Chinesische Mode aus Hamburg

Warum ein großer Staatskonzern aus Peking Europa von von der Elbe aus erobern will.

Hamburg. Sogar der Bürgermeister kommt. Ole von Beust wird heute das Mode Contor Hamburg in den Deichtorhallen eröffnen. Ein wichtiger Termin für den obersten Strategen der Stadt. Schließlich verbirgt sich hinter dem Mode Contor der große chinesische Staatskonzern Chinatex. Das Pekinger Unternehmen will von Hamburg aus seine Mode in ganz Europa verkaufen. Produziert wird die Bekleidung in rund 60 Fabriken in China. Unter welchem Label die Kleider, Jacken oder Hosen angeboten werden, ist noch streng geheim. Yan Wang, Geschäftsführer vom Mode Contor, hat zwar bereits einen Namen, doch den will er noch nicht verraten. Er muss ihn erst noch schützen lassen. Chinatex ist der vorläufige Höhepunkt einer bislang beispiellosen Ansiedlungspolitik der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF). Aus China und Taiwan sind bereits rund 240 Unternehmen in Hamburg ansässig, viele sogar mit ihrer Europazentrale. Damit hat die Hansestadt mehr Unternehmen aus dem Reich der Mitte als jede andere deutsche Stadt. Doch nicht nur die Nähe zu den Landsleuten dürfte bei Chinatex für die Wahl des Ansiedlungsstandortes entscheidend gewesen sein, sondern auch der Hafen und die Vielfalt, die die Stadt im Modebereich bereits aufzuweisen hat. Hamburg ist zwar als Stadtstaat mengenmäßig nicht die deutsche Hochburg der Modewirtschaft, wie eine dem Abendblatt vorliegende vertrauliche Studie der HWF zeigt, aber qualitativ muss sich die Stadt hinter den großen Flächenländern nicht verstecken. Hamburg hat mit der Otto-Gruppe und Tchibo nicht nur zwei der größten Textilhändler - die viel in China einkaufen - in der Stadt, Hamburg zählt auch zu den bedeutenden Produzenten von Markenmode. Zum Beispiel Jil Sander: Das inzwischen zum Prada-Konzern gehörende Unternehmen (rund 140 Millionen Euro Umsatz) vertreibt auch die Bekleidungsfirma Olsen (150 Millionen Euro) Mode von Hamburg aus. Konkurrent Tom Tailor (siehe unten, 348 Millionen Euro Umsatz) verkauft nicht nur von Hamburg aus Bekleidung, Taschen oder andere Accessoires, sondern will jetzt auch stark in China wachsen, dort rund 40 Läden eröffnen. Partner für das Hamburger Unternehmen ist die Mode Contor-Mutter Chinatex. Auch im unteren bis mittleren Preissegment hat Hamburg einiges zu bieten. Die Gruppe Dr. Rehfeld Holding (rund 100 Millionen Euro Umsatz) liefert Bekleidung unter ihrer Eigenmarke Broadway laut der HWF-Studie in 25 Länder in Europa. Kunden sind Fachhändler. Hinzu kommen zahlreiche kleinere, aber nicht minder bekannte Produzenten wie Marc Anthony oder Iris von Arnim mit ihrem Modelabel. Direkt in Hamburgs Nachbarschaft Lüneburg sitzen die Geschäftsführungen der Marken Lucia (73,5 Millionen Euro Umsatz) und Roy Robsen (52,7 Millionen), während die Textilkette Jean Pascale in Norderstedt gegründet wurde. Die dem Abendblatt vorliegende Textilstudie will die HWF als Ansiedlungsargument für neue Firmen aus dem Ausland nutzen. Zumindest in China dürfte Hamburg auch in Zukunft die besten Chancen haben. Und das nicht nur im Textilbereich. Die Wirtschaftsförderer führen nahezu jede Woche Gespräche mit Firmen vor allem aus der Volksrepublik, die von Hamburg aus ihr Europageschäft aufbauen wollen. Bürgermeister Ole von Beust wird demnach noch öfters Termine zur Eröffnung von chinesischen Niederlassungen in Hamburg wahrnehmen dürfen.