Mit alter Energie in die Krise

Die großen Versorger haben zu lange auf Kohle und Atomkraft gesetzt. Jetzt suchen sie nach neuen Geldquellen

Hamburg. Johannes Teyssen wirkt ernst, als er gestern den nach der Liberalisierung der Energiemärkte wohl größten Strategiewechsel des mächtigsten deutschen Strom- und Gaskonzerns E.on verkündet. Weniger Gewinne und - für Teyssen noch schlimmer - ein seit Monaten sinkender Aktienkurs zwingen ihn dazu, das ehemals erfolgsverwöhnte Unternehmen komplett umzubauen. Um die Bilanz aufzubessern, sollen in den nächsten drei Jahren Beteiligungen im Wert von 15 Milliarden Euro verkauft werden. Mit dem Geld will Teyssen die Konzernschulden in Höhe von 45 Milliarden Euro reduzieren. Zudem verpasst der Manager E.on eine Schlankheitskur. Über das bereits weitgehend abgearbeitete Kostensenkungsprogramm "PerformtoWin" im Volumen von 1,5 Milliarden Euro hinaus will der Konzernchef bis 2013 Sparmaßnahmen von 600 Millionen Euro realisieren.

Die Branche leidet unter Versäumnissen der Vergangenheit

Neben steigenden Kosten für CO2-Zertifikate, welche die Energiekonzerne für den Betrieb von Kohlekraftwerken brauchen, macht Teyssen vor allem die beschlossene Atomsteuer für die Krise verantwortlich. Eine Klage dagegen schließt er nicht aus. Doch diese Begründung greift nach Meinung von Experten zu kurz. Denn E.on und die anderen drei großen deutschen Energiekonzerne RWE, Vattenfall und EnBW leiden derzeit auch unter Versäumnissen der Vergangenheit. Trends, wie etwa die Chancen der erneuerbaren Energien, wurden von den ehemaligen Gebietsmonopolisten verschlafen. Zu Beginn der Diskussion über grüne Technik verwies die Branche gerne auf ihre angeblich so sauberen Kernkraftwerke. Das immer wieder vorgetragene Argument: Atomkraft verursache keinen CO2-Ausstoß, wie sich Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck und Co, erinnert. Dabei wurde für die sichere Endlagerung des hoch radioaktiven Abfalls bundesweit nie ein Konzept erdacht - bis heute nicht.

Die Bedeutung der grünen Energie haben die Konzerne mittlerweile zwar erkannt. Gigantische Windparks und Solaranlagen sind sichtbare Zeichen dafür. Doch die Zeiten, in denen grüner Strom zur Versorgung der Deutschen ausreicht, sind noch fern. Die Branche hat in den vergangenen Jahren ihre ganz eigenen Schlüsse daraus gezogen und plante zahlreiche neue Kohlekraftwerke. "Doch der Widerstand der Bevölkerung dagegen wurde lange unterschätzt", sagt Analyst Kitz. So hat E.on zum Beispiel im westfälischen Datteln mit dem Bau eines neuen Kohlemeilers begonnen. Ob dieser aber jemals in Betrieb geht, steht in den Sternen. Und Vattenfall konnte das Kraftwerk Moorburg in Hamburg erst nach einem jahrelangen Streit mit der Stadt durchboxen. Ökonomisch bekommt den Energiekonzernen dieses Hin und Her weniger gut. Merck Finck und Co hat die E.on-Aktie bereits auf Verkaufen gestuft.

"Die großen Energieversorger stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Lüder Schumacher, Analyst bei UniCredit. Der auch in Hamburg aktive Konzern Vattenfall will sich zum Beispiel von Kraftwerken in Finnland und Polen sowie deutschen Minderheitsbeteiligungen trennen. Konzernchef Øystein Løseth fährt zudem ein neues Sparprogramm. RWE hat bereits angekündigt, seine Investitionen in erneuerbare Energien auf eine Milliarde Euro pro Jahr einzufrieren. Zudem erwägt RWE entgegen früherer Pläne bis zu 75 Prozent seines Höchstspannungsnetzes zu verkaufen. Vattenfall hat dieses Überlandnetz bereits komplett aus der Hand gegeben - und 810 Millionen Euro dafür kassiert. Auch E.on gehören die Höchstspannungsleitungen nicht mehr.

E.on-Chef Teyssen sucht nun weltweit nach Wachstumsmärkten außerhalb Westeuropas. In Russland will er Kraftwerke bauen und in Nordamerika in erneuerbare Energien investieren. In Westeuropa will sich E.on künftig auf die Bereiche mit größten Chancen für profitables Wachstum konzentrieren: Stromerzeugung aus konventionellen und erneuerbaren Quellen, Energiehandel und Gasgeschäft.

Aktionäre müssen mit geringerer Dividende rechnen

Zudem prüft der Konzern zurzeit einen Verkauf seines Netzgeschäfts in England. Die bislang mit hohen Ausschüttungen verwöhnten E.on-Aktionäre müssen nun erst einmal den Gürtel enger schnallen. Strebt der Konzern für dieses Jahr noch eine Dividende von 1,50 Euro je Aktie an, so stellte Teyssen für 2011 und 2012 "nur" eine Mindestdividende von 1,30 Euro in Aussicht. Zwar konnte E.on seinen Umsatz in den ersten neun Monaten um elf Prozent auf 64 Milliarden Euro erhöhen. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um neun Prozent auf acht Milliarden Euro. Doch für die nächsten Jahre erwartet Teyssen sinkende Gewinne. Erst 2013 soll das Niveau von 2010 wieder erreicht werden.