Riesenverluste beim Wohnungskauf

Schrottimmobilien: Maklerin legt dutzende Hamburger herein. Guten Glaubens Eigentum erworben - was bleibt, sind Schulden. Ein Betroffener erzählt.

Hamburg. Jens Landherr kann es immer noch nicht fassen: "Ich bin regelrecht über den Tisch gezogen worden - durch meine Gutgläubigkeit." Heute hat der Hamburger 500 000 Euro Schulden. So wie Landherr haben mehr als 300 000 Bundesbürger über dubiose Makler vermietete Wohnungen gekauft, die sich im Nachhinein als weit überteuert erwiesen haben. Die versprochene Finanzierung aus den Mieteinnahmen ist längst zusammengebrochen, geblieben sind hohe Schulden.

Anders als in den meisten Fällen sogenannter "Schrottimmobilien" geht es bei Jens Landherr nicht um Wohnungen in Ostdeutschland. Ihm sind zwischen 1995 und 2001 drei Wohnungen verkauft worden, die alle in Hamburg liegen - zwei in Eimsbüttel, eine in Wandsbek. Alle drei hat er von einer Lüneburger Maklerin erworben, die damals für die Kredite auch mit der Haspa zusammengearbeitet hat.

Auf diese Maklerin sind zahlreiche weitere Hamburger hereingefallen. "Mir sind mindestens 60 Betroffene im Raum Hamburg bekannt", sagt Thomas Kerscher, Leiter des Privat-Instituts der Bankmediation in Mering bei Augsburg. Wahrscheinlich gebe es aber eine dreistellige Zahl von Geschädigten. Für 20 Mandanten versucht Kerscher, eine außergerichtliche Einigung zu erreichen. Der drohende finanzielle Ruin hatte nicht selten psychische und körperliche Probleme zur Folge: "Viele der Mandanten haben ständig Alpträume oder sind dauerhaft in ärztlicher Behandlung", so Kerscher.

Die durchschnittliche Überschuldung bei den Wohnungsfinanzierungen seiner Mandanten liege bei 135 000 Euro. Dabei hatten die Opfer - anders als häufig vermutet - in der Regel keine überdurchschnittlichen Einkommen.

Jens Landherr hat zwar seinen Arbeitsplatz als Techniker bei DaimlerChrysler behalten, aber ein Großverdiener ist auch er nicht. "Ich war damals ledig und hatte Steuerklasse Eins, da wollte ich Steuern sparen", sagt er. Über seinen Versicherungsmakler bekommt er Kontakt zu der Immobilienmaklerin. Er hat spontan Vertrauen zu ihr und kauft eine Wohnung beim Schlump für umgerechnet 165 000 Euro - ohne sie zu besichtigen und zu 100 Prozent kreditfinanziert. Es sei ja nicht nötig, daß er sich mit den Formalitäten herumschlage, sagt die Maklerin und läßt sich eine umfassende Vollmacht geben.

Als ihm die Frau später mitteilt, sie habe die erste Wohnung verkauft und er könne nun eine zweite erwerben, läßt er sich darauf ein. 2001 wiederholt sich dies. Erst hinterher erfährt Landherr, daß kein Objekt verkauft wurde, ihm nun drei Wohnungen gehören.

"Das war eine sehr große Naivität", sagt Landherr, "heute mache ich mir deswegen selbst Vorwürfe." Er wird nicht einmal stutzig bei einer "Mietgarantie", die für die Wohnung von 59 Quadratmetern in Wandsbek eine Kaltmiete von 1200 Euro über zehn Jahre vorsieht. Wie weit die Immobilien überteuert sind, zeigt ein Beispiel: Bei einem Kaufpreis von knapp 200 000 Euro seien ohne Landherrs Wissen 103 000 Euro direkt an die Maklerin geflossen, so der Hamburger Rechtsanwalt Volker Wenzel, der mehrere Geschädigte vertritt. Auch die Haspa schöpfte offenbar keinen Verdacht. "Es kann vorkommen, daß wir uns bei einer Immobilienfinanzierung das Objekt nicht vor Ort ansehen", sagt Haspa-Sprecher Marcus-Andree Schoene und er räumt ein: "Wir können nicht ausschließen, daß im Einzelfall Bearbeitungsfehler vorliegen." In solchen Fällen sei man zu einer außergerichtlichen Einigung bereit.

Gegen die Maklerin haben Betroffene inzwischen Anzeige erstattet, außerdem laufen Zivilklagen. Für manche der Opfer wird die Zeit knapp. "Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll", sagt Jens Landherr. "Ich muß eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen und die Hälfte des Grundstücks verkaufen."

Wenigstens die erste der drei Wohnungen wird er jetzt los - mit 50 000 Euro Verlust.

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