Reportage

Märklin sucht den Anschlusszug - Weiterfahrt ungewiss

Zerschlagung oder Ende der Insolvenz? Drei Tage vor Heiligabend entscheiden die Gläubiger über das Schicksal der Traditionsmarke.

Göppingen. Rita Magel rückt noch einmal die Brille zurecht, bevor sie ihre Feile ansetzt. Ganz behutsam fährt die 49-Jährige über den kleinen Dampfkessel auf ihrem Arbeitstisch. Vollkommen glatt muss das Modell an den Stellen werden, an denen die Form beim Gießen einige unschöne Höcker auf dem Herzstück der Lokomotive hinterlassen hat. Eine heikle Aufgabe: Verrutscht die Märklin-Mitarbeiterin nur ein paar Millimeter, dann könnte sie versehentlich einen der winzigen Punkte wegfeilen, der eine maßstabsgerecht verkleinerte Schraube darstellt.

Einen solchen Fauxpas aber würden ihr die Sammler, die die Dampflok mit der Spurweite H0 später in die Hände bekommen, ziemlich übel nehmen. Die zählen nämlich gerne mal nach, ob sich an ihrer Modelleisenbahn auch jede Niete und jedes Sicherheitsventil an der richtigen Stelle befindet. "Deshalb geht bei uns Qualität vor Geschwindigkeit", sagt die Beschäftigte im Stammwerk Göppingen.

Es ist wohl diese Liebe zum Detail, die den Mythos von Märklin ausmacht. Modellbahnfans auf der ganzen Welt schätzen das Unternehmen für die Präzision, mit der in der Nähe von Stuttgart und im ungarischen Györ ICE-Züge und Dampfloks auf Miniaturmaß geschrumpft werden. Selbst gestandene Geschäftsleute bekommen leuchtende Augen, wenn sie den historischen Personenzug "Adler" oder die Miniaturversion des "Gläsernen Zugs" mit Panoramafenstern in der Hand halten - eine Neuheit aus diesem Jahr.

Sammler sterben langsam aus, Nachwuchs ist kaum in Sicht

Von den Sammlern allein kann Märklin allerdings schon längst nicht mehr leben. Denn die Männer, die ohne mit der Wimper zu zucken einige Hundert Euro für eine Lokomotive auf den Tisch legen, sterben langsam aus. Nachwuchs ist kaum in Sicht. Lange sind die Kosten bei Märklin aus dem Ruder gelaufen, häufige Chef- und Eigentümerwechsel sowie Managementfehler haben das Unternehmen an den Rand des Abgrunds getrieben. Händler bemängeln Lieferverzögerungen vor allem bei den Marken LGB und Trix, die im Ausland produziert werden.

Seit Februar des vergangenen Jahres ist die Firma mit rund 1000 Mitarbeitern zahlungsunfähig. 93 Millionen Euro Schulden haben sich bei Märklin angesammelt, das Unternehmen befindet sich ganz in der Hand von mehr als 1300 Gläubigern. Monatelang hat der Insolvenzverwalter Michael Pluta nach einem neuen Investor "mit Herzblut" für Märklin gesucht. Doch niemand war bereit, die 60 Millionen Euro, die das Unternehmen laut einem Gutachten angeblich wert ist, zu zahlen.

Deshalb soll die Gläubigerversammlung nun die Voraussetzung dafür schaffen, dass die Firma auch ohne einen neuen Eigentümer weiter bestehen kann. Die Lage ist ernst. Im Interesse eines "Werterhalts der Marke", erscheine es "dringend erforderlich", das Unternehmen aus der jetzigen Situation herauszuführen, schreibt Pluta in seinem Insolvenzplan, der dem Abendblatt vorliegt. Derzeit seien Vertriebspartner nicht bereit, die nötigen Investitionen vorzunehmen, Kunden hielten sich mit Aufträgen zurück.

Drei Tage vor Heiligabend wird es zu der entscheidenden Weichenstellung für Märklin kommen. Am 21. Dezember müssen die Gläubiger über Plutas Insolvenzplan abstimmen, der eine teilweise Rückzahlung der Schulden vorsieht. Danach könnten große Geldgeber wie die Kreissparkasse Göppingen oder die Landesbank Baden-Württemberg die Mehrheit übernehmen. Kommt der Plan durch, ist die Insolvenz beendet. Senken die Gläubiger ihre Daumen, droht die Zerschlagung des 151 Jahre alten Unternehmens. Laut Pluta hat aber bereits eine große Mehrheit ihre Zustimmung zu dem Insolvenzplan bekundet.

"Wir hoffen natürlich alle, dass es weitergeht", sagt Rita Magel, während sie den Miniaturdampfkessel auf ihrer Arbeitsplatte mit ganz feinem Schleifpapier bearbeitet. "In meinem Alter wäre es sehr schwer, noch eine neue Stelle zu finden." 15 Jahre arbeitet die zweifache Mutter schon bei Märklin. Eine Reihe von Umstrukturierungen haben sie und ihre Kollegen bereits verkraften müssen. Mehr als 400 Arbeitsplätze wurden während der Insolvenz gestrichen. Der Standort Nürnberg wurde ganz geschlossen, in fast allen Abteilungen der Rotstift angesetzt. Das Verhältnis mit dem Betriebsrat war zeitweilig so zerrüttet, dass der Vorsitzende der Arbeitnehmervertretung gefeuert werden sollte.

Produktion zwischen Handarbeit und computergestützter Fertigung

Trotz aller Turbulenzen wird die Tradition bei Märklin aber immer noch hochgehalten. Während Konkurrenten längst ihre Loks aus Kunststoff fertigen, setzt man in Göppingen nach wie vor auf ein aufwendiges Druckgussverfahren, in dem viele Teile der Modelle hergestellt werden. Wie ein Silberschatz lagert das Rohmaterial, eine Zinklegierung, in großen Barren im Erdgeschoss des Göppinger Werks. In dem mächtigen, mehrstöckigen Fabrikgebäude an der Stuttgarter Straße gibt es Abteilungen, die schon seit mehr als 100 Jahren an der gleichen Stelle sitzen. Dazu gehört auch die Lackiererei, in der Lokomotiven, Güterwaggons und Personenwagen ihre Farbe erhalten. Allerdings sind es heute computergesteuerte Druckmaschinen, die winzige Schriftzüge, Nummern und Logos auf die Modelle tupfen. "Russische Eisenbahn" steht in kyrillischen Buchstaben auf einem Personenwagen, so klein, dass der Schriftzug mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist. Es ist der Sapsan, die russische Variante des deutschen ICE, der hier gerade seinen blau-roten Aufdruck erhält.

Gleich nach dem Druck folgt die Qualitätskontrolle. Damen mit mächtigen Lupen begutachten die Fahrzeuge. Hält eines der Modelle ihrem strengen Blick nicht stand, landet es in der Handmalerei, wo Mitarbeiterinnen mit feinen Pinseln die kleine Macken an Fenstern oder Türen ausbessern. "Augenbrauen nachziehen", nennen das die Frauen, die nicht nur in dieser Abteilung die Mehrheit der Beschäftigten stellen. Männer, heißt es bei Märklin, seien einfach zu grobmotorisch veranlagt für die filigranen Arbeiten.

Eine Mitarbeiterin in der Handmalerei ist gerade damit beschäftigt, hauchdünne, rote Striche auf kleine Zugfenster aus Plastik zu zeichnen. An welchem Modell sie arbeitet, darf die Beschäftigte nicht verraten, es handelt sich um einen Prototyp, der erst auf der Nürnberger Spielwarenmesse im kommenden Jahr präsentiert werden soll.

Kinder spielen als Kunden kaum noch eine Rolle

Die Messe will man bei Märklin nutzen, um einen Strategiewechsel zu verkünden. Obwohl die Insolvenz noch nicht abgeschlossen ist, laufen die Vorbereitungen für die wichtige Branchenschau bereits auf Hochtouren. "Wir werden in Nürnberg einen komplett neuen Ansatz vorstellen, der viel stärker als bisher auf Kinder und Wiedereinsteiger ausgerichtet ist", sagt der Vertriebschef von Märklin, Lars Schilling. Er ist das einzige Mitglied aus der Geschäftsleitung, das sich derzeit öffentlich äußert. Der bisherige Chef Kurt Seitzinger ist gerade dabei, seinen Nachfolger Stefan Löbich einzuarbeiten. Beide sind nicht zu sprechen.

Tatsächlich hat das Unternehmen, das einmal mit der Herstellung von Puppenküchen und Blechspielzeug begann, längst den Kontakt zu der jungen Zielgruppe verloren. In Schillings Büro hängen zwar Zeichnungen mit bunten Loks und krakeligen Bergen, doch der Anteil der Kinder an der Märklin-Kundschaft liegt bei gerade einmal noch 15 Prozent. "Wir sind in eine strategische Falle getappt", sagt der Marketingchef selbstkritisch.

Verändern sollen sich laut Schilling auch die Vertriebswege von Märklin. Bisher lief das Geschäft vor allem über zahlreiche kleine Fachhändler, die überwiegend die Sammler mit Gleisen und neuen Modellen versorgten. "Wir werden künftig verstärkt auf andere Vertriebspartner setzen", so Schilling. Ob damit neben Kaufhäusern auch Billigketten gemeint sind, über die Märklin bereits früher seine Starterpackungen für Kinder verkaufte, lässt der Vertriebschef noch offen.

Generell befindet sich das Unternehmen nach Schillings Einschätzung aber auf dem richtigen Gleis. Im wichtigen Weihnachtsgeschäft liege man im Plan, sagt der Vertriebschef. "Operativ werden wir im Gesamtjahr schwarze Zahlen schreiben." Nach Angaben des Insolvenzverwalters von Märklin soll das Ergebnis vor Steuern und Zinsen bei "deutlich über 6,7 Millionen Euro" liegen, der Umsatz bei 104 bis 107 Millionen Euro.

Neben dem Stellenabbau haben auch eine Reihe anderer Umstrukturierungen zu der positiven Entwicklung beigetragen. So hat man bei Märklin etwa die Fertigung von kleinen Bauteilen wie Zahnrädern von Ungarn wieder nach Göppingen geholt. Auf diese Weise sollen Engpässe bei der Endmontage der Modelle vermieden werden.

Viktoria Janz zählt zu jenen Mitarbeiterinnen, die den Märklin-Lokomotiven ihr kompliziertes Innenleben verpassen. Konzentriert lötet die gebürtige Kasachin Kabel in eine der Dampflokomotiven, setzt winzige Glühbirnen ein und befestigt die Steuerchips im Tender der Lok. Mehrere Arbeitsplätze sind auch in ihrer Abteilung in den vergangenen Jahren weggefallen. "Wir müssen jetzt flexibler arbeiten und werden an verschiedenen Stellen eingesetzt", sagt die 34-Jährige, die schon fast ihr halbes Leben bei Märklin beschäftigt ist.

Die Lokomotiven zischen und tuten während der ersten Probefahrt

In Viktoria Janz' Rücken lässt eine Kollegin die fertigen Loks zum ersten Mal Probe fahren. Es zischt und tutet ganz leise aus den winzigen Lautsprechern, während die Modelle zum Leben erwachen. Computergesteuert absolvieren sie ihre Anfahrprüfung, wechseln die Richtung und aktivieren zum ersten Mal die Lichter. Erst wenn jetzt alles stimmt, treten die Modelle gut verpackt ihren Weg in die Geschäfte an.

Rita Magel feilt derweil schon wieder an einem neuen Dampfkessel auf ihrem Arbeitstisch. Kinder oder Enkel, die sich zu Weihnachten eine Lokomotive wünschen würden, hat die Mitarbeiterin zwar nicht. Für sie selbst wäre es aber wohl das größte Geschenk, wenn die Insolvenz von Märklin so bald wie möglich enden würde.

"Dann stünden endlich wieder alle Signale auf Grün", sagt sie.