Musterland im hohen Norden

Während einige Experten für die Zukunft des Euro schwarzsehen, führt Estland zum 1. Januar die neue Währung ein. Eine Reportage aus Tallinn

Tallinn. Das muss Andrus Ansip dem Bundespräsidenten beim Rundgang durch die Regierungsresidenz unbedingt zeigen. Im Kabinettssaal steht ein ovaler Konferenztisch, darauf vor jedem Platz ein Topf mit Buchsbaum und ein Laptop von Dell. "Unsere Kabinettssitzungen halten wir schon seit Jahren per Computer und Internet ab. Das ist viel praktischer, als die Vorlagen auf Papier zu lesen", sagt der Ministerpräsident von Estland seinem Besucher. "Nutzen Sie hier auch Skype?", deutet Christian Wulff höflich Fachwissen an. Schließlich wurde die Internettelefonie in Estland entwickelt.

Der Kabinettssaal im klassizistischen Stenbock-Haus in der Altstadt hoch über Tallinn enthält die zentrale Botschaft des kleinen Ostseelandes. Modern will Estland sein, fortschrittlich und effizient. "E-Government" nennt die Regierung die elektronische Kommunikation mit ihren Bürgern. Die Präsenz von Internet und Mobilfunk geht weit über die Dienstleistungen der Behörden hinaus. Onlinebanking ist so normal wie das Bezahlen von Parkgebühren per SMS. Estlands Schulen sind per Internet miteinander vernetzt, kabellose Anschlüsse in Cafés und an vielen öffentlichen Orten sind Standard. Die meisten Esten nutzten die elektronischen Kommunikationsmittel selbstverständlich, sagt Ansip.

Nach dem Antrittsbesuch des Bundespräsidenten sitzt der Regierungschef in seinem Büro mit dunklen Holzmöbeln und weitem Blick über Tallinn. Sein Land steht vor einer großen Weichenstellung. Zum 1. Januar 2011 führt Estland den Euro ein - als erste frühere Republik der zerfallenen Sowjetunion, als erstes Land seit der Weltwirtschaftskrise, und als Einziges von neun Ländern, die sich zuletzt um die europäische Gemeinschaftswährung beworben hatten. Die anderen acht Staaten kamen diesmal nicht zum Zuge, weil sie die finanziellen Bedingungen nicht erfüllten, darunter Estlands baltische Nachbarn Lettland und Litauen sowie Schweden und Polen.

Jahrelang hat Ansip, 54, Vorsitzender der liberalen Reformpartei, für dieses Ziel gearbeitet. "Der Euro wird unserer Wirtschaft zusätzliche Stabilität bringen", sagt er, "die Zeit für den Beitritt ist gut." Seit 2005 im Amt, führte der studierte Chemiker und gelernte Banker Estland mit harten Sparmaßnahmen durch die globale Wirtschaftskrise. Der Lohn dafür sind gesunde Staatsfinanzen. Während Irland, Griechenland, Spanien und Portugal wirtschaftlich taumeln, während speziell der Süden Europas immer weiter zurückfällt, steht Estland vor dem Beginn einer neuen Ära - 19 Jahre nach der Unabhängigkeit, der ein halbes Jahrhundert Nazi- und Sowjetdiktatur vorausgegangen waren. "Wir haben in unserem Land ein wahres Wunder erlebt", sagt Ansip in seinem Sessel.

Das Mirakel begann damit, dass sich die Esten friedlich aus der Umklammerung durch die Sowjetunion befreien konnten. Im August 1991 erklärte Estland seine Unabhängigkeit. Kalev Kukk, 59, der Wirtschaftsberater von Ministerpräsident Ansip, läuft in seinem kleinen Büro im Regierungssitz Stenbock-Haus umher, sucht Unterlagen, druckt Statistiken aus. Die Zahlen zeigen, wie Estland die ersten fast 20 Jahre als neu gegründeter Staat wirtschaftlich erlebt hat. Sie dokumentieren, warum das Land den Euro verdient. "Als wir 1992 die Estnische Krone wieder einführten, betrug der Durchschnittslohn umgerechnet gut 50 Mark. Mittlerweile sind wir immerhin bei 800 Euro - noch lange nicht auf dem Niveau Westeuropas, aber auf gutem Weg."

Deutschlands Einfluss bei der Neugründung Estlands war groß

Der Wirtschaftswissenschaftler hat alle Zahlen parat und erläutert sie auf Deutsch. Zur Sowjetzeit galt Estland als eine der fortschrittlichsten Regionen des roten Riesenreichs, ein spezialisierter Standort unter anderem für den Maschinenbau und für die aufkommende Industrie der Informationstechnologie. Dieses Wissen nahmen die Esten mit in die Freiheit und setzten auf die Errichtung modernster Strukturen in Verwaltung und Kommunikation. Etliche Unternehmen aus dem benachbarten Finnland, allen voran der weltgrößte Mobiltelefonhersteller Nokia, investierten in Estland, besonders in Zulieferbetriebe für die Produktion von Kommunikationstechnologien.

Finnland steht Estland von allen Staaten in der Ostseeregion am nächsten - die Sprachen sind verwandt, die Wege sind kurz. Erstaunlich aber ist, wie stark die Esten in ihrer Unabhängigkeit auch von Deutschland beeinflusst wurden. Jahrhundertelang, bis nach dem Ersten Weltkrieg, zählten deutschstämmiger Adel und Großgrundbesitz zur Elite der baltischen Staaten. Zahlreiche historische Spuren in Tallinns Altstadt und andernorts im Land zeugen noch heute davon. Die Sympathie für Deutschland hat die Kriege und Krisen des vergangenen Jahrhunderts überdauert, die Besetzung Estlands durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und die spätere Annexion des Landes durch Moskau.

"Wir koppelten den Kurs der Estnischen Krone 1992 an die D-Mark und später über die Mark an den Euro", sagt Kukk. "Die deutschen Währungsreformen von 1948 und die vor der Einheit 1990 waren für uns ein eindrucksvolles Beispiel. Das wollten wir hier auch erreichen." Auch die Grundlagen des estnischen Rechtssystems seien nach der Unabhängigkeit dem deutschen entlehnt worden. Kukk zählt vieles auf, was ihn und sein Land mit Deutschland verbindet - doch auch einen wichtigen Unterschied zwischen Estlands Neubeginn und der deutschen Einheit verhehlt er nicht: "Wir hatten keinen reichen Bruder im Westen."

Auch in der Wirtschaftskrise hielt die Regierung in Tallinn am Sparkurs fest

Auf etliche Milliarden Mark oder Euro an Transfersummen, vergleichbar den Aufbauhilfen von West- für Ostdeutschland, konnte Estland nicht zählen, abgesehen von manchen Entwicklungsmitteln aus den Kassen der Europäischen Union. Estland musste sich selbst wieder aufbauen, im Spannungsfeld zwischen Russland als Erbe der Sowjetunion und der Hinwendung nach Europa. Estlands Wirtschaft erlebte seit den 90er-Jahren einen steilen Aufstieg und einen Immobilienboom - und dann den Absturz in der Weltwirtschaftskrise seit 2007. Aus annähernd Vollbeschäftigung wurden fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit, aus dem Wachstum ein zweistelliges Minus beim Bruttoinlandsprodukt. Doch die Regierung hielt eisern an ihrem Sparkurs fest.

Rasmus Soans fährt von seinem Büro am Flughafen von Tallinn in Richtung Innenstadt. Wind drückt von der Ostsee über den Fährhafen an die höher gelegene Altstadt. Der 31-Jährige leitet die estnische Niederlassung von Hansetrailer, einem Unternehmen aus Scharbeutz in Schleswig-Holstein. Hansetrailer verkauft und vermietet Auflieger für Sattelschlepper. Vor der Wirtschaftskrise boomte das Geschäft, denn Estland ist ein wichtiges Transitland zwischen Russland und Europa. Von 2008 an aber sah es schlecht aus. "Früher verkauften wir bis zu 30 Trailer im Monat, davon blieben zeitweise nur drei übrig", erzählt Soans auf Englisch. "Dann stiegen wir auf Vermietungen um. Mittlerweile geht es wieder aufwärts."

Die Arbeitslosigkeit hat viele Menschen in Estland hart getroffen

Die Sowjetzeit besteht für Soans nur aus Kindheitserinnerungen. Den Boom im vergangenen Jahrzehnt hingegen hat er intensiv erlebt, erst als Mitarbeiter für Daimler in Tallin, dann für Hansetrailer. Seine Frau arbeitete für Swedbank, eines der führenden schwedischen Geldinstitute in Estland. "Als die Immobilienblase in verschiedenen Ländern, auch in Estland, geplatzt war, stritten wir oft darüber, wer dafür die Hauptverantwortung trägt", sagt Soans. "Ich meine: Es waren die Banken."

Gerade hat seine Frau das zweite Kind bekommen. Und Soans führt für Hansetrailer seit einigen Monaten auch die Geschäfte in Finnland. "Eineinhalb Stunden mit der Fähre von Tallinn nach Helsinki, das geht", sagt er beim Abschied. Soans und seine Familie haben die Wirtschaftskrise überstanden, dank Bildung, Fleiß und Glück. Manchen seiner Landsleute geht es schlechter: Zu den hohen Schulden für überteuerte Immobilien kam für viele in den vergangenen zwei Jahren die Arbeitslosigkeit hinzu, und die ist in Estland hart. Die staatlichen Sozialleistungen sind gering. Das wiederum findet Soans richtig: "Die Regierung ist bei der Einführung des Euro klug vorgegangen", sagt der Manager. "Geld, das man nicht hat, sollte man nicht ausgeben."

Die sinkende Sonne verleiht Tallinns Altstadt eine kitschige Schönheit. Mehr als ein halbes Jahrtausend an architektonischer Kostbarkeit halten die historischen Stadtmauern zusammen, darunter Europas älteste durchgehend betriebene Apotheke von 1422. Die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Vor allem sie zieht die mittlerweile jährlich rund drei Millionen Touristen ins Land, die mit dem Flugzeug in Tallinn landen und immer häufiger auch mit dem Kreuzfahrtschiff.

Das Ostseeland will an seine Blütezeit während der Hanse anknüpfen

Im Restaurant Olde Hansa am Rathausmarkt blättert Andres Pajuste, 53, durch die Speisekarte. Das weitläufige Lokal ist auf Geschichte getrimmt, die Kostüme der Bedienungen, die düstere Holzeinrichtung, die Wandmalereien, die Speisekarte mit Bärenfilet und Kräuterbier aus Steinkrügen. Kerzen beleuchten den Saal, auf einer Empore spielen Musiker Flöte, Fidel und Trommel. Alles soll an die Boomzeiten des alten Reval erinnern, wie Tallinn früher hieß, als eine der wichtigsten Handelsstädte der historischen Hanse. Daran wollen die Esten anknüpfen.

Pajuste zählt zu jenen, die nach der Unabhängigkeit den Neustart organisierten. In Dresden hatte er zur DDR-Zeit Maschinenbau studiert, in Tallinn baute er Anfang der 90er-Jahre eine Diplomatenschule mit auf, als das Land wieder Botschafter brauchte. Fachkenntnisse hatte er nicht, aber Auslandserfahrung. "Ich war Leiter und zugleich Lernender an der Akademie", sagt er bei Zimtbier und Stockfisch.

Ein Botschafter seines Landes wurde Pajuste später auch selbst noch, unter anderem als Vorstandsmitglied des Baltic Sea Forums, eines Vereins, der für mehr Kooperation zwischen den Anrainerstaaten der Ostsee wirbt. Hauptberuflich leitet er heute NordBioChem, ein Unternehmen für die Projektentwicklung in der Biochemie, das gerade ein neuartiges Verfahren zur Herstellung von Chemikalien aus Biomasse entwickelt. Schnell, wendig, anderen voraus, so stellt sich Pajuste die Chance und die Zukunft der estnischen Wirtschaft vor. "Zwei Jahre lang ging es uns ziemlich schlecht. Jetzt können wir durchstarten", sagt er und hebt den Krug. "Ich trinke auf die neue Hanse."