Gefahr im Kinderzimmer

Viele Spielzeuge sind mit Giften belastet und weisen schwere Sicherheitsmängel auf. Risikofaktor "made in China" bleibt

Hamburg. Sein Fell ist zottelig, die Augen sind schwarz und kugelrund. Der kleine Plüschaffe von Sigikid ist ein kuscheliger Kindertraum mit rotem Halstuch und breitem Lächeln im Gesicht. Doch das Stofftier hat ein Problem: Es ist brandgefährlich. Auf Kinderspielzeug dürfen sich Flammen maximal mit drei Zentimetern pro Sekunde ausbreiten, so wollen es die gesetzlichen Vorschriften. Der Affe jedoch, einmal angezündet, brannte deutlich schneller. "Rasend schnell", wie die Experten der Stiftung Warentest klarstellten. Insgesamt 50 verschiedene Spielzeuge haben sie in den vergangenen Monaten gestestet - mit einem verheerenden Ergebnis. Mehr als 80 Prozent der von den Experten geprüften Spielzeuge waren mit gesundheitsgefährdeten Schadstoffen belastet. Zwei Drittel sogar stark bis sehr stark. Sieben Produkte, darunter der beschriebene Plüschaffe, erfüllen nicht einmal die gesetzlichen Anforderungen, die an Spielzeug gestellt werden. Sie hätten zumindest in Deutschland nie verkauft werden dürfen.

In fünf Fällen wurden laut Warentest Kinder zudem beim Spielen einer direkten Gefahr ausgesetzt, weil sich bei den Spielzeugen leicht verschluckbare Einzelteile lösen können. Angesichts der Untersuchungsergebnisse sprachen die Verbraucherexperten von einer "bösen Überraschung". Hubertus Primus, Chefredakteur der Zeitschrift "test", die die Ergebnisse in ihrer Novemberausgabe veröffentlicht, sagte: "Die Ergebnisse sind erschreckend und müssen Eltern beunruhigen." Selbst Spielzeuge von bekannten Marken wie Brio, Eichhorn, Fisher Price oder Steiff fielen bei dem Test durch.

So ist Steiff-Teddybär Victor stark mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, kurz PAK, belastet. Sie kommen auch im Tabakrauch und im Ruß von Dieselfahrzeugen vor. PAK gelten als krebserregend und können Fehlbildungen an Embryonen oder am Erbgut bewirken. Sie gehören zu den am häufigsten gefundenen Schadstoffen. Darüber hinaus fanden die Tester bei den Spielzeugen Weichmacher, Formaldehyd oder Blei - alles kann teilweise Krebs hervorrufen und Allergien auslösen. Betroffenen waren dabei nicht nur Spielzeuge aus Plastik, sondern auch aus Holz. "Die Illusion vieler Eltern, dass Holzspielzeug die bessere Alternative ist, hat sich nicht bestätigt", so Primus.

Risikofaktor ist nach wie vor das Markenzeichen "made in China". Zuletzt mussten 2007 viele Spielsachen aus den Regalen genommen werden, weil sie mit Giftstoffen belastet waren. Auch der weltgrößte Spielzeughersteller Mattel musste fast eine Million Spielzeuge der Marken Barbie und Fisher Price zurückrufen, weil es einen Verdacht auf einen erhöhten Bleigehalt gegeben hatte. Bis heute nehmen Spielwaren im sogenannten Rapex-Report, dem EU-Frühwarnsystem für gefährliche Waren, die erste Stelle ein. In der Untersuchung der Stiftung Warentest konnte allerdings kein Zusammenhang zwischen dem Herkunftsland und der Belastung mit Schadstoffen festgestellt werden. Spielzeug aus anderen Ländern oder Deutschland schnitt nicht viel besser ab. "Aber da nun mal das meiste Spielzeug in deutschen Läden aus China kommt, gibt es hier deshalb auch vergleichsweise häufiger Fälle, bei denen gesundheitsgefährdende Zusätze festgestellt werden", stellt Monika Büning, Referentin für Produktsicherheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, klar.

Für Kinder bis zwei Jahren geben die Deutschen rund 200 Millionen Euro im Jahr aus, für die Zwei- bis Dreijährigen 400 Millionen Euro. "Die Verbraucher sollten dabei vor allem bei solchen Spielzeugen vorsichtig sein, auf deren Verpackung gar kein Herkunftsland, Importeur oder Hersteller angegeben ist", so Büning. "Am besten lässt man davon direkt die Finger." Die Stiftung Warentest forderte schärfere Kontrollen der Aufsichtsbehörden und Nachbesserungen bei der EU-Spielzeugrichtlinie von 2008. "Die heutigen rechtlichen Anforderungen zur Sicherheit von Spielzeug sind in vielen Punkten nicht ausreichend", erklärte Untersuchungsleiter Holger Brackemann.

Nur wenige Hersteller haben bislang auf die Testergebnisse reagiert

Der brennende Plüschaffe ist nach Angaben einer Sprecherin der bayerischen Firma Sigikid bereits vor zwei Wochen zurückgerufen worden. Außerdem informiere das Unternehmen im Internet darüber, wie Kunden die Produkte zurückgeben können. Auch die Firmen Tedi und Nanu Nana, deren Produkte ebenfalls beanstandet wurden, reagierten entsprechend. Es sei enttäuschend, dass bislang nur wenige Hersteller auf die Testergebnisse reagiert hätten, sagte dennoch Brackemann. Die Ergebnisse seien allen Anbietern und - bei den nicht verkehrsfähigen Produkten - auch Marktaufsichtsbehörden mitgeteilt worden.