Airbus fliegt Boeing davon

Europäer sind über ihren Erfolg bei der Luftfahrtmesse in Le Bourget selbst überrascht

Paris. Bei Airbus kennt der Jubel keine Grenzen. Die Idee, den Kassenschlager A320 mit neuen Triebwerken und abgeknickten Flügelspitzen zum Spritsparwunder zu machen, ist voll eingeschlagen. Mehr als 1000 Bestellungen für den Mittelstreckenflieger mit dem Modellzusatz "neo", der laut Airbus 15 Prozent Sprit spart, haben die Europäer seit Dezember eingesammelt - gut die Hälfte davon in dieser Woche. Dem amerikanischen Mitbewerber Boeing hilft es nicht einmal, wenn er seinen Erfolg schönrechnet: Sein Konkurrenzmodell 737-NG lockte auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris kaum noch Interessenten an.

Der Chef der Boeing-Verkehrsflugzeugsparte, Jim Albaugh, musste gestern den Spott der Europäer über sich ergehen lassen. "Wenn unsere Kollegen in Seattle nach dieser Show immer noch denken, der A320neo wäre nicht besser als ihre 737-NG, frage ich mich, was diese Leute eigentlich rauchen", ätzte Airbus-Chef Tom Enders.

Die Auftragsflut bei den Mittelstreckenfliegern sorgt selbst bei Airbus für Erstaunen. Gerade erst hatte die Führungsriege entschieden, die Produktion der meistverkauften Flugzeugklasse von derzeit 36 auf 42 Exemplare pro Monat anzukurbeln. Nun denkt Vorstandschef Enders über eine weitere Steigerung nach. Airbus baut bislang gut 500 Flugzeuge pro Jahr.

Angetrieben wird die Nachfrage vom hohen Ölpreis. Bei Gesellschaften wie der Lufthansa sind die Treibstoffkosten einer der wichtigsten Kostenfaktoren. Die Konkurrenz schläft nicht - sie tut sich nur schwerer. Um der 737 neue Triebwerke zu verpassen, müsste Boeing den Flieger in wesentlichen Teilen neu konstruieren. Die Flügel müssten weiter nach oben, um Platz für größere Triebwerke zu schaffen. Bei Boeing tendiert man offenbar dazu, ein ganz neues Flugzeug zu entwickeln - was Airbus erst für 2025 plant. Weil eine Neuentwicklung viele Milliarden kostet, lassen sich die Amerikaner Zeit: "Es geht um eine Entscheidung für die nächsten 50 Jahre", sagt Albaugh. Und um die wichtigste Flugzeugklasse. Boeing schätzt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten 70 Prozent der verkauften Flieger Mittelstreckenjets sind.

Neue Herausforderer sind längst in Sicht. In wenigen Jahren soll die russische MC-21 die Klassiker A320 und Boeing 737 angreifen. Die chinesische Comac arbeitet an ihrer C919. Der Billigflieger Ryanair will mit den Chinesen zusammenarbeiten. Ein speziell für die Iren gefertigtes Comac-Flugzeug könnte ab 2018 einsatzbereit sein. Bislang fliegen die Iren ausschließlich Boeing 737. "Wir können mit den Chinesen nicht über den Preis konkurrieren - wir müssen das bessere Flugzeug bauen", sagt Boeing-Manager Albaugh. Fragt man die Manager der Fluggesellschaften, kommt die beste Maschine derzeit allerdings aus Europa - von Airbus.