Schnelligkeit ist Trumpf

Strategiewechsel: Telekom setzt auf Internet und Glasfaser

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Vorstandschef René Obermann stellt neue "Strategie 2.0" vor. Umsatz in Deutschland soll ab 2012 steigen. Börse reagiert verhalten.

Hamburg. Die Arbeit in der Telekommunikationsbranche ist für ihre Entscheider wie René Obermann derzeit alles andere als ein Fest. Seit der Liberalisierung des Marktes sind die Preise fürs Telefonieren im Festnetz drastisch gesunken. Und inzwischen macht auch das zweite große Geschäftsfeld immer weniger Spaß: Bei Handytelefonaten drückt der Wettbewerb ebenfalls die Margen. Die Managementberatung A.T. Kearney schätzt, dass die im Sprachmobilfunk erzielbaren Preise schon 2013 nur noch die Kosten decken.

Da wird es aus Sicht der Branchenbeobachter Zeit, dass sich die Telekom auf neue Wachstumsfelder stürzt. "Die Einführung von Internettechnologie wird die bisherigen Geschäftsmodelle langfristig ablösen", sagte Obermann gestern bei der Vorstellung seiner neuen Strategie. In den nächsten Jahren werde der Konzern vor allem in den Bereichen mobiles Internet, Breitbandversorgung und Ist-Dienstleistungen wachsen. "Mit ihnen wollen wir den Umsatz im Kerngeschäft, der in den nächsten Jahren noch stärker unter Druck geraten wird, wettmachen beziehungsweise überkompensieren", sagte der Manager.

Modernes Fernsehen per Internet, Videokonferenzen und Internethandel erfordern zuverlässige und vor allem auch sehr schnelle Verbindungen, ob über Festnetz oder Mobilfunk. Beim schnellen Festnetz fährt die Telekom einen Frontalangriff auf die TV-Kabelanbieter: Sie baut das superschnelle Glasfasernetz bis zum Endkunden aus. Bis 2012 sollen schon zehn Prozent der Haushalte Glasfaseranschlüsse haben können, die 20-mal so schnell sind wie VDSL. Hochauflösendes Fernsehen lässt sich darüber natürlich auch übertragen. Und so will die Telekom schon in drei Jahren Marktführer beim Pay-TV sein und Sky auf Platz zwei in Deutschland verdrängen. Dazu kommt die Speicherung umfangreicher Datenmengen im Netz für den Zugriff von überall her unter dem Schlagwort Cloud (Datenwolke). Ein Beispiel für ein aussichtsreiches Geschäftsfeld ist für Obermann, der seine Karriere bei BMW begonnen hat, auch die Vernetzung des Autos. Ihm schwebt eine Art Smartphone auf Rädern vor.

Selbst aus den schmerzhaften Datenaffären der vergangenen Jahre lässt sich Kapital schlagen, glaubt das Unternehmen. Schließlich könnten nun, nachdem die Probleme bewältigt seien, Datenschutz und Datensicherheit made in Germany durchaus auch ein Verkaufsargument sein.

Die Telekom konzentriert sich auf diese neuen Geschäftsfelder, weil sie das Unternehmen als Dienstleister für die "Gigabitgesellschaft" rüsten will. "Der Ausbau der Wachstumsfelder ist positiv zu bewerten, denn bisher hat sich die Telekom zu sehr auf gesättigte Märkte gestützt und das Risiko zu wenig gestreut", sagte Telekom-Analystin Annemarie Schlüter von der Hamburger Sparkasse dem Abendblatt. In Großbritannien sei der Konzern wenig erfolgreich gewesen und die Expansion in den USA erfordere noch hohe Investitionen.

Dabei sind die Ziele des Ex-Monopolisten nach dem Strategiewechsel ehrgeizig: In den nächsten fünf Jahren will der Bonner Konzern den Umsatz in den Wachstumsbereichen auf knapp 30 Milliarden verdoppeln. Von 2015 an werde der Konzernumsatz dann in etwa so schnell wachsen wie das Bruttoinlandsprodukt, erklärte das Unternehmen bei der Vorstellung der neuen "Strategie 2.0", die der Vorstand in den vergangenen Monaten entworfen hatte.

Auf dem größten Markt Deutschland wird der Umsatz des Gesamtkonzerns der Planung zufolge in den nächsten Jahren stagnieren, ab 2012 aber wieder zulegen. 2009 waren die Erlöse hier um vier Prozent auf 28 Milliarden Euro gefallen. Nach einem Gewinnrückgang im vergangenen Jahr will die Telekom durch die angekündigten Maßnahmen konzernweit wieder mehr Geld verdienen. Die bereinigte Kapitalrendite (ROCE) solle bis zum Jahr 2012 auf bis zu acht Prozent klettern, kündigte der Konzern an. 2009 waren es sechs Prozent.

An der Börse wurde die neue Strategie allerdings kühl aufgenommen. Die Telekom-Aktie verlor gestern zwischenzeitlich an Wert und schloss dann aber mit 0,22 Prozent im Plus bei 9,86 Euro. Haspa-Analystin Annemarie Schlüter: "Das Problem ist, dass auch die Wettbewerber die Attraktivität der von der Telekom ausgewählten Märkte erkannt haben."