Commerzbank-Chefvolkswirt im Interview

"Wir haben einen Euro ohne ein Euro-Volk"

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Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer gibt einer Transferunion keine Chance und sagt für Deutschland einen längeren Aufschwung voraus.

Hamburg. Am Morgen aus Frankfurt angereist, nachmittags im Abendblatt-Interview, am frühen Abend zum Vortrag vor Mittelständlern. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist gerade in Zeiten der Euro-Krise ein gefragter Mann, weil er auch unbequeme Meinungen ausspricht.

Hamburger Abendblatt:

Vielen Menschen macht die Euro-Krise Angst. Können Sie das als Volkswirt nachvollziehen?

Krämer:

Ja, auch ich bin besorgt über die Geschwindigkeit, mit der die Krise um sich greift. Erst Griechenland, dann Irland - und das Risiko ist beträchtlich, dass Portugal ebenfalls Hilfen benötigt.

Folgt Spanien?

Krämer:

Das ist nicht unser Hauptszenario. Spanien ist das einzige Peripherieland, das sein Defizit in diesem Jahr wie versprochen gesenkt hat. Umso tragischer wäre es, wenn es doch unter den Rettungsschirm müsste.

Würde der Rettungsfonds denn für Spanien noch reichen?

Krämer:

Er ist so ausgelegt, dass er alle Peripherieländer außer Italien drei Jahre lang durchfinanzieren könnte.

Am Sonntag haben die EU-Finanzminister beschlossen, eine Anschlusslösung für den Rettungsfonds über 2013 hinaus zu schaffen. Warum sind die Risikoaufschläge der Anleihen dennoch gestiegen?

Krämer:

Eigentlich ist die Botschaft positiv, weil sie mehr Sicherheit schafft. Aber wir haben es mit einem grundsätzlichen Glaubwürdigkeitsproblem zu tun. Die Anleger sehen ein erhebliches Risiko, dass die Rettungsschirme letztlich nicht halten, weil die Bevölkerung in den meisten Ländern gegen den Marsch in die Transferunion ist. Die Wähler in den "Geberländern" wollen nicht auf Dauer für Griechenland und andere zahlen. Und die Wähler in den "Nehmerländern" lehnen die strengen Sparauflagen ab, die mit den Hilfen verbunden sind und ihnen von Brüssel auferlegt werden. Insofern trägt die Transferunion den Keim des Scheiterns in sich. Leider haben wir eine Währungsunion ohne politische Union, wir haben einen Euro ohne ein Euro-Volk.

Wie groß ist das Risiko, dass die Währungsunion auseinanderfällt?

Krämer:

Ich mag den Begriff Schicksalsgemeinschaft nicht, aber die Währungsunion kommt dem schon sehr nahe. So halte ich den Austritt eines hoch verschuldeten Landes für sehr unwahrscheinlich. Sobald klar wäre, dass es dazu kommt, würde die Bevölkerung dieses Landes ihre Banken stürmen und die Ersparnisse in bar abheben, weil klar wäre, dass die künftige Währung - sagen wir die Drachme - extrem abwerten würde. Kein Bankensystem der Welt hielte einem solchen Ansturm stand. Außerdem würden institutionelle Anleger in großem Umfang Staatsanleihen dieses Landes verkaufen. Ein Großteil der Anleger sind Versicherungen, Pensionsfonds und asiatische Zentralbanken, die durch ihre Anlagerichtlinien gezwungen wären, solche Papiere abzugeben.

Welcher Weg aus der Krise wäre nach Ihrer Einschätzung der beste?

Krämer:

Man sollte sich auf den Geist des Maastricht-Vertrages zurückbesinnen und bereits heute in den EU-Vertrag schreiben, dass Hilfen an andere Staaten nach einer angemessenen Übergangsfrist verboten sind, und diese Bestimmung für jeden Bürger einklagbar machen. Dann würden sich Anleger nicht mehr - wie bis 2008 üblich - dazu verleiten lassen, Staatsanleihen von bonitätsschwachen Ländern zu sehr niedrigen Renditen zu kaufen. Außerdem wäre es wohl notwendig, dass die einzelnen Staaten der deutschen Schuldenbremse folgen und sich per Verfassungsänderung dazu verpflichten, ihre Staatshaushalte nach einigen Jahren nahezu auszugleichen. Ich glaube aber nicht, dass man diesen Weg gehen wird, es gibt dafür in Europa aus meiner Sicht keine politische Mehrheit.

Werden hohe Inflationsraten der Preis der aktuellen Strategie sein, die Krise mit immer mehr Geld zu bekämpfen?

Krämer:

Die Europäische Zentralbank hat versprochen, die Inflation langfristig auf knapp zwei Prozent zu begrenzen. Ich glaube aber nicht, dass sie ihr Versprechen im Durchschnitt der kommenden zehn Jahre halten wird. Die EZB ist nahe an die Politik gerückt, sie ist Teil des Spiels geworden. Die EZB dürfte das zur Krisenbekämpfung ausgestreute Geld nicht wieder vollständig einsammeln - und zu viel umlaufendes Geld führt nach einigen Jahren zu Inflation. Zwar rechne ich nicht mit zweistelligen Inflationsraten, drei bis vier Prozent sind wahrscheinlicher.

In Deutschland beobachten wir derzeit ein regelrechtes Jobwunder. Noch nie gab es so viele Erwerbstätige. Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Krämer:

Zunächst einmal zögere ich, das Wort Jobwunder zu verwenden - knapp drei Millionen Arbeitslose bedeuten immer noch Massenarbeitslosigkeit. Aber richtig ist, dass die Zahl der Beschäftigten zunimmt. Das lässt sich mit der Konjunktur allein nicht erklären, schließlich produzieren die Unternehmen immer noch weniger als vor der Krise. Eine der Ursachen liegt ganz sicher darin, dass die jahrelange Lohnzurückhaltung Arbeit im Vergleich zu Kapital günstig gemacht hat, der Rationalisierungsdruck hat nachgelassen. Außerdem sind die Arbeitszeiten sehr flexibel geworden, die Unternehmen können die Zahl der Arbeitsstunden mit der Produktion atmen lassen. Schließlich haben die Betriebe im zurückliegenden Boom die Erfahrung gemacht, dass Fachkräfte knapp werden - und dies verschärft sich durch die demografische Entwicklung. Daher bauen sie nicht leichtfertig Stellen ab.

Sinkt die Arbeitslosigkeit weiter?

Krämer:

Im Vergleich zum Jahresende 2009 ist die Zahl der Arbeitslosen um rund 300 000 zurückgegangen, Ende 2011 dürften es noch einmal gut 150 000 weniger sein. Damit kann sich der private Konsum aus der jahrelangen Stagnation lösen. Nach unserer Prognose dürfte er im kommenden Jahr um 1,3 Prozent zulegen.

Bleibt Deutschland die Konjunkturlokomotive Europas?

Krämer:

Ja, wir rechnen mit einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 2,6 Prozent im nächsten Jahr, das wären gut anderthalb Prozentpunkte mehr als im Rest des Euro-Raums. Deutschland dürfte sich noch mindestens drei Jahre überdurchschnittlich gut entwickeln.