Steigende Löhne

Chinas Tage als Zentrum der Billigproduktion sind gezählt

Arbeiterproteste, Lohnerhöhungen, steigende Rohstoffpreise - Chinas Führungsrolle als billiger Produktionsstandort gerät unter Druck.

Guangzhou. Als Millionen Wanderarbeiter nach den Feiertagen zum Chinesischen Neujahr im Februar nicht mehr an ihre Arbeitsplätze im Süden des Landes zurückkehrten, sahen viele ausländische Hersteller einen Wendepunkt gekommen.

Die Unternehmen stehen durch und geringere Einnahmen für Exporte wegen der starken chinesischen Währung ohnehin unter Druck.

Trotz Lohnerhöhungen herrschte zuletzt Arbeitskräftemangel, da viele Arbeiter den monotonen und einfachen Jobs, die China den Ruf als billige Produktionsstätte einbrachten, inzwischen den Rücken kehren.

In einer der Fabriken in einem Vorort der südchinesischen Stadt Guangzhou näht eine Arbeiterin mit der Maschine die Polsterung für eine orthopädische Fußschiene zusammen. Über den Gang hinweg entfernen Kolleginnen lose Fäden von Einwegkissen für Operationstische.

Am Ende der Halle klebt eine junge Frau Klettband an Gummibänder, die zum Fixieren von Eisbeuteln an verletzten Gliedmaßen benutzt werden. Noch in diesem Jahr fallen diese Arbeitsplätze weg: Der amerikanische Besitzer der Firma Guangzhou Fortunique, Charles Hubb, verlegt einen großen Teil der Produktion nach Südostasien.

Wie er ziehen viele Exportfirmen, große wie kleine, von der Küstenregion in billigere Provinzen im Landesinneren oder ganz ins Ausland. Für Beobachter ein klares Zeichen, dass die Tage Chinas als eines der internationalen Zentren der Billigproduktion gezählt sind.

Andy Lin, Verkaufsmanager eines kleinen Kleidungsherstellers in Guangzhou, sagt, der Besitzer habe eine weitere Fabrik in der Provinz Jiangxi im Norden eröffnet und damit auf steigende Preise und Arbeitskräftemangel reagiert. Die Beschäftigten dort arbeiten 14 Stunden am Tag, mit einer 90-minütigen Pause. Sie nähen Hemden für Kunden in Japan, Israel, Südkorea und Mexiko.

Foxconn Technology Group – der weltweit größte Zulieferer der Elektronikbranche mit Kunden wie Apple, Sony und Hewlett-Packard -, will seine Zahl von 400.000 Beschäftigten in der südchinesischen Stadt Shenzhen um ein Viertel reduzieren und den Hauptteil der Produktion ins Inland verlagern. In Shenzhen nahe Hongkong sollen künftig vor allem Forschung und Entwicklung angesiedelt werden, dort will das Unternehmen Ingenieure und Designer einstellen.

Chinaexperten bei der Investmentbank Credit Suisse bezeichnen den Wandel als „historischen Wendepunkt“ für die chinesische Wirtschaft und möglicherweise die Welt. Denn die Rolle des Landes, die weltweite Inflation niedrig zu halten, neigt sich dem Ende zu. Die Folgen steigender Kosten in China sind bereits global zu spüren.

Bekleidungsfirmen in den USA etwa erhöhen die Preise für Hemden und andere Kleidungsstücke nach einem Jahrzehnt von Preisrückgängen um durchschnittlich zehn Prozent. Grund dafür sind zum Teil höhere Lohnkosten in China.

„Es dauert vielleicht ein Jahrzehnt, bis China seine Wettbewerbsfähigkeit bröckeln sieht, aber den Anfang davon haben wir gerade gesehen“, heißt es in dem Bericht der Credit Suisse. Er prognostiziert, dass die Löhne der schätzungsweise 150 Millionen Wanderarbeiter in China in den kommenden drei bis fünf Jahren um jährlich 20 bis 30 Prozent steigen werden.

Das liegt zum Teil daran, dass der traditionelle Vorteil des Landes – ein riesiges, billiges Reservoir an Arbeitskräften - versiegt. Ökonomen zufolge ist dies die Folge einer schnell alternden Bevölkerung nach 40 Jahren Ein-Kind-Politik. Das Wirtschaftswachstum „schafft schneller Jobs als die Bevölkerung neue Arbeiter schafft“, sagt Stephen Green, Ökonom bei der Bank Standard Chartered, in einem Bericht mit dem Titel „Gesucht: 25 Millionen Arbeiter“.

Chinas rasantes Wirtschaftswachstum hat außerdem die Einkommen steigen lassen und in den ärmeren Provinzen in der Landesmitte mehr Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Weniger Menschen wandern deshalb in die reicheren Küstenstädte ab. Rund 30 bis 40 Prozent der Wanderarbeiter kehrten nach Angaben von Stanley Lau, stellvertretender Vorsitzender der Industrievereinigung in Hongkong, im Februar nicht an ihre Arbeitsplätze in der Provinz Guangdong am Delta des Perlflusses zurück.

Normal sind es 10 bis 15 Prozent. Dabei hatten die Behörden in Guangdong, dem Kernland der Billigproduktion, den Mindestlohn im März um bis zu 20 Prozent erhöht. Sie wollen schlagzeilenträchtige Probleme wie im vergangenen Jahr vermeiden, als es bei Foxconn zu einer Reihe von Selbstmorden kam und Streiks die Produktion bei Honda und Toyota behinderten.

Viele Fabriken zahlen bereits höhere Löhne, um ihre Beschäftigten zu halten, und haben dennoch Probleme, Arbeiter zu finden. Firmenchef Hubbs beschäftigt etwa 500 Arbeiter, die zwischen 1.800 bis 2.000 Yuan (194 bis 215 Euro) monatlich verdienen – deutlich mehr als der Mindestlohn von 1.300 Yuan, der seit 1. März gilt. Dennoch kann er 100 Stellen nicht besetzen.

Bestellungen kann er daher erst innerhalb von 90 Tagen ausführen, doppelt so lange, wie er eigentlich möchte. In sechs bis acht Monaten will er 30 bis 40 Prozent der Produktion in eine neue Fabrik nach Kambodscha, Laos oder sogar Birma verlagern. Die vorhandenen Arbeiter verlören ihre Jobs nicht, sagt er. Sie rückten in der „Wertkette“ nach oben und sollten anspruchsvollere, für die Firma aber auch profitablere Tätigkeiten übernehmen.

Hubbs hat auch einen Umzug innerhalb Chinas erwogen, glaubt aber, dass die Einsparungen lediglich zwei oder drei Jahre vorhielten, da sich Löhne und Preise im Land anglichen. Andere, wie der Klappfahrradhersteller Dahon, glauben dagegen, dass sich ein Umzug der Produktion ins Landesinnere lohnt. Ein solcher Schritt sei daher in ein bis zwei Jahren geplant, während Forschung und Entwicklung in Shenzhen bleiben sollen.

Auch eine stärkere Automatisierung wird als Ausweg gesehen. Der Teilehersteller CBL Group hat bereits 2007 und 2008 für 600.000 Dollar fünf Schweißroboter angeschafft, weil damit eine gleichbleibend hohe Qualität der Schweißnähte garantiert werden konnte. Damals sei es billiger gewesen, von Hand zu schweißen. Doch dies ändere sich gerade, da die Löhne für ausgebildete Schweißer steigen. „Es wird bald billiger sein, per Roboter zu schweißen als von Menschen in China“, sagt CBL-Chef Gideon Milstein.