Datenaffäre

Apple is watching you - bald gezielte Werbung?

Foto: Andreas Laible/ Hamburger Abendblatt / Andreas Laible/ Hamburger Abendblatt/Andreas Laible

Nach Google hat auch der iPhone-Erfinder seine Datenaffäre. Die Standorte der Benutzer werden erfasst - ideal für gezielte Werbung.

Hamburg. Es ist eine dieser Schreckensvisionen Hollywoods . In dem Science-Fiction-Film "Minority Report" hetzt Tom Cruise durch eine seelenlose Megastadt, die dominiert wird von labyrinthartigen Einkaufszentren und riesigen Flachbildschirmen. Sobald sich der Hauptdarsteller einer dieser elektronischen Plakatwände nähert, wird auf den Bildschirmen nur noch Werbung eingeblendet, die speziell auf ihn zugeschnitten ist. Werbefiguren quatschen den armen Hauptdarsteller mit immer neuen Sonderangeboten von der Seite an und gönnen ihm keine ruhige Minute.

Tatsächlich ist die Werbewirtschaft heute nur noch wenige Schritte von dieser Vision entfernt. Die elektronischen Plakatwände sind die Smartphones, jene intelligenten Handys, die immer mehr Bundesbürger mit sich herumtragen. Und die Unternehmen, die den Nutzer auf Schritt und Tritt begleiten und mit personalisierter Werbung bombardieren möchten, heißen Apple und Google.

Erst in der vergangenen Woche schmuggelte der iPhone-Hersteller aus Cupertino eine neue Datenschutzrichtlinie unter seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Wer kurz mal im Online-Musikladen iTunes stöberte oder sich über den App Store neue Programme für sein Mobiltelefon herunterladen wollte, konnte damit erst weitermachen, nachdem er die neuen Richtlinien akzeptiert hatte.

Im Wust der neuen Bestimmungen lässt sich der Computerriese dazu ermächtigen, die "präzisen Standortdaten" jedes Nutzers zu erheben und diese auch gleich an Dritte weitergeben zu dürfen. Im Klartext: Der Weltkonzern möchte immer ganz genau wissen, wo sich die Millionen Fans seiner mobilen Geräte iPhone und iPad gerade befinden. Apple behauptet zwar, dass diese Geodaten in "anonymisierter Weise" erhoben werden und die Nutzer nicht persönlich identifiziert werden könnten. Wie genau das aber gewährleistet werden soll, darauf bleibt der Konzern auch auf Nachfrage die Antwort schuldig.

Im Internet führten die neuen Richtlinien zu einem regelrechten Aufschrei. Vom unersättlichen "Datenkraken" Apple war die Rede, Blogger betitelten die neue Funktion als iSpy und und "Spiegel Online" schrieb in Anlehnung an George Orwells 1984 von "Big Apple is watching you". Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte den Computerhersteller auf, "unverzüglich" offenzulegen, welche Daten erfasst, wie lange sie gespeichert und wofür sie verwendet würden. Auch für den Hamburgischen Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar ist das Vorgehen Apples bedenklich. "Es besteht die Gefahr, dass Apple mithilfe der standortbezogenen Daten ein Bewegungsprofil des Nutzers erstellt und so den gläsernen Kunden schafft", sagte er dem Abendblatt. "Eine Anonymisierung im Zuge der Erhebung der Daten halte ich für schwierig", so der Experte "Apple muss genau erklären, wie das in der Praxis funktionieren soll."

Was die Datenschützer auf die Palme bringt, ist für die Werbewirtschaft ein Traum. Wer weiß, wie oft sich ein Kunde am Flughafen aufhält, wie oft er ein Taxi benutzt oder welche Kneipen oder Geschäfte er aufsucht, kann seine Werbung gezielt darauf zuschneiden. Mehr als nur Zufall dürfte es sein, dass Apple kurz vor der Änderung der Geschäftsbedingungen seine neue Werbeplattform namens iAd aus der Taufe gehoben hat. Damit können die Entwickler von iPhone- oder iPad-Programmen nun auf komfortable Weise Anzeigen in ihre Anwendungen integrieren. Das System ermöglicht es dem lokalen Supermarkt, seine aktuellen Angebote für Grillwürstchen in ein Kochprogramm einzubauen. Oder ein Autohersteller erhält die Möglichkeit, ein Gegenangebot auf das Mobiltelefon eines Kunden zu schicken, noch während sich dieser im Autohaus der Konkurrenz aufhält. "Apple ist derzeit dabei, sich den entstehenden Werbemarkt im mobilen Internet zu erschließen", meint der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann. Schon 2014 werde sich die Hälfte des weltweiten Datenverkehrs auf mobile Geräte verlagert haben, ist er überzeugt. "Es ist nur natürlich, dass sich auch die Werbung dorthin verschieben wird."

Beim Kampf um diesen Markt liefert sich Apple ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Internetsuchdienst Google. Der Erzrivale, der in der Vergangenheit ebenfalls unangenehm durch seine Datensammelwut auffiel, gilt als Erfinder der personalisierten Werbung im Internet. Jeder Computernutzer, der eine Suchanfrage im weltweiten Datennetz startet, hat sich längst daran gewöhnt, dass Google zusätzlich zu den Suchergebnissen immer auch eine Reihe von Anzeigen darstellt, die sich der Konzern bezahlen lässt. Dieses erfolgreiche Geschäftsmodell überträgt der US-Riese nun auch auf mobile Endgeräte mit dem eigenen Betriebssystem Android. In Paris wird in die Straßenansicht Street View daher schon mal der Weg zum nächsten Starbucks oder McDonald's eingeblendet.

Welche Angebote auch heute schon in Deutschland möglich sind, zeigt ein Service der Hamburger Softwareschmiede lb-lab. Die Existenzgründer aus der Hansestadt haben für iPhones und Android-Handys die Applikation Loxicon entwickelt. Abhängig vom jeweiligen Standort des Nutzers zeigt das Programm Konzerte, Partys, Kinos oder Shoppingtipps in der näheren Umgebung an. Wer es in der Hamburger Innenstadt aktiviert, bekommt neben Restaurants, Blumenläden und Ärzten auch die nächste Toilette angezeigt.

Der Chef von lb-lab, Georg von Waldenfels, legt allerdings Wert darauf, dass es sich bei den Tipps von Loxicon um keine Werbung handelt. "Wir geben den Nutzern Hinweise zu den besten Events und Locations in der Stadt", sagt von Waldenfels. "Die Tipps stammen von unabhängigen Anbietern wie Gala, den Nachtagenten oder von den Nutzern selbst." Außerdem müsse bei Loxicon niemand seinen Standort preisgeben, der das nicht wolle.

"Was wir mit dem mobilen Internet erleben, ist letztlich eine Kommerzialisierung der Privatsphäre", meint Trendforscher Wippermann. Wem das nicht gefalle, dem bleibe eigentlich nur eine Möglichkeit. "Er sollte sein Smartphone auf den Müll werfen."