Bildung: Soziale Herkunft als Sprungbrett für die Mächtigen von morgen

Karriere - wie viel hängt am Geld der Eltern?

Privatschulen kosten bis zu 30 000 Euro pro Schuljahr. Viele Manager kommen aus gut situierten Familien.

Hamburg. "Gute Bildung und Chancen auf einen lukrativen Job sind heute immer mehr eine Frage des Geldes", sagt die Buchautorin Julia Friedrichs. Sie hat für ihren Bestseller "Gestatten: Elite" monatelang an privaten Schulen, Internaten und Privatuniversitäten recherchiert.

Die Einrichtungen schmücken sich mit dem heute so oft verwendeten Begriff Elite, und es war Julia Friedrichs Idee, die Angemessenheit dieses Prädikats zu hinterfragen. Sie sprach mit Leitern und Schülern der Internate Schloss Neubeuern und Salem, mit Absolventen der renommierten und in Hochschulrankings oft führenden European Business School Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel oder der Managementschule WHU bei Koblenz und anderen "Elite-Machern".

Ihr Fazit: In den meisten Fällen erkaufen sich wohlhabende Eltern an diesen Schulen und Universitäten mit viel Geld gute Bildung für ihren Nachwuchs. "Aber auf herausragendes Talent kommt es dort bei der Aufnahme nicht an", kritisiert Julia Friedrichs, die selber bereits kurz davor stand, zu den Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes zu gehören und bei der Unternehmensberatung McKinsey hätte arbeiten können, was sie abgelehnt hat.

"Private Unis sind erst einmal eine Geldfrage", sagt auch Frauke Narjes, Leiterin des Career Center der Uni Hamburg. "Gute Bildungseinrichtungen sollten den besonders Begabten offenstehen und nicht in erster Linie denjenigen, die am meisten zahlen", ergänzt Friedrichs.

Die Journalistin stört sich insbesondere an der Selbstdarstellung als Eliteschmieden. "An der Internatsschule Schloss Salem sagen schon 16-Jährige, sie gehörten zur Elite", hat Friedrichs in Gesprächen erfahren. Die Schüler könnten "leistungsmäßig Fünfer-Kandidaten" sein, sagt die Autorin, aber durch den Winkelzug, dass Salem von sich selber behauptet, die "Verantwortungselite" herauszubilden, entstünde dieses fragwürdige Eigenbild.

Das Salem Norddeutschlands ist die Schule Louisenlund. Auch hier ist die Aufnahme wenig standardisiert: "Ich frage nach dem Interessenhorizont, wofür der Schüler ,brennt', welche Visionen er hat, ob er Biss hat", sagt Werner Esser, seit Kurzem Leiter der Schule Louisenlund, der früher für Salem arbeitete.

Auf der Internetseite von Louisenlund ist zu lesen, es sei "nicht unumstritten, den Begriff Elite im Rahmen einer Konzeption Louisenlunds zu verwenden". Der Begriff müsse daher genau definiert sein, damit nicht ein Klischee bedient wird, Louisenlund sei eine Schule der Adligen und Reichen oder das Instrument einer abgeschotteten Gesellschaftsschicht. Man spricht von Geldelite, Leistungselite, Führungselite, Verantwortungselite, Wissenselite, heißt es dort weiter. Für das Louisenlunder Konzept könnte der Begriff "Qualitätselite" gelten.

Dabei wird auch hier leistungsmäßig von den Schülern nicht mehr verlangt als auf staatlichen Schulen. Die Eltern zahlen in Louisenlund im Jahr 28 260 Euro, weil ihre Kinder individuell gefördert werden. "Die Definition Elite darf bei den privaten Anbietern aber nicht dazu verkommen, nur zu signalisieren, dass man sich so etwas leisten kann", findet Narjes von der Uni Hamburg. Allerdings hätten Studien ergeben, dass die Leistungen der Kinder eben erheblich vom Elternhaus abhingen. "Auch im staatlichen Bildungssystem", sagt Narjes.

Die Chancenungleichheit setzt sich offenbar in der Wirtschaft fort. Auch dort suchten Manager nach ihresgleichen. Nach Bewerbern, in denen sie sich mit ihren Fähigkeiten, aber auch in ihrem Habitus, und ihrem sozialen Umfeld wiederfänden, hat Friedrichs recherchiert.

Diesen Zusammenhang sieht auch Eliteforscher Michael Hartmann: Vier von fünf Managern der 100 größten Unternehmen stammten aus der Oberschicht, hat der Soziologieprofessor ermittelt. Bei den meisten Vorstandschefs der DAX-Konzerne seien die Eltern Unternehmer, Manager, hohe Beamte oder aus dem Adel. "Die Weichenstellung für die Karriere fängt ja an den Privatschulen an", sagt Narjes. Dort könnten die Schüler von dem Hang der Manager zum sozial ähnlichen profitieren - und schon durch die Netzwerke der Eltern oder der ehemaligen Mitschüler müssten sie sich um einen Job wenig Sorgen machen.