Schwerbehindert

Grünthal: Wo das Handicap kein Hindernis ist

Immer mehr Firmen erkennen das Potenzial schwerbehinderter Mitarbeiter. Vorreiter ist die Oststeinbeker Grünthal Feinblechtechnik GmbH.

Hamburg. Das Angebot kam zur rechten Zeit. Boris Bamberger, ausgebildeter Feinmetallbearbeiter, gehörlos, arbeitete als Hausmeister. Dann bekam er die Nachricht: Ein neues Unternehmen aus seiner alten Branche stellte ein. Und nicht nur das. Die Firma suchte Menschen wie ihn - mit Schwerbehinderung. Das ist keineswegs selbstverständlich. Obwohl Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern gesetzlich dazu verpflichtet sind, mindestens fünf Prozent Schwerbehinderte zu beschäftigen, halten sie sich meist nicht daran - in Hamburg liegt der Schnitt bei 3,2 Prozent.

Die Grünthal Feinblechtechnik GmbH ist insofern eine Ausnahme. Eine große sogar: Zehn der 33 Mitarbeiter sind schwerbehindert - umgerechnet 30 Prozent. Auch Bamberger arbeitet seit August hier im schleswig-holsteinischen Oststeinbek. "Ich bin sehr zufrieden", sagt er. Er hat jetzt wieder mit Metall zu tun, ist als Feinblechbearbeiter an einer Abkantpresse tätig. Und er hat sechs gehörlose Kollegen.

"In der Metallfeinbearbeitung werden hier im Norden viele Gehörlose ausgebildet", sagt Arne Gleiss vom Integrationsfachdienst Hamburg. Er vermittelte einige der neuen Grünthal-Mitarbeiter - zur vollsten Zufriedenheit der Firma. "Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht", sagt Geschäftsführer Mike Kleene. "Die Mitarbeiter können das Gleiche wie Hörende." Zwar gebe es manchmal einen größeren Aufwand - etwa bei Schulungen - aber die Behörden stellten ausreichend Hilfe zur Verfügung. So ist Gebärdensprachdolmetscherin Marlies Hochfeld bei Schulungen immer dabei. Das Integrationsamt in Kiel hat dem Unternehmen außerdem 300 000 Euro für die Neuschaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung zur Verfügung gestellt, 100 000 Euro davon als zinsloses Darlehen. Das Geld stammt aus der Ausgleichsabgabe - der Abgabe, die Firmen zahlen, die weniger als fünf Prozent Schwerbehinderte beschäftigen.

Es gibt viele Fördermöglichkeiten, die Arbeitgeber beantragen können. "Allerdings schauen wir uns immer an, ob die Förderung im Einzelfall sinnvoll ist", sagt Silvia Gripp, Teamleiterin beim Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit in Hamburg. Meist wird ein Zuschuss gezahlt, der entweder bei der Arbeitsagentur, der Arge oder dem Integrationsamt beantragt werden muss - der Integrationsfachdienst hilft dabei.

"Betriebswirtschaftlich ist das ein angenehmer Nebeneffekt", sagt Geschäftsführer Kleene. Der Hauptgrund für die Einstellung ist es aber nicht. "Schwerbehinderte Mitarbeiter wissen, dass sie es bei der Stellensuche schwerer haben", sagt Gripp. "Sie sind darum meist besonders motiviert." Übrigens auch seltener krankgeschrieben. Und ein Handicap bedeutet nicht gleich schlechtere Leistung. Als schwerbehindert gilt, wer aufgrund einer körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkung einen Behinderungsgrad von 50 Prozent hat. Das trifft auf jeden zwölften Deutschen zu. Viele sind beispielsweise körperlich eingeschränkt, können einen Bürojob aber gut ausüben.

Immer mehr Unternehmen erkennen, welches Potenzial in schwerbehinderten Mitarbeitern steckt. "Die Nachfrage der Betriebe wächst", sagt Gripp. Im Moment hat die Agentur für Arbeit Hamburg 277 freie Stellen im Angebot, auf die sich auf Wunsch der Arbeitgeber ausdrücklich auch Schwerbehinderte bewerben sollen - ein Anstieg um mehr als 200 seit dem letzten Jahr. Die Arbeitslosigkeit unter den Schwerbehinderten, die 3,9 Prozent der Arbeitslosen in Hamburg stellen, ist um über elf Prozent gesunken. Ein Erfolg, den die Agentur auf eine bessere Vermittlung zurückführt. Die Zahl der Arbeitsvermittler für diesen Bereich hat sich seit dem letzten Jahr von fünf auf zwölf mehr als verdoppelt. Ein Schwerbehinderter, der arbeitslos wird, bekommt innerhalb von zehn Tagen einen Termin. Auch die Fünf-Prozent-Quote zeigt offenbar Wirkung: 87 Stellen in Hamburg sind speziell für Schwerbehinderte ausgeschrieben - weil die Betriebe die Quote erfüllen wollen.

Bei Grünthal geht es nicht mehr um die Quote, die ist längst übererfüllt. Vielmehr sind die Geschäftsführer mit ihren Mitarbeitern ausgesprochen zufrieden - so zufrieden, dass sie 2010 sogar zwei Ausbildungsplätze extra für gehörlose Jugendliche schaffen wollen. Und unter den Gehörlosen hat der Name Grünthal einen guten Ruf. Robert Gricar etwa, Maschinenführer an einer Laseranlage, hatte über Freunde von der Firma erfahren - und sich direkt beworben. "Ich habe Spaß und bin wahnsinnig motiviert", sagt er. Probleme sehen weder er noch Kollege Bamberger. Nur einen Vorteil: Sie brauchen in der lauten Maschinenhalle keine Ohrstöpsel.