Budnikowsky

Budnikowsky-Chef: Zweifel am Diktat des Wachstums

Foto: Ingo Röhrbein

Budnikowsky-Inhaber Cord Wöhlke über Wirtschaft und Werte. Noch 20 Filialen will die Hamburger Drogeriekette eröffnen. Dann ist Schluss.

Hamburg. Cord Wöhlke wirkt nachdenklich an diesem Abend. "Es gibt mehrere Wahrheiten", sagt der Chef der Drogeriekette Budnikowsky mit Blick auf die Umwälzungen der Wirtschaft nach der Finanzkrise. Ist Wachstum noch die richtige Zielgröße, dient das Bruttosozialprodukt noch als Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg einer Gesellschaft? Ist Wohlstand gleichzusetzen mit Glück, mit Zufriedenheit?

"Wir stehen in Deutschland ja nicht unbedingt vor starkem Wachstum in den nächsten Jahren", sagt Wöhlke und sinniert mit einer Mischung aus Besorgnis und Bewunderung über die Konkurrenz aus den Schwellenländern, die die stolze Exportnation in die Schranken weist. "Allein die Geschwindigkeit, in der die Asiaten Kopien in den Markt bringen", sagt Wöhlke und schüttelt den Kopf.

Was für Deutschland gilt, gilt auch für Budnikowsky. Beide sind nicht gerade die Wachstumslokomotiven. Zwar ist Budni der Hamburger Platzhirsch der Drogerien, ist seit 1912 im Markt und hat es bis heute geschafft, für immerhin eine Million Kunden, die die Budni-Karte besitzen, zum Alltag zu gehören. Doch sowohl die deutsche Volkswirtschaft als auch die Hamburger Traditionsfirma drohen, abgehängt zu werden.

"Es ist wie beim Kampf von David gegen Goliath", sagt Wöhlke. Der Umsatz seines Unternehmens erreiche nur ein Zehntel der Erlöse des nächstgrößeren Wettbewerbers. Das Wachstumsdiktat anzuzweifeln, ist für Wöhlke dabei auch eine Möglichkeit, sich mit den eigenen Grenzen anzufreunden und mit der Existenz als kleiner Spieler im Markt zu kokettieren. Oder: Den Wettbewerbern wie Rossmann oder dm auf der Überholspur nachzurufen, sie landeten mit ihrem Expansionstempo vielleicht bald in der Leitplanke.

Marktführer Schlecker mit rund 10 000 Geschäften hat bereits schmerzlich erfahren, dass die Sättigungsgrenze erreicht zu sein scheint. Das Unternehmen soll rote Zahlen schreiben. Schon in der Vergangenheit wurde es oft überschätzt: trotz des Billigambientes der Läden ist der Branchenriese laut Studien nicht immer der preiswerteste Anbieter und macht zudem Negativschlagzeilen mit Lohndumping oder der Tatsache, dass das Unternehmen seinen Betriebsräten statt Computer nur Schreibmaschinen gönnt.

Auch andere Anbieter von Duschgels oder Waschmittel investieren munter weiter: dm, der bisher europaweit 2200 Filialen betreibt, will allein in Hamburg bis Ende nächsten Jahres 20 neue Geschäfte und bundesweit 100 Läden eröffnen. Rossmann mit Sitz im norddeutschen Burgwedel hat die Wettbewerber kd und Kloppenburg übernommen und will nach wie vor jedes Jahr 120 neue Drogerien eröffnen. Dazu kommt Müller aus Ulm mit heute 500 Standorten, der neuerdings auch in der Budni-Region wildert: Kürzlich haben die Süddeutschen in Ahrensburg eine Filiale eröffnet.

Budni reagiert. 20 neue Filialen will Wöhlke eröffnen. Es ist ein Kraftakt für die Familienfirma, denn bisher ist das Budni-Reich in knapp 100 Jahren auf 140 Filialen gewachsen. Nun soll die Fläche von jetzt auf gleich um 15 Prozent ausgeweitet werden. Budni schreibt bei geschätzten 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr schwarze Zahlen, aber der Ertrag könnte besser sein. Das sind nicht gerade optimale Bedingungen für die Expansion, doch fühlt sich Wöhlke als Getriebener. "Wir hätten sonst in unserem Heimatgebiet Marktanteile verloren."Aber dann soll es auch reichen. "2012 kommen keine Geschäfte mehr dazu."

Anders als andere norddeutsche Handelsfirmen wie Fielmann oder Edeka will Wöhlke sich ausschließlich auf die Region konzentrieren. Als Familienunternehmer will er die Dinge betonen, die ihn vom international agierenden Wettbewerb unterscheiden. Dazu gehört für ihn eine enge Beziehung zu den Kunden. Wöhlke sitzt auch schon mal selber am Telefon für Reklamationen und hört sich die Beschwerden an. "Letztens hat ein Anrufer die Musikberieselung in unseren Läden kritisiert, darüber denke ich jetzt nach", sagt der gelernte Bankkaufmann, der persönlich am liebsten Opern hört. Er liebäugelt damit, Kundenabende zu veranstalten, mit den Verbrauchern über Themen zu reden, die die Gesellschaft bewegen. Und er engagiert sich in der Stadt: Er schickt Ernährungsberaterinnen in Schulen und macht sich für eine bessere Bildung stark.

Er hofft, von den Hamburgern das zurückzubekommen was er in die Stadt investiert, in Form von Kundentreue und dem Bewusstsein, dass die Zuneigung der Deutschen zu Discountern in die falsche Richtung führt. Zwar hält auch Budni bei den Niedrigpreisen mit. "Aber wir brauchen einen menschlichen Einzelhandel", sagt Wöhlke. Für ältere Menschen sei das Gespräch mit den Verkäuferinnen oft der einzige Kontakt am Tag.

Auch bei der Ladengestaltung denkt Wöhlke anders als die Konkurrenten, die mit XXL-Geschäften in Dimensionen einer Tennishalle vorstoßen. "Muss ich wirklich 20 verschiedene Zahncremes anbieten?", fragt der Manager, der durch Einkaufskooperationen mit dm und Edeka zwar günstigen Zugriff auf die Lieferanten hat, aber selber dem Verzicht einiges abgewinnen kann: Er ist alleine den beschwerlichen Jakobsweg gewandert und begeistert sich in der Theorie für ein Leben als Mönch, "in einem weltoffenen Orden".

Nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei seinen 1500 Mitarbeitern spielt Wöhlke die Vorteile einer Familienfirma aus und will so als attraktiver Arbeitgeber gegen weitgehend austauschbare Philosophien der Konzerne bestehen. Um die Zusammengehörigkeit zu stärken, gibt es nicht nur Geburtstagsgeschenke für die Mitarbeiter. Der Unternehmer lädt sogar die Jubilare zu sich nach Hause ein. "Und dann kocht meine Frau." Zwar gibt es bei Budni keinen Betriebsrat, sondern eine Mitarbeitervertretung mit ähnlichen Rechten.

"Aber wir sind etwas besonderes, da haben wir eben auch hier etwas Besonderes", argumentiert Wöhlke. Er empfinde eine Fürsorgepflicht für die eigenen Angestellten und sei überzeugt, er müsse als Unternehmer auch etwas von seinem eigenen Lebensstandard abgeben. Wöhlke hofft, dass seine Kinder seine Werte weiterleben. Christoph (32) und Julia (29) sind schon seit längerer Zeit in der Firma und der 24-jährige Nicolas macht derzeit eine Ausbildung in der Budni-Filiale im AEZ.

Zwar merkt der Vater, dass sein Nachwuchs "eher wirtschaftlich" denkt. Aber diesen Generationenkonflikt kennt Wöhlke gut. "Mit meiner Stiefmutter hatte ich die gleichen Diskussionen, als junger Mensch ist man da anders." Die "Grande Dame" des Unternehmens, Ruth Wöhlke, Tochter des Firmengründers Iwan Budnikowsky kommt noch immer dreimal in der Woche in die Firma. Vor 40 Jahren hatte sie Cord Wöhlke in die Geheimnisse des Handels eingeweiht, eine lange Zeitspanne, die den 60-Jährigen ans Aufhören denken lässt. 2012 will er die Geschäftsführung an seine Kinder übergeben. Dann muss die nächste Generation darüber entscheiden, welches Wachstumstempo über Glück oder Unglück bei Budni entscheidet.