Interview: Buchautorin Friedrichs über die Spaltung der Gesellschaft

"Viele Eltern sind in Panik"

Abendblatt:

Sie benutzen häufig die Begriffe Verlierer und Gewinner in Ihrem Buch. Wer zählt Ihrer Meinung nach zu den Verlierern unserer Gesellschaft?

Julia Friedrichs:

Verlierer sind diejenigen, die keinen Zugang zu guten Bildungseinrichtungen haben. Bei meinen Recherchen habe ich eine Familie besucht, die in der dritten Generation von Hartz IV lebt. Die kleine elf Monate alte Tochter hatte noch nicht einmal einen eigenen Kindersitz, kein Spielzeug, und die Onkel der Kleinen gingen auf Schulen, deren Schulleiter sagte, er bereite die Kinder auf nichts als die Arbeitslosigkeit vor. In so einer Situation müsste ein Kind schon einen übermenschlichen Eigenantrieb entwickeln, das alles wettzumachen.



Abendblatt:

Und wen sehen die von Ihnen befragten Eliteschüler und -Studenten als Verlierer?

Friedrichs:

Sie glauben eher, dass vieles in der eigenen Schuld eines Menschen liegt. Wer sich in Deutschland anstrenge, könne es auch zu etwas bringen. In ihrer eigenen Welt, auf ihren Schulen und Universitäten stimmt diese Sichtweise ja auch. Wer sich dort anstrengt, muss sich um sein Leben keine großen Sorgen mehr machen.



Abendblatt:

Und wer gehört Ihrer Meinung nach zu den Gewinnern?

Friedrichs:

Nach den Kriterien Geld und Karriere sind es sicher diejenigen, die auf die Eliteunis gehen. Andererseits muss man auch die Opfer sehen, die diese Leute bringen müssen: Sie sind komplett durchgetaktet, haben eine 60-Stunden-Woche an der Uni, arbeiten später in der Unternehmensberatung nicht selten 70 bis 80 Stunden. Ich habe junge Leute getroffen mit Schlafstörungen und Bandscheibenvorfällen. Außerdem haben sie ja häufig gar nicht die Zeit, über sich nachzudenken, eine Persönlichkeit zu formen und zu überlegen, was sie wirklich interessiert. Sie sind damit auf gewisse Weise Gefangene in ihrem eigenen Leben.



Abendblatt:

Sind denn die Begriffe Gewinner und Verlierer angemessen, um eine Gesellschaft zu strukturieren?

Friedrichs:

Sie dienen dazu, die aktuelle Spaltung zu beschreiben. Die Mitte zerbröckelt. Das ist ja auch der Grund, warum viele Eltern schon die frühkindliche Förderung wählen, damit die Kinder bloß nicht nach unten kippen. Heute gibt es praktisch nicht mehr die Durchlässigkeit nach oben, ein "halb geschafft", sondern nur ein Entweder-oder. Und deshalb sind viele Eltern heute in Panik, wenn es um die Ausbildung ihrer Kinder geht. Manche verschulden sich dafür auch.



Abendblatt:

Wie sehen denn die jungen Leute an den Eliteschulen und Universitäten ihre Rolle in der Gesellschaft? Welche Verantwortung sind sie bereit zu übernehmen?

Friedrichs:

Als überraschend habe ich empfunden, dass die meisten "auf gar keinen Fall" in die Politik gehen wollen. Den Politikern wird wenig zugetraut, und die Macht, so sagen die Schüler und Studenten, hat am Ende ohnehin die Wirtschaft.



Abendblatt:

Und welche Berufsziele haben die Studenten der Wirtschaftseliteunis?

Friedrichs:

Die überwiegende Zahl will in Unternehmensberatungen und in Banken, speziell im Investmentbanking, Karriere machen. Dort sitze die wahre Macht der Wirtschaft, sind sie überzeugt.



Abendblatt:

... Und dort wird ja auch sehr gut bezahlt. Wie stehen die Studenten denn zur Diskussion über Managergehälter?

Friedrichs:

Bei Gesprächen über Geld kommt immer wieder das Argument der Neiddebatte. Die meisten finden die Gehälter angemessen. Wer sich sehr angestrengt habe, etwas zu erreichen, müsse dafür auch belohnt werden. Es stehe den Managern dann zu. Und wer daran Kritik übe, könne ja selber mehr leisten, um dann auch höher belohnt zu werden.



Abendblatt:

Stimmt denn das Argument, die Managergehälter müssten in Deutschland ein gewisses Niveau haben, damit nicht die besten in die USA gehen, wo noch besser bezahlt wird?

Friedrichs:

Nein, es gehen nicht viele Absolventen der Eliteunis in die USA. Überhaupt ist Auswandern nicht so das Thema. Nach wie vor kommen die Vorstände großer Unternehmen in den USA ja auch aus Amerika und höchstens Großbritannien. Genauso wie bei uns die Spitzen der DAX-Konzerne aus Deutschland oder vielleicht noch aus der Schweiz oder Österreich kommen. Es gibt auch heute noch keine wirklich globale Wirtschaftselite.