Netflix-Serie

Anke Engelke: „Eigentlich würde ich ganz gerne weinen“

 Anke Engelke als Trauerrednerin Karla Fazius in einer Szene der Serie "Das letzte Wort".

Anke Engelke als Trauerrednerin Karla Fazius in einer Szene der Serie "Das letzte Wort".

Foto: Frederic Batier / dpa

Mit ihrem Auftritt als Trauerrednerin in der Serie „Das letzte Wort“ hat sich das Verhältnis zum Leben für Anke Engelke verändert.

„Das letzte Wort“, die Netflix-Serie über eine Trauerrednerin, wurde für Anke Engelke zu einem ganz persönlichen Trip in die eigene Gefühlswelt. Dabei blieb dann auch die Beschäftigung mit dem eigenen Schaffen nicht aus, das die 54-Jährige inzwischen kritisch sieht. Denn ihr eigenes Verhältnis zu Leben und Arbeit hat sich in mancher Hinsicht entscheidend gewandelt.

Frau Engelke, wenn man eine Serie wie „Das letzte Wort“ dreht, die sich mit Trauer und Sterben beschäftigt, was macht das mit einem?

Anke Engelke Klar, das Thema ist steineschwer, aber der Dreh und die Herstellung der Serie hatten eine solche Leichtigkeit, dass sich bei mir folgender Effekt eingestellt hat: Jetzt erst recht das Leben genießen, jetzt erst recht mit vollem Bewusstsein durch den Tag latschen, anstatt zu denken ‚Das lohnt sich nicht, ist eh eines Tages alles vorbei’. Ich habe also eher an Zuversicht gewonnen.

Was ja in Zeiten wie diesen nicht gerade leicht ist.

Stimmt, kann man sich aktuell nicht so richtig vorstellen, beschwingt zu sein und sorglos. Aber durch die Dreharbeiten habe ich neue wunderbare Menschen kennengelernt, Thorsten Merten, der den Bestatter spielt, und Nina Gummich, deren Mutter ich in der Serie spielen darf, möchte ich nicht mehr missen. Dann und wann entwickle ich so eine Nähe zu Kolleginnen und Kollegen. Und diese Nähe ist dann das Gegenteil von Angst.

Hatten Sie erwartet, dass die Serie so eine Wirkung auf Sie haben könnte?

Null, aber das ist ja das Bonusgeschenk in diesem Beruf, dass man als Schauspieler nicht weiß, wohin die Reise geht. Dafür muss man nicht einen Krimi mit Schießereien und Verfolgungsjagden oder eine Mystery-Serie mit Drachen drehen. Wenn es um Gefühle geht, dann weiß man nicht, wo einem der Kopf steht, und das ist so aufregend. Ich wollte mir bei „Das letzte Wort auch nicht vorstellen, was da auf mich zukommt. Natürlich kannte ich alles, jedes Wort, den letzten Satz aus der letzten Folge. Ich hatte ja die Drehbücher gelesen. Inhaltlich wusste ich also, wohin es geht. Aber die emotionale Reise stand nicht auf dem Ticket.

Haben Sie denn durch die Arbeit an der Serie verstanden, was Trauern bedeutet?

Es gibt keine eindeutige Antwort, was Trauern bedeutet, und das finde ich eigentlich ganz beruhigend. Das sage ich nicht aus Faulheit oder Pragmatismus. Man kann sich theoretisch damit auseinandersetzen, man kann recherchieren, was ich auch gemacht habe. Aber jeder Fall ist anders, weil jeder Mensch eine individuelle Emotionalität hat – das ist wie ein Fingerabdruck. Der Umgang mit Verlust, jede Trauer, jede Form der Liebe ist bei jedem Menschen einzigartig. Man kann das also nicht antizipieren und sich darauf einstellen, wie man reagieren wird.

Aber kennen Sie sich gut genug, um zu wissen, wie Sie generell mit Schicksalsschlägen umgehen?

Das ist sehr abhängig von der Situation. Es gibt kein Muster bei mir. Ich kenne das sowohl, dass ich mich in mich zurückziehe und nicht sprechen kann oder möchte, und das finde ich generell auch ganz gut, Traurigkeit zulassen. Andererseits gibt es auch Momente, in denen Ablenkung hilft. Da verfalle ich in so einen Aktivismus, bis ich auf einmal merke ‚Oh, da ist noch etwas, das ich noch nicht verarbeitet habe. Eigentlich würde ich ganz gerne weinen.’ Beides gibt es im Beruflichen wie im Privaten, das betrifft mich sowohl als Schauspielerin als auch als Frau.

Als Kreative haben Sie ja die Möglichkeit, etwas zu hinterlassen, was nach Ihnen bleiben wird. Ist das denn ein Gedanke bei Ihrer Arbeit?

Nö. Ich habe erst relativ spät kapiert, dass meine Arbeit bleibt. Ich gehöre zum Glück noch zu den Menschen, die sich künstlerisch ausgedrückt haben, ohne dass das konserviert wurde.

Wieso zum Glück? Ist es nicht positiv, wenn die eigene Arbeit Bestand hat?

Kommt darauf an. Einerseits ist es schön, wenn ich etwas mache, was die Menschen schätzen und sich immer wieder angucken oder anhören wollen. Aber genauso bremst mich dieses Bewusstsein. Denn wenn ich bedenke, dass das für immer ist, dann halte ich inne: ‚Warte mal, willst du, dass die Menschheit noch in ein paar Jahren sehen kann, was du gerade machst? Hast Du dir das genau überlegt?’

Sind das jetzt Ihre Überlegungen?

Dieses ‚Oh Vorsicht’-Denken, das habe ich erst seit ein paar Jahren. Zu „Wochenshow“- oder „Ladykracher“-Zeiten habe ich bestimmt Dinge gemacht, gespielt oder gesagt, die ich heute so nicht mehr machen würde. Wir sind mitten in einem Prozess bei dem wir genauer hinschauen, wie Menschen miteinander umgehen, ob sie mit Themen jemand verletzen, der struktureller Ausgrenzung ausgesetzt ist. Dieses Denken sollten wir lernen und verinnerlichen, ich fange bei mir an.

Aber wären Sie denn interessiert, als Kreative unsterblich zu werden?

Auweia, die Frage ist viel zu groß. Das ist nicht die Liga, in der ich spiele. Ich mache nichts, was Leute in 100 Jahren noch super finden werden. Aber Künstler werden ja unsterblich, ohne es zu wissen.

Und wie ist es mit uns als Personen? Ist es mit uns eines Tages völlig aus und vorbei?

Kann und möchte ich mir nicht vorstellen. Mir passiert es dann und wann, dass ich innehalte und zum Beispiel einen Satz nicht beende, weil ich irgendetwas gespürt habe. Aber ich bin nicht esoterisch oder religiös. Jedenfalls kann es nicht sein, dass Seelen verschwinden. Das kann mir keiner erzählen.

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