Star-Tenor

Rolando Villazón: „Wir sollten neue Regeln schaffen“

Rolando Villazón wollte vor vielen Jahren Priester werden. „Seit ich dieses Ziel aufgegeben habe, habe ich keinen Glauben mehr“, sagt der mexikanisch-französische Star-Tenor, der auch Romanautor ist.

Rolando Villazón wollte vor vielen Jahren Priester werden. „Seit ich dieses Ziel aufgegeben habe, habe ich keinen Glauben mehr“, sagt der mexikanisch-französische Star-Tenor, der auch Romanautor ist.

Foto: dpa Picture-Alliance / Hans Leitner / picture alliance / Hans Leitner

Star-Tenor Rolando Villazón spricht im Interview über seine Arbeit als Musiker und Autor, über Regeln und über die Bedeutung von Kunst.

Essen. Man könnte glauben, dass Opernsänger Rolando Villazón keine Auftritte braucht. Immerhin ist er mit seinem Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ aktuell in den Bestsellerlisten vertreten. Sein erstes Konzert anlässlich seines neuen Albums „Serenata latina“ findet online statt. Und er kam auch mit dem Lockdown zurecht. Aber wer mit dem 48-Jährigen spricht, der spürt ein solches Temperament, geistige Beweglichkeit und mentale Energie, dass klar ist: Dieser Mann braucht eine Plattform in der Realität.

Ihr aktueller Roman entstand aus den Erinnerungen an Proben und Auftritte bei den Salzburger Festspielen. Wie sehr vermissen Sie das?

Rolando Villazón: Natürlich möchte ich bald wieder Proben absolvieren und unter Publikumsbedingungen singen. Die aktuellen Einschränkungen ergeben für mich keinen Sinn. Es ist möglich, die Leute für eineinhalb Stunden in ein Flugzeug zu packen, aber gleichzeitig lässt man nur hundert Menschen in ein Theater, das 2000 Zuschauer fasst.

Die Hauptfigur Ihres Romans, ein hoffnungsvoller Opernsänger, ist ein Gefangener von Regeln, die ihm das Leben schwer machen. Wie ist es mit Ihnen? Mussten Sie gegen alte Regeln kämpfen?

Villazón: Als Kind habe ich gegen Regeln gekämpft. Wobei „kämpfen“ vielleicht ein zu starkes Wort ist. Was sind Regeln? Sie sollen uns Sicherheit und Struktur bringen, damit unsere Gesellschaft funktionieren kann. Aber wenn sie nicht mehr der Realität entsprechen, dann werden sie zu Ketten. In der Kunst gibt es gute Regeln. Die fördern Kreativität und Verrücktheit, sie helfen, dass Kunst modern bleibt. Veraltete, konservative Regeln dagegen passen nicht zu unserer Zeit und uns Künstlern. Und dagegen sollte man nicht unbedingt kämpfen, sondern vielmehr sollte man neue Regeln schaffen, so dass wir die alten nicht mehr brauchen.

Sie haben zwei Söhne, 17 und 16. Hilft Ihnen deren Sichtweise auf die Welt, alternative Regeln zu entwickeln?

Villazón: Ich bewundere ihre kreative Energie, mit der sie neue Regeln aufstellen. Das ist eine ganz tolle Generation. Einerseits haben sie viele Möglichkeiten und andererseits sind sie mit enormen Herausforderungen konfrontiert, die ihnen direkt vor Augen stehen. In meiner Generation musste man fernsehen oder Zeitung lesen, um zu wissen, was in der Welt geschieht. Weil es in meinem Elternhaus keine Zeitung gab, wusste ich nicht, was in der Welt los war. Anders dagegen meine Kinder. Sie stecken schon tief in Themen drin, die ich erst ab 20 wahrgenommen habe – Ökologie, Rassismus oder Homophobie. Und es ist hoch interessant, wie sie ihre eigene Philosophie konstruieren. Sie lehren mich, dass ich die Antworten, die ich gefunden habe, hinterfragen muss. So stelle ich mir die gleichen Fragen, die ich mir schon früher gestellt habe, noch einmal: Wer sind wir? Was machen wir hier? Denn die Gesellschaft ist komplett anders. Das Bewusstsein hat sich verändert und deshalb muss ich eine neue Wahrheit finden.

Wie suchen Sie die?

Villazón: Ich orientiere mich da an Kants drei Arten des Fürwahrhaltens. Er meint: Das Glauben ist subjektiv betrachtet ausreichend, objektiv betrachtet dagegen nicht ausreichend. Das Meinen ist sowohl subjektiv und objektiv gesehen ungenügend, um ein Urteil zu fällen. Das einzige, was subjektiv und objektiv betrachtet ausreicht, das ist das Wissen. Ich muss also Wissen erlangen und das Meinen aufgeben.

Was ist für Sie eine objektive Wahrheit?

Villazón: Dass wir Menschen alle gleich sind, egal woher wir kommen, welche Sprache wir sprechen oder welche Hautfarbe wir haben. Es geht dabei nicht um Toleranz. Das sind Fakten, die einfach gegeben sind und die wir als Tatsache anerkennen müssen. Es ist einfach so. Zum Glück sind auch meine Kinder zu dem gleichen Schluss gekommen.

Was ist das Bestmögliche, was wir in der aktuellen Krise tun können?

Villazón: Ich war in den 60 Tagen des Lockdowns sehr diszipliniert. Es war auch die richtige Entscheidung, damit eben die Krankenhäuser genügend Kapazitäten haben. Aber jetzt müssen wir überlegen: Wollen wir unsere Freiheit wegen der Gesundheit aufgeben? Wollen wir einen zweiten oder dritten Lockdown? Meine Antwort ist „nein“ – jetzt müssen wir wieder die Möglichkeit haben, um uns auszudrücken und für Gleichheit, Freiheit, Liebe und gegen Rassismus zu kämpfen. Das heißt: Die Kunst muss zurück! Sie ist so notwendig wie unsere Nahrung. Wir brauchen sie auf unserem Esstisch. Ganz dringend.