China kauft sich ein

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geht in die Offensive: Mit Macht und Geld wird die eigene Interessensphäre ausgebaut und abgesichert

Hamburg. Viele Jahre lang wirkte der Riese eher bescheiden. Die fleißigen Arbeiterheere an Chinas Ostküste machten das bevölkerungsreichste Land der Erde zwar zur "Werkbank der Welt". Immer neue Fabriken, Industriezentren und Städte wuchsen aus dem Boden und belegten eindrucksvoll die Transformation des größten asiatischen Staates von einem Entwicklungs- zu einem Schwellenland. Doch schienen die Chinesen dabei vor allem mit sich selbst und der Dynamik ihres Wachstums beschäftigt zu sein. Die Bühne der Weltwirtschaft, den Anschein hatte es, bespielten vorerst weiterhin vor allem die USA und Europa, auch Südkorea und Japan.

Keine große Wirtschaftsnation hat die Krise so gut überstanden wie China

Die Zeit der Bescheidenheit ist spätestens seit der Weltwirtschaftskrise vorbei. Keine andere große Wirtschaftsnation überstand die globalen Verwerfungen zwischen 2007 und 2009 so gut wie China. In den Vereinigten Staaten legte die Krise bedrohliche Rückstände offen, Europa droht in einen schwachen Süden und einen starken Norden auseinanderzudriften. Japan dämmert weiterhin in Stagnation. China aber büßte lediglich Zehntelprozentpunkte beim Wirtschaftswachstum ein - und startet 2010 mit mehr als zehn Prozent Zunahme beim Bruttoinlandsprodukt wieder voll durch.

Offensiver denn je nimmt das Reich der Mitte seine Interessen weltweit wahr - vor allem dadurch, dass sich chinesische Unternehmen auf allen Kontinenten in strategisch bedeutende Unternehmen und Projekte einkaufen, sei es bei der Erschließung und Förderung von Rohstoffen oder in die Infrastruktur anderer Länder, etwa den Hafen des griechischen Piräus oder den Flughafen des estnischen Tallinn. Zugleich schottet Chinas kommunistische Zentralregierung den heimischen Markt nach Belieben ab - und sie spielt, wie bei den Exportbeschränkungen für die Spezialmetalle der "seltenen Erden", ein vorhandenes Monopol kalt aus. "China ist sich seiner gewachsenen Bedeutung für die Weltwirtschaft völlig bewusst. Letzte Zweifel daran hat die Weltwirtschaftskrise beseitigt", sagt Professor Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). "Das Land geht bei seiner Expansion ungeheuer strategisch vor." Die weltweit größten Devisenreserven - rund 2500 Milliarden Dollar - helfen den Chinesen bei ihren Einkaufstouren.

Vor diesem Hintergrund treffen sich am Donnerstag und Freitag in der Handelskammer chinesische und europäische Offizielle und Wirtschaftsvertreter zum vierten "Hamburg Summit: China meets Europe". Die Stimmung bei dieser Konferenz wird anders sein als bei der vorherigen Veranstaltung 2008, vermutet Handelskammer-Präses Frank Horch: "Seit die Chinesen Exportweltmeister sind, sind sie selbstbewusster", sagt er. "Das spürt man auch bei der Vorbereitung des Summits, wenn sie ihre Themen einbringen."

Stoff für Diskussionen gibt es zur Genüge. Das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Europa und China ist getrübt. Seit Jahren wächst das Außenhandelsdefizit der EU. 2008 bezog die Europäische Union unter dem Strich für 170 Milliarden Euro mehr Waren und Dienstleistungen aus China, als sie selbst dorthin exportierte. In der Krise schrumpfte das Ungleichgewicht, doch mittlerweile nimmt es wieder zu: "Wir möchten ein größeres Handelsgleichgewicht über eine Ausweitung, nicht über eine Einschränkung des Handels erreichen", sagt João Aguiar Machado, Handelsexperte der Europäischen Kommission. "Das Volumen der chinesischen Exporte ist dabei nicht das Problem. Die Schwierigkeit sind die Einstiegsbarrieren in Chinas Märkte für ausländische Exporteure und Investoren." Probleme wie Exportbeschränkungen bei Rohstoffen oder die mangelnde Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte müssten gelöst werden.

Chinas Entwicklung und der Aufstieg zum Exportweltmeister erscheinen rasant. Die Regierung in Peking versucht, eine Überhitzung der chinesischen Wirtschaft zu verhindern und drosselt immer wieder das Wachstum. Auch eine weitere Aufwertung des Yuan, die China in Aussicht stellt, könnte diesem Ziel dienen. Sie würde die Exporte des Landes verteuern.

Das Land drängt immer weiter in die hochwertigen Bereiche der Industrie vor

Klar erscheint vor allem, dass China in der Weltwirtschaft mit anspruchsvolleren Produkten als bislang mitmischen will. Technologietransfer aus Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Partnern, aber auch die Übernahme kompletter Marken wie etwa die des schwedischen Automobilherstellers Volvo von Ford in diesem Jahr belegen das. "China fertigt immer höherwertige Produkte, seien es Kommunikationsgeräte, Automobile, Flugzeuge oder Schiffe", sagt Lars Anke von der deutschen Außenhandelskammer in Shanghai. "Chinesische Konzerne werden deutschen und anderen Unternehmen Konkurrenz machen, wo dies bislang nicht der Fall ist. In zehn Jahren zum Beispiel wird es sicher ein chinesisches Großraumflugzeug geben."

Die Aufwertung der chinesischen Produkte und Dienstleistungen hält HWWI-Chef Straubhaar für eine große Chance: "Sobald China beginnt, höherwertigere Güter herzustellen, wird es mehr Interesse daran haben, sich den internationalen Regeln anzupassen", sagt er. "Wandel durch Handel ist der wirkungsvollste Mechanismus, um China stärker einzubinden."