das schwierige Marktumfeld dazu führen, dass sich die Furcht vor einem dramatischen Übergewicht des Investmentbankings als unbegründet erweist. Angesichts rapide schrumpfender Renditen in diesem Geschäftsfeld dürften Jain, Fitschen und Achleitner gar nichts anderes übrig bleiben, als Ackermanns Kurs der Stärkung der traditionellen Bankgeschäfte fortzusetzen. Klar ist aber auch, dass die Doppelspitze im Vorstand nun höhere Freiheitsgrade haben wird als bei einem Aufsichtsratschef Ackermann. „Das Tandem hat mehr Freiraum zur Entfaltung“, beschreibt es Aktionärsvertreter Nieding. Ein Investor ergänzt: „Hoffentlich strampeln beide gleich stark.“

(abendblatt.de/dapd/dpa/Reuters)