Hamburg

Euler Hermes: die Rating-Agentur aus Bahrenfeld

Foto: Roehrbein, Ingo (Hamburg, DEU) / Roehrbein, Ingo (Hamburg, DEU)/Roe

16 Experten der Rating-Agentur Euler Hermes bewerten Unternehmen. Zu Besuch bei Repräsentanten einer kritisch beäugten Branche.

Hamburg. Das Glück des Kai Gerdes liegt zwischen den Regalreihen eines Edeka-Marktes. Es ist nicht die beworbene Liebe zu den Lebensmitteln, die ihn zwischen Paprika und Süßigkeiten Bestätigung finden lässt. Es ist mehr sein Sinn für Zahlen und Konzepte. Kai Gerdes ist Analyst der Rating-Agentur Euler Hermes, einer Tochter des gleichnamigen Kreditversicherers in Hamburg. Der Edekaverband Minden-Hannover gehört zu seinen Kunden.

"Als wir 2005 ein erstes Rating durchführten, war der Wettbewerb durch Discounter für das Unternehmen sehr hoch", erinnert sich der Mann in dem klar geschnittenen Anzug. "Insbesondere die Auswirkungen der strategischen Neuausrichtung waren wichtig für die zukünftige Bonität", sagt er. Jetzt floriert die Lebensmittelkette. Gerdes hat mit seinen Einschätzungen recht behalten. Mal wieder.

Kai Gerdes ist nicht der Typ Mensch, der damit prahlen würde, Dinge besser zu wissen. Nur: Das Besserwissen gehört nun mal zu seinem Job. Es ist das Kapital einer Rating-Agentur, deren Aufgabe es ist, die möglichst objektive Werteinschätzung eines Unternehmens, einer Bank oder eben eines Staates zu ermitteln. Eine Aufgabe, die sich nicht unbedingt mit der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Arbeit deckt. In der gegenwärtigen Debatte erscheinen sie vielmehr als die Grabträger der Kapitalmärkte. Sei es die Herabstufung Griechenlands oder die der Vereinigten Staaten - wer tatsächlich Schuld an dem jüngsten Börsenbeben hat, liest sich oft deutlich.

Man müsse das "Kartell" der Rating-Agenturen zerschlagen, drohte EU-Kommissarin Viviane Reding - und meinte doch nur die "großen Drei". Dass es neben Standard & Poors, Moody's und Fitch-Rating auch in Deutschland eine Vielzahl weiterer Agenturen gibt, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Die meisten von ihnen haben sich auf Unternehmensratings spezialisiert. Wie auch Euler Hermes, die erste von der Aufsichtsbehörde BaFin registrierte europäische Rating-Agentur.

Das Unternehmen hat seinen Sitz auf dem Gelände der alten Hamburger Gasfabrik in Bahrenfeld. Im obersten Stockwerk des schlicht "Haus 2" benannten Gebäudekomplexes, haben die 16 Mitarbeiter einen Ausblick auf ein grau betoniertes Gewerbegebiet. 50 bis 60 Ratings werden bei Euler-Hermes jährlich im Schnitt erstellt. Das Büro von Kai Gerdes, Direktor und Leiter Analyse, liegt hinter einer Glastür. Transparenz ist wichtig. Ein Leitspruch, der ganz besonders für die Unternehmen gilt, die sich einstufen lassen wollen. Wer sich raten lässt, verpflichtet sich zu tiefen Einblicken in das Unternehmen. "Anders wäre es nicht zu machen", sagt Geschäftsführer Ralf Garrn. Das setzt Vertrauen voraus. Man versichert Vertraulichkeit und unterschreibt Verschwiegenheitsabkommen.

"In Kontinentaleuropa gibt es eine lange Tradition von Unternehmen, die sich über Bankkredite finanzieren", sagt Garrn. In England und den Vereinigten Staaten hingegen hat man schon lange dem Kapitalmarkt vertraut. Als die Banken nach der Finanzkrise verpflichtet wurden, ihre Eigenkapitalquote zu erhöhen, wurde es auch in Deutschland zunehmend schwieriger für Unternehmen, ein Kredit zu bekommen, sodass alternative Finanzierungsmöglichkeiten an Kapitalmärkten interessanter wurden. Für viele Investoren ist es allerdings maßgeblich, dass im Vorfeld ein gutes Rating vorliegt.

Das lohnt sich entsprechend auch nur für Firmen, die bedeutende Summen finanzieren wollen "Ab einer Anleihe von etwa 50 Millionen Euro ist ein Rating sinnvoll", sagt Garrn. Dann kann ein etwa dreiköpfiges Team in einem ersten Schritt die Unterlagen sichten und analysieren. Um sich einen genaueren Eindruck von dem Kunden zu verschaffen, wird das Unternehmen in einem zweiten Schritt direkt aufgesucht. Über zwei Tage werden Interviews mit den wichtigsten Personen geführt, es wird getestet, ob man auch auf sogenannte Worst-Case-Szenarien vorbereitet ist. Wie würde ein Unternehmen damit umgehen, wenn es Umsatzeinbußen von zehn, zwanzig Prozent verkraften müsste? "Vor der Finanzkrise schimpften viele Manager, ein solches Szenario wäre zu hypothetisch", sagt Garrn. Die Realität hat die Hypothese eingeholt.

In ein Rating fließen nicht nur die Unternehmenszahlen, sondern auch die Erwartungen über zukünftige Ergebnisse und Risiken ein. Für Kritiker ist das der berühmte Blick in die Glaskugel, für die Analysten reine, mathematische Kalkulation. Sie erstellen eine genaue Marktanalyse, was für Gerdes und sein Team bedeutet, sich in die jeweils spezifischen Marktumfelder einzuarbeiten. Zwischen Tunnelvortriebstechnik, Regelarmaturen und besagten Lebensmittelspezialisten ist das Portfolio der Kunden breit gefächert.

Gerdes zuckt mit den Schultern. Im Prinzip, sagt er, sei die Branche zweitrangig, die betriebswirtschaftlichen Faktoren seien entscheidend. "Viele Unternehmen haben erkannt, dass ein Rating immer wichtiger für die Finanzierung über den Kapitalmarkt wird. Die wenigsten kennen jedoch ihr Rating." Das hatte auch schon mal lautstarke und weniger diplomatische Ausrutscher seitens eines Unternehmens zur Folge, erinnert man sich. Doch die meisten Kunden reagieren da sehr professionell. Zudem bekommen sie vor dem endgültigen Abschlussbericht die Möglichkeit, sich zu den Einschätzungen der Analysten zu äußern.

Nach einer zweiwöchigen Auswertungsphase, in der ein knapp 30-seitiger Rating-Bericht erstellt wird, tritt das Rating-Komitee zusammen. In einer Konferenz reduziert sich die bisherige und die erwartete Unternehmensleistung auf wenige bedeutungsschwere Buchstaben zwischen "AAA", der Bestbewertung, und "CC", was allerdings schon beinahe Insolenz bedeuten würde. "In einem solchen Stadium beauftragen uns die Firmen meist aber nicht mehr", sagt Garrn. Dann drückt er auf einen blinkenden elektrischen Kreisel, der auf seinem Schreibtisch liegt. Auf dem kleinen Plastikgerät sind handschriftlich die Bewertungsstandards eingetragen. Das bunte Licht hält auf B+. Solides Mittelfeld. Die berüchtigte letzte Instanz, wenn man sich nach einer langen Sitzung nicht einigen könne, lacht Garrn. Ein Scherz, der zwar nah an den Befürchtungen, aber weit entfernt von den Realitäten liegt. Dennoch: Gleichen die Ratings nicht zuletzt in ihren Folgen oft russischem Roulette?

Garrn und Gerdes halten gegen - mit akribischer Analysearbeit und fünf prall gefüllten Aktenordnern. "Die sind alleine für ein einziges Rating durchgearbeitet worden", erzählt Garrn. "Zukunftsprognosen bleiben Prognosen", bestätigt Gerdes. "Aber bei uns basieren sie auf einem ordentlichen Fundament." Und schließlich die Erfahrungen. Die geben Euler Hermes bisher ja auch recht, sagt der Mann, der viele Unternehmen auch über Jahre hinweg begleitet hat. Edeka ist dabei, die Asklepios-Kliniken und Block House. Bisher stimmen die Prognosen. Und solange bleibt für Kai Gerdes seine Glaskugel eine aktenschwere Gewissheit.