Vor Lehman-Niveau

Große Risiken gefährden den Dax-Höhenflug

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Viele Gefahren wie Handelsstreit zwischen USA und China oder die Lage in Griechenland bedrohen eine Fortsetzung der Hausse.

Als die Aktienhändler auf dem Frankfurter Parkett am 12. September 2008 ihre Computer ausschalteten, schwelte die Finanzkrise schon eine Weile vor sich hin. Aber das war kein Vergleich mit dem Inferno, das dann folgen sollte. An jenem Freitag schloss der Dax bei 6234,89 Punkten. Es war der letzte Handelstag vor der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. Am Montag, dem 15. September 2008, meldete das viertgrößte Wall-Street-Haus Insolvenz an, und für Börsianer war es so, als seien die Pforten der Hölle geöffnet. Der Dax brach um fast 200 Punkte ab. Der Schock löste die schlimmste Erschütterung der Weltwirtschaft seit den Dreißigerjahren aus: der Dax stürzte weitere 2400 Punkte ab. Erst im März 2009 kam bei 3666,41 Zählern der Wendepunkt.

Am Donnerstag hat der deutsche Leitindex nun zum ersten Mal wieder seinen Vor-Lehman-Stand übersprungen. Zum Ende des Xetra-Handels standen 6235,56 Zähler an der Anzeigetafel. Die Initialzündung für den Sprung über die wichtige Marke kam von überraschend guten US-Konjunkturdaten. Arbeitsmarkt- und Einkaufsmanager-Zahlen zeugten von der stärksten industriellen Dynamik jenseits des Atlantiks seit 2004.

Dennoch herrscht bei Börsenstrategen keine Euphorie. „Wir erleben vor allem eine von Liquidität getriebene Aktienrallye“, sagt Eckhard Jess, Portfolioverwalter bei Dahm + Jess in Kiel. Der Vermögensprofi rechnet damit, dass der Dax bis Mitte des Jahres auf 6600 Zähler klettern kann und liegt damit im Konsens der Strategen. „Solange die Zinsen niedrig bleiben, wird das viele Geld die Kurse treiben“, sagt Jess. Auch Joachim Paul Schäfer von der Münchener Vermögensverwaltung PSM Langen v. d. Goltz, Dr. Prinz & Partner bleibt vorsichtig. „Das Spiel kann noch ein paar Monate weitergehen – oder morgen vorbei sein.“

Der Finanzer bemängelt die „mangelnde Nachhaltigkeit“ des Aufschwungs. „Die ganzen unbereinigten Übertreibungen werden den Markt einholen“, sagt er. Vom US-Gewerbeimmobilienmarkt in den USA über den Häuserboom in China bis zu den Derivate-Exzessen – überall sieht er tickende Zeitbomben. Zu den von Schäfer aufgezählten Gefahren gesellen sich andere Risiken: Eines ist die drohende Zahlungsunfähigkeit Griechenlands oder anderer schwacher Staaten. Nach Berechnungen der Commerzbank ist das Volumen der Hellas-Anleihen doppelt so hoch wie das von Lehman-Titeln.

Sorgen macht Beobachtern der Handelsstreit zwischen Amerika und China. Washington wirft Peking vor, den Yuan künstlich zu verbilligen, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Bis Mitte April muss der Kongress einen Bericht vorlegen, in dem die Volksrepublik offiziell als „Devisenmanipulator“ bezeichnet werden könnte. Wenngleich es bereits früher Auseinandersetzungen darüber gab, machen die neue Stärke Chinas und die bevorstehenden Kongresswahlen in Amerika einen Zusammenstoß wahrscheinlicher. Im schlimmsten Fall droht ein Rückfall in den Protektionismus, zum Schaden aller.

Auch die Inflation könnte quer schießen. Zuletzt spürten die Autofahrer schon den Effekt steigender Steuern und Rohstoffkosten bereits an der Zapfsäule. Nicht nur der Dax, auch der Ölpreis ist mit 84 Dollar je Barrel auf einem Anderthalbjahreshoch. In großen Schwellenländern schießt die Teuerung nach oben. Indiens Verbraucherpreisrate lag zuletzt bei 16,2 Prozent. Sollte die Inflation in die entwickelten Ökonomien überschwappen, ist mit heftigen Zinsanhebungen zu rechnen, die der Hausse ein Ende bereiten könnten. Nicht zu vernachlässigen sind die geopolitischen Gefahren: Der Streit um das iranische Atomprogramm und die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel haben das Zeug, die Risikoprämien steigen zu lassen.

Anleger, die die jetzige Hausse für eine Reise ins Nirgendwo halten, können ganz gezielt auf fallende Kurse setzen und damit Geld verdienen. Profis machen das mittels so genannter Leerverkäufe (Shortselling). Dabei veräußern die Investoren Papiere, die sie gar nicht besitzen oder nur geliehen haben, in der Erwartung, dass sie sie zum einem späteren Zeitpunkt am Markt billiger bekommen, zum Beispiel im Juli. Geht die Rechnung auf, ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Verkaufkurs und dem Kaufkurs drei Monate später ein Kursgewinn. Wer jetzt zum Beispiel die Aktie von Infineon Technologies für fünf Euro leer verkauft, würde einen Ertrag von einem Euro oder 25 Prozent einfahren, wenn er das Papier im Sommer für vier Euro am Markt bekommt.

Eine Alternative für jedermann sind Short-Produkte, deren Wert steigt, wenn der Index fällt. Neben vielen Zertifikaten und Optionsscheinen dieser Art gibt es auch Short-Indexfonds. Börsen-Pessimisten halten sich zum Beispiel an den DB X-Trackers ShortDax ETF (WKN: DBX1DS), dessen Kurs ungefähr um zehn Prozent anzieht, wenn der Dax um zehn Prozent abgibt. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert der Comstage EuroStoxx Short (WKN: ETF052), der nach oben geht, wenn die Notierungen an Europas Börsen abstürzen.

Besonders hart am Wind segeln Aktien-Skeptiker mit dem ETFX Dax 2x Short Fund (WKN: A0X896), der sich doppelt so schnell verteuert, wie sich der sich verbilligt. Allerdings wirkt dieser Hebel auch in die entgegengesetzte Richtung: Strebt der Leitindex also weiter nach oben, bröckelt der Wert des Short Fund umso rasanter.

Diesen Risikofaktoren stehen auf der Positivseite starke Gewinnsteigerungen der Dax-Konzerne von durchschnittlich 48 Prozent in diesem Jahr entgegen. Neben den Arbeitsmarkt- und Industrie-Daten haben auch andere Konjunkturindikatoren zuletzt positiv überrascht, was für eine nachhaltige Erholung der Weltkonjunktur spricht.

Hinzu kommt die nach wie vor moderate Bewertung vieler Börsen. Der Dax wird lediglich mit dem 13,5-Fachen der geschätzten Jahresgewinne gehandelt. Im historischen Schnitt war es das 15-Fache. Hinzu kommt, dass die meisten Anleger gar nicht oder kaum am Aktienmarkt engagiert sind. .„Mit steigenden Notierungen wird private wie auch institutionelle Investoren die Angst packen, den Anschluss zu verlieren“, sagt Joachim Paech, Vorstand bei der Investmentbank Silvia Quandt & Cie. Allein die dann entstehende Kaufpanik könne die Kurse weiter nach oben hieven. Paech hält einen Dax-Stand von 7250 Punkten bis Jahresende für erreichbar.

Seit Anfang des Jahres hat der Dax 4,7 Prozent zugelegt. Vom Tiefstand im März 2009 an gerechnet, haben Anleger mit deutschen Aktien 64,2 Prozent Rendite erzielt. Allerdings steht das Börsenbarometer noch immer ein knappes Viertel unter seinem historischen Rekord vom Juli 2007 bei 8105,69 Stellen.

Quelle: Welt Online